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Terror in Dänemark : Das ist kein Thriller

  • -Aktualisiert am

Sichtlich mitgenommen: die dänische Premierministerin Helle Thorning-Schmidt während der Pressekonferenz nach dem Attentat Bild: dpa

Dänemark ringt nach den Attentaten in Kopenhagen um Fassung. Die Rückkehr zur Normalität wird nicht leicht. Die extremen Stimmen melden sich schon.

          Die Schüsse in Kopenhagen können niemanden überrascht haben. Dänemark als friedlicher Außenposten – das ist ein Gedanke, der ohnehin viel zu lang von unserer Sehnsucht nach einem besseren Ort geprägt worden war. Er verschwand an dem Tag von der mentalen Landkarte, an dem Demonstranten im Nahen Osten die rote Flagge mit dem weißen Christenkreuz verbrannten – als Reaktion auf die von „Jyllands-Posten“ im Herbst 2005 veröffentlichten Mohammed-Karikaturen.

          Anschlagsversuche auf nordische Karikaturisten und vereitelte Anschläge auf „Jyllands-Posten“ hat es seitdem eine ganze Reihe gegeben, von den Pariser Anschlägen im Januar, die ja ebenfalls zur Geschichte des Karikaturenstreits gehören, ganz zu schweigen. Es war davon auszugehen, dass abermals Schlimmes passiert.

          Trotzdem konnte man bei der Pressekonferenz, die Dänemarks sozialdemokratische Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt am Tag nach den Schüssen auf eine Diskussionsrunde und eine Synagoge gab, allein an ihrem müden Gesicht und ihrer aufgewühlten Stimme das Entsetzen erkennen, das Dänemark packt: Nun gibt es Tote im eigenen Land, mitten in der Stadt.

          Einfach weiter machen?

          Dass es ohne den Einsatz der anwesenden Polizisten und Sicherheitsleute zu einem weit größeren Blutbad hätte kommen können, wie die Ministerpräsidentin als auch die Justizministerin betonten, ist ein schwacher Trost. Zwei Tote sind zwei Tote zu viel, so sehr es in der Natur der Sache liegt, dass die offene Gesellschaft immer verwundbar sein wird.

          „Wir haben den hässlichen Geschmack der Furcht und Ohnmacht geschmeckt, den der Terror so gerne schaffen mag“, sagte Thorning-Schmidt. Allerdings kenne die Gesellschaft auch die Antwort: Weiterhin so denken und reden, wie man will, so leben wie gewohnt und die Meinungs- und Religionsfreiheit verteidigen. „Das hier ist kein Kampf zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen. Das ist ein Kampf zwischen der Freiheit des Einzelnen und einer dunklen Ideologie.“

          Einfach weitermachen? Das ist leichter gesagt denn getan. Auch die verstärkte Polizeipräsenz dürfte das Denken und Reden für eine Weile verändern. Kopenhagen, sagte Justizministerin Mette Frederiksen, wird in der nächsten Zeit „anders aussehen“ und „anders klingen“ als das Kopenhagen, das man kennt.

          Wie es klingen kann, wo die Furcht besonders tief sitzt, lässt sich auf der Online-Seite von „Jyllands-Posten“ erahnen. Während ein Leitartikler darüber nachdachte, dass mit dem Überfall auf eine Diskussionsrunde nun auch die Versammlungsfreiheit und mit den Schüssen an der Synagoge (wie in Paris) ein jüdisches Ziel attackiert worden sei, tobten sich die Leser bereits unter einem Blog-Beitrag des rechtskonservativen Publizisten Morten Uhrskov Jensen aus.

          Dunkle Kräfte

          Ohne dass die Identität des Täters bekannt gewesen wäre, hatte der gleich nach den ersten Meldungen am Samstag formuliert: „Wenn die Schüsse von heute ein Terrorangriff sind, liegt eine bleischwere Verantwortung auf den Politikern, die die Masseneinwanderung vor allem aus muslimischen Ländern nicht stoppen wollen.“

          Die „dunklen Kräfte“, von denen die Ministerpräsidentin und die Justizministerin sprachen, machen gegen die liberale Gesellschaft mobil. Nichts deutet darauf, dass es sich um einen Thriller handelt, der nur in Dänemark läuft. 

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