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Gesamtwerk der Band Blumfeld : Ein Lied mehr, das dich festhält

  • -Aktualisiert am

Der Blumfeld-Sänger und -Gitarrist Jochen Distelmeyer im Stadtpark Hamburg um 1990. Bild: Ullstein

Die Band Blumfeld veröffentlicht ihr Gesamtwerk von 1992 bis 2006 als „New Vinyl Edition“. Vieles daran lässt uns heute noch nachhaltig innerlich aufleuchten.

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          In einem etwas überschätzten Buch hat Simon Reynolds vor einigen Jahren die zunehmende Flut von überdimensionierten CD-Box-Sets, luxuriös ausgedehnten Revival-Tourneen und Live-Reenactments von quasilegendären LPs als Symptome einer weit ausgreifenden „Retromania“ gedeutet, die die Gegenwart von Pop mit dessen eigener Vergangenheit überschwemmt. Es war schon damals alles nicht so schlimm, wie Reynolds es darstellt, zumindest nicht für die weiterhin ganz lebendige Gegenwart von Pop. Die Wiederveröffentlichungs- und Wiedervereinigungswellen haben seitdem allerdings tatsächlich nicht mehr aufgehört, sich auszubreiten. Seit Mitte der 2010er Jahre hat auch die zuvor öffentlichkeitswirksam aufgelöste Hamburger Band Blumfeld bei derartigen Dingen mitgemacht.

          Erst leicht verschobene Live-Remakes der 20 Jahre zuvor erschienenen LPs „Ich-Maschine“ und „L’Etat et Moi“, dann ein paar Reunion-Touren in erweiterter Originalbesetzung und nun, kurz vor Weihnachten, die Klassiker-Ausgabe: das Gesamtwerk von 1992 bis 2006, sechs LPs, wiederveröffentlicht als „New Vinyl Edition“, versehen mit den gängigen Anreizsystemen wertiger 180-Gramm-Vinylpressungen und Gatefold-Cover, ansonsten aber im Originalzustand belassen. Kein Bonusmaterial, keine Raritäten, keine zuvor unveröffentlichten Fundstücke. In stilvoll reduzierter Form also auch hier Rückschau, Werkpolitik und Selbstmusealisierung. Warum aber stellt sich der sonst meist mitgelieferte Nostalgieterror kaum ein?

          Immer noch verblüffend fresh

          „Ghettowelt“, das erste Stück der ersten Single und wenig später auch der ersten LP „Ich-Maschine“, klingt immer noch so gegenwärtig wie im Herbst 1991, strahlt immer noch so dringlich und wichtig wie ein paar Monate zuvor Jochen Distelmeyer, als er, eigentlich schon länger in Hamburg, in einem Nebengang vom Forum Enger, einem kleinen Club in der Nähe von Bielefeld, in dem auch Bernadette La Hengst, Frank Spilker und die anderen aus dem ostwestfälischen Universum um das Label Fast Weltweit viel Zeit verbracht haben, hochaufgeregt mitteilte, sie hätten nun endlich einen Namen für die neue Band: Blumfeld. Der Einwand, der Verweis auf Kafka sei möglicherweise ein wenig aufdringlich, war schon angesichts des hinreißend herzlichen Berichts zum Bandbenennungsprozess nicht wirklich tragfähig. Die Energie, die „Ghettowelt“ und alles Folgende kurz darauf freigesetzt haben, ließ ihn dann vollkommen irrelevant werden. Nach Jahren in diversen gut ausgebauten, aber eben auch zunehmend überraschungsfreien Punkrock- und Gitarrenpop-Nischen war da etwas, das neu, anders, offener war, nicht nur für Ostwestfalen und nicht nur für Hamburg.

          Beim Wiederhören von „Ich-Maschine“ kann man nun feststellen, dass das alles immer noch verblüffend fresh klingt, fast zeitlos, und zugleich im besten Sinn dated. Das faszinierte Neuentdecken von Sonic Youth und Public Enemy, von Noise und Hip-Hop, ist hier tatsächlich eingeschrieben und aufgehoben, abtastbar als plötzlich selbstverständliches Neben- und Miteinander von weitgehend refrainfreiem Songwriting, strukturiertem Gitarrenlärm und ungewöhnlich textlastigem Sprechgesang, der in Sachen Komplexitätsflow, Überdeterminierung und Zuspitzungszumutungen dem Rap von Rakim und Chuck D ähnlich viel verdankt wie der popkompatiblen Theoriebildung von Klaus Theweleit und Diedrich Diederichsen.

          Die eigentümlich nachrichtensprecherhafte Art, in der die massiv überladenen und doch frei fließenden, fast schwebenden Songtexte Reflexionen über Liebe, Sexualität, Geschlechtsidentität, Macht, Politik, Gesellschaft, Kritik und manches mehr ineinandergreifen lassen, hat einige schnell schwer genervt, ein paar mehr aber tatsächlich berührt. Dass das auch passieren kann, wenn man all diese Zusammenhänge nicht kennt, weil man sich für anderes interessiert hat oder möglicherweise gerade erst geboren wurde, als viele Blumfeld für die wichtigste Musik zur Zeit hielten, lässt sich jetzt als schöner Nebeneffekt der Neuauflage beobachten.

          Nicht wirklich nostalgiefähig

          „L’Etat et Moi“, die zweite, zuerst 1994 veröffentlichte LP, erweist sich beim Wiederhören ebenfalls als nicht wirklich nostalgiefähig. Auch hier gibt es etwas, das sich dem Musealisierungseffekt widersetzt. Die Lust am Diskursiven schafft sich noch mehr Raum, aber weiterhin als integrales Element einer Musik, für die die selten gewählte Kennzeichnung Rock ’n’ Roll nie wirklich falsch war, die aber zugleich immer auch Pop war, in den heftigsten Angriffen auf Pop, wie in „Ghettowelt“, aber auch, wenig später, bei dessen fortschreitender Sublimierung.

          Die schmelzenden Affekte, mit denen Blumfeld auf „Old Nobody“, nach längerer Wartezeit und signifikanten Umbesetzungen 1999 erschienen, deutlicher als zuvor das Gebiet des Angenehmen durchquert, markieren in diesem Sinn nicht einen Bruch mit der eigenen Vergangenheit, sondern nur die Verschiebung in einen anderen Aggregatzustand. So konnte über Prozesse der Resublimierung und Kondensation zwei Jahre später auf „Testament der Angst“ plötzlich auch wieder Punkrock die Ordnung der Dinge regeln. Zugleich aber, und das ist hier wichtig, wurde der Weg frei für die, nun ja, fast gasförmig sentimentalischen Projektionen des Idyllischen, die dann auf „Jenseits von Jedem“ (2003) und „Verbotene Früchte“ (2006) auf bemerkenswerte und für manche auch bedenkliche Weise weiter verfeinert und zerstäubt wurden.

          Einige sind bei diesen Prozessen auf der Strecke geblieben, auch weil vermeintlich inkompatible Zusammenhänge, Vertextungsverfahren und Welterschließungsweisen, die vorher nur latent erkennbar waren, deutlicher sichtbar und mit verbindlicher Bestimmtheit unkommentiert nebeneinander stehen gelassen wurden. Die Irritationen beim Abendprogramm des Bonner Germanistentags 1997, als Jochen Distelmeyer erst eine frühe Fassung seines streckenweise überdeutlich mit Ingeborg Bachmann arbeitenden Langgedichts „Eines Tages“ vortrug und später hingebungsvoll Gerry Raffertys großen Mittagsmagazinradioklassiker „Baker Street“ auflegte, gehören ebenso dazu wie, paar Jahre später, jene vorangeschrittene Freitagnacht, in der der aus Hamburg angereiste DJ Koze im Studio 672, damals das Wohnzimmer des Kölner Techno-Labels Kompakt, Blumfelds „Tausend Tränen tief“, auf Mickymausstimmenniveau hochgepitcht, verblüffend schlüssig mit Steve Bugs Minimaltechnoklassiker „Loverboy“ unterlegte und so die versammelte Kompakt-Belegschaft, die gleichermaßen anwesende Redaktion der Zeitschrift „Spex“ und genau genommen auch alle anderen kurz schwer verwirrte, dann aber nachhaltig innerlich aufleuchten ließ.

          Den Raum geöffnet

          Vor etwas mehr als 50 Jahren, um auch hier die Gegenwart mit noch etwas mehr Vergangenheit zu überschwemmen, hat Michel Foucault in seinem Vortrag „Was ist ein Autor?“ in einer selten angeführten Passage darauf hingewiesen, dass es im Feld der Wissenschaft Autoren gibt, die, wie etwa Marx und Freud, nicht nur die Autoren ihrer Werke, ihrer Bücher sind. Als Diskursivitätsbegründer haben sie vielmehr auch, schreibt Foucault, die Möglichkeit und die Formationsregeln anderer Texte geschaffen, haben den Raum für etwas anderes als sich selbst geöffnet. Für die Popmusik hat Blumfeld, das zeigen die wieder verfügbar gemachten Platten klarer als die letzten Auftritte, in ebendiesem Sinn diskursivitätsbegründend gewirkt.

          Dass Blumfeld, wie Jochen Distelmeyer rückblickend mitgeteilt hat, für ihn nach der letzten LP weitgehend auserzählt war, spricht nicht dagegen. Andere haben weitergemacht, haben anders weitergemacht. Auch deshalb kann man Blumfeld heute anders hören, neu entdecken, noch einmal oder, noch schöner, erstmals.

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