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Beim Filmfestival in Odessa : Väter und Söhne

Bild: Picture-Alliance

Das Filmfestival in Odessa knüpft an alte Traditionen an. In diesem Jahr zeigte es sich politisch.

          Odessa. Schon der Name dieser sprühenden, funkelnden, pulsierenden Hafenstadt am Schwarzen Meer lässt wohlige Schauer den Rücken hinunterlaufen. In der Millionenstadt – einst zum Zarenreich, heute zur Ukraine gehörig – gab es, örtlichen Quellen zufolge, bereits 1893 eine Filmvorführung. Somit zwei Jahre vor der Aufführung durch die Gebrüder Lumière in Paris, die in Westeuropa als Geburtsstunde des Kinos angesehen wird. Vor zehn Jahren gründete Viktoria Tihipko, eine kunstbeflissene Kiewer „Businesswoman“, das Odessa Film Festival (OIFF). Über die Jahre ist die Veranstaltung – wie die lange darniederliegende ukrainische Filmproduktion – schön gewachsen. Neben den Wettbewerbsbeiträgen aus aller Herren Ländern werden stets auch ukrainische Filme aufgeführt – etwa der Stummfilm „The Cossacks“ aus dem Hause Metro-Goldwyn-Mayer (1928), der zur Eröffnung an der berühmten Potemkinschen Treppe am Hafen gezeigt wurde.

          Die Helden sind die Kosaken früherer Zeiten. Die „freien Krieger“ sind in der Ukraine heute so identitätsstiftend wie einst die Cowboys im Wilden Westen. Im Film will der junge Kosake Lukaschka ein bequemes Leben führen, während seine Kameraden sich rühmen, „schon zehn Türken umgelegt“ zu haben. Am Ende zieht auch Lukaschka in den Kampf – und bewährt sich. Aber danach ist es nicht seine Angebetete Marjana, die seine Mannhaftigkeit bezeugen muss. Nein, in der Schlussszene beugt sich Lukaschka über seinen sterbenden Vater und fragt mit zitternder Stimme: „Bin ich jetzt ein Kosake?“

          Später war als Premiere Tymur Jaschtschenkos Filmdebüt zu sehen: „Tscherkassy“. So hieß der Minensucher, der 2014 während der Besetzung der Krim von russischen Marineschiffen umzingelt wurde, ausharrte und sich als letztes Schiff der Ukrainer ergab. Hauptfigur ist der junge Lew, dem seine Familie, als die russische Aggression beginnt, sagt: „Sei ein Mann.“ So geht er zur Marine, bleibt seinem Eid treu (während andere Matrosen, des höheren Soldes wegen, überlaufen) und wird bei einer Rangelei mit den Russen erschossen. Ein politisches Seestück, ein Kapitel Zeitgeschichte, die, so der Regisseur, „im Film gespiegelt werden muss“. Auf Nachfrage bekannte Jaschtschenko auch, dass er den vor Odessa spielenden Klassiker „Panzerkreuzer Potemkin“ als Vorbild regelrecht „inhaliert“ habe. Am Ende kam in Odessa der echte Kapitän der „Tscherkassy“ auf die Bühne – fast der gesamte Saal spendete ihm stehend Beifall.

          Der Kommandeur bezeugte, dass sich fast alles so ereignet habe wie im Film gezeigt. Eine Vater-Sohn-Geschichte gibt es auch in Nariman Alijews „Nach Hause“: Ein Krimtatar verliert seinen Sohn an der Front im Donbass, packt die Leiche ins Auto und versucht, für sie auf der besetzten Krim ein Begräbnis in der Heimaterde zu erreichen. Der Film teilte sich den Großen Preis mit Lewan Akins „Und dann haben wir getanzt“, der von der Diskriminierung sexueller Minderheiten in Georgien handelt. Auch wenn die EU heute von tapferen Frauen regiert wird: Draußen in der Welt gilt heute wie schon zu früheren Zeiten, dass nach den Vätern eines Tages auch die Söhne in den Krieg ziehen. Und bitte nicht vergessen: „Nicht durch Reden oder Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden, sondern durch Eisen und Blut“ (Bismarck).

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

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