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Gendersprache : Sprachplanung im Großformat

  • -Aktualisiert am

Bild: Greser & Lenz

Anders als ihre Fürsprecher meinen, ist Gendersprache kein Produkt natürlichen Sprachwandels, sondern ein einzigartiger technokratischer Eingriff.

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          Wer sich mit sprachlichem Paarzwang, bestirnten Wortzerstückelungen und sperrigen Genusvermeidungskonstruktionen noch schwertut, dem spendet die „Handreichung Gendergerechte Sprache“ der RWTH Aachen Trost: „Da die Sprache ständig im Wandel ist, werden manche, zunächst ungewohnt erscheinende Formulierungen, nach einer gewissen Zeit zur Normalität.“ Der politisch motivierte Umbau des Genussystems wird von seinen Betreibern gern als „Sprachwandel“ etikettiert, so als handele es sich um einen ungesteuert ablaufenden Prozess in der Mitte der Gesellschaft. Solche unbewusst stattfindenden Sprachveränderungen gibt es durchaus, sie sind der Motor der Sprachgeschichte: Das Dativ-e fiel ganz von selbst vom Baume, und dass die Medizin heutzutage geschluckt und nicht mehr geschlocken wird, hat kein Spracharzt verordnet. Auch die hochdeutsche Lautverschiebung, die „ik“ zu „ich“ und „eten“ zu „essen“ machte, wurde nicht im Sprachlabor gezüchtet. Oft ist Vereinfachung das Motiv, manchmal spielen Einflüsse fremder Sprachen oder prestigeträchtige Moden eine Rolle.

          Sprachwandel dieser Art ähnelt der Entstehung eines Trampelpfads: Den wenigen, die als Erste das Gras niedertreten, folgen immer mehr, bis ein Weg gebahnt ist. Im Gegensatz dazu geht es beim Gendern mit seinem Versuch, das generische Maskulinum zu delegitimieren, um einen gezielten Umbau der Grammatik, vorangetrieben von Aktivisten und ihrem geneigten Umfeld an den Hochschulen, in Behörden, Unternehmen und Medien. Hier wandelt sich die Sprache nicht, sondern sie wird gewandelt durch politischen und institutionellen Druck von oben: Während Verwaltungen ihren Mitarbeitern das Gendern einfach vorschreiben, beschränken sich die Universitäten in der Regel auf freundliche „Empfehlungen“, die aber tunlichst befolgen sollte, wer seine Noten oder die akademische Karriere nicht gefährden will.

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