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Gesamtwerk der Band Blumfeld : Ein Lied mehr, das dich festhält

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Nicht wirklich nostalgiefähig

„L’Etat et Moi“, die zweite, zuerst 1994 veröffentlichte LP, erweist sich beim Wiederhören ebenfalls als nicht wirklich nostalgiefähig. Auch hier gibt es etwas, das sich dem Musealisierungseffekt widersetzt. Die Lust am Diskursiven schafft sich noch mehr Raum, aber weiterhin als integrales Element einer Musik, für die die selten gewählte Kennzeichnung Rock ’n’ Roll nie wirklich falsch war, die aber zugleich immer auch Pop war, in den heftigsten Angriffen auf Pop, wie in „Ghettowelt“, aber auch, wenig später, bei dessen fortschreitender Sublimierung.

Die schmelzenden Affekte, mit denen Blumfeld auf „Old Nobody“, nach längerer Wartezeit und signifikanten Umbesetzungen 1999 erschienen, deutlicher als zuvor das Gebiet des Angenehmen durchquert, markieren in diesem Sinn nicht einen Bruch mit der eigenen Vergangenheit, sondern nur die Verschiebung in einen anderen Aggregatzustand. So konnte über Prozesse der Resublimierung und Kondensation zwei Jahre später auf „Testament der Angst“ plötzlich auch wieder Punkrock die Ordnung der Dinge regeln. Zugleich aber, und das ist hier wichtig, wurde der Weg frei für die, nun ja, fast gasförmig sentimentalischen Projektionen des Idyllischen, die dann auf „Jenseits von Jedem“ (2003) und „Verbotene Früchte“ (2006) auf bemerkenswerte und für manche auch bedenkliche Weise weiter verfeinert und zerstäubt wurden.

Einige sind bei diesen Prozessen auf der Strecke geblieben, auch weil vermeintlich inkompatible Zusammenhänge, Vertextungsverfahren und Welterschließungsweisen, die vorher nur latent erkennbar waren, deutlicher sichtbar und mit verbindlicher Bestimmtheit unkommentiert nebeneinander stehen gelassen wurden. Die Irritationen beim Abendprogramm des Bonner Germanistentags 1997, als Jochen Distelmeyer erst eine frühe Fassung seines streckenweise überdeutlich mit Ingeborg Bachmann arbeitenden Langgedichts „Eines Tages“ vortrug und später hingebungsvoll Gerry Raffertys großen Mittagsmagazinradioklassiker „Baker Street“ auflegte, gehören ebenso dazu wie, paar Jahre später, jene vorangeschrittene Freitagnacht, in der der aus Hamburg angereiste DJ Koze im Studio 672, damals das Wohnzimmer des Kölner Techno-Labels Kompakt, Blumfelds „Tausend Tränen tief“, auf Mickymausstimmenniveau hochgepitcht, verblüffend schlüssig mit Steve Bugs Minimaltechnoklassiker „Loverboy“ unterlegte und so die versammelte Kompakt-Belegschaft, die gleichermaßen anwesende Redaktion der Zeitschrift „Spex“ und genau genommen auch alle anderen kurz schwer verwirrte, dann aber nachhaltig innerlich aufleuchten ließ.

Den Raum geöffnet

Vor etwas mehr als 50 Jahren, um auch hier die Gegenwart mit noch etwas mehr Vergangenheit zu überschwemmen, hat Michel Foucault in seinem Vortrag „Was ist ein Autor?“ in einer selten angeführten Passage darauf hingewiesen, dass es im Feld der Wissenschaft Autoren gibt, die, wie etwa Marx und Freud, nicht nur die Autoren ihrer Werke, ihrer Bücher sind. Als Diskursivitätsbegründer haben sie vielmehr auch, schreibt Foucault, die Möglichkeit und die Formationsregeln anderer Texte geschaffen, haben den Raum für etwas anderes als sich selbst geöffnet. Für die Popmusik hat Blumfeld, das zeigen die wieder verfügbar gemachten Platten klarer als die letzten Auftritte, in ebendiesem Sinn diskursivitätsbegründend gewirkt.

Dass Blumfeld, wie Jochen Distelmeyer rückblickend mitgeteilt hat, für ihn nach der letzten LP weitgehend auserzählt war, spricht nicht dagegen. Andere haben weitergemacht, haben anders weitergemacht. Auch deshalb kann man Blumfeld heute anders hören, neu entdecken, noch einmal oder, noch schöner, erstmals.

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