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Tanzfestival in Montpellier : Und der Tanz bewegt uns doch

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Aggressiv und lustgetrieben: Szene aus Ohad Naharins Choreographie „2019“. Bild: Ascaf

Orientierungslos und doch bei sich: Das Festival Montpellier Danse zeigt großartige neue Positionen.

          4 Min.

          Die Kunstwelt und mit ihr der Tanz überarbeiten einige überkommene Vorstellungen davon, wer Zugang haben soll zum Zirkel der Kunstschaffenden, wer in den Werken, auf den Bühnen repräsentiert sein soll und welche Themen bisher unterrepräsentierter Minderheiten nun vorkommen müssen. Bei Jean-Paul Montanaris Festival Montpellier Danse zeigten drei Arbeiten exemplarisch, wie sich Choreographen zu diesen veränderten Erwartungen verhalten, Erwartungen, von denen nicht immer klar ist, in welchen Rollen oder Funktionen und in welcher Zahl Subjekte der Geschichte sie formulieren. Selbst wenn es nur wenige Akteure sind, die prominent Forderungen erheben, und sich die Mehrheit der Gesellschaft eher träge diesen Forderungen mehr fügt als anschließt – es ist interessant zu beobachten, wie sich der Tanz dazu verhält.

          Wie sich die Geschichte wiederholt, spiegelt sich in dem plakativsten Werk, Ohad Naharins Choreographie „2019“. Wie sich jemand, dem der Zugang zum Tanz lange verwehrt blieb, in einer Choreographie gleichsam ohne Tanz ausdrückt, ist in Nacera Belazas „L’Envol“ zu sehen, während Noë Souliers „First Memory“ den höchsten Abstraktionsgrad aufweist, indem es Alltagsbewegungen zerteilt, unterbricht, verfremdet, rhythmisch organisiert, durch Wiederholungen inter­essant macht.

          Beklemmend schwarz

          Vielleicht ist das Problem des Tanzes der Gegenwart, dass er keine Meinung mehr zu seinen Mitteln zu haben scheint, da auch dem Publikum jedes von ihnen recht zu sein scheint. Indem es mehr darauf ankommt, wer spricht, und weniger, wovon, wie konkret und wie diskursiv gesprochen wird, verlieren ästhetische Urteile an Bedeutung. Mit Blick auf Nacera Belazas Stück „L’Envol“ – „Emporfliegen“ – bleibt einem der Versuch, ihr Stück einzuordnen, im Hals stecken. Auf der Zuschauertribüne im Studio Bagouet in der Agora, dem Zuhause des zeitgenössischen Tanzes in Montpellier, ist es eng und bedrückend still, und die Dunkelheit ist beklemmend schwarz. Elektronische Klänge setzen ein, ein dumpfes Wummern, über dem ein bösartiges hohes Pfeifen schwirrt. Schemenhaft wird eine reglose dunkle Gestalt erkennbar, die geheimnisvoll im Dunkeln von hier nach da schwebt. Alles ist Sinnesanstrengung, den Krach abzuwehren, das Dunkel zu durchdringen, aber das Bild der Gestalt verlischt.

          Später hält der nervenzerreißende Klang durchgehend an, und es wird ab und an schwach heller. Einzelne Menschen in dunklen, verhüllenden Kleidern taumeln, streben im Kreis um die Bühne. Es sei ihr um den Zustand des Fallens gegangen, schreibt die Choreographin Nacera Belaza im Programmheft, sie sei fasziniert davon gewesen, sich das Gefühl des Fallens ohne Widerstand dagegen vorzustellen, die Freiheit, die Furchtlosigkeit, den Punkt, an dem die Angst vor dem Tod mit der Sinnlosigkeit, gegen ihn anzukämpfen, kollidiert.

          Belaza ist eine 1969 in Algerien geborene Autodidaktin des Tanzes, eine Minimalistin, deren introspektive Arbeiten davon geprägt sind, dass es ihr von Seiten ihrer Familie nie gestattet war, Tanztechniken zu erlernen. Als das Mädchen vier Jahre alt war, zog die Familie nach Reims, aber die Dinge besserten sich dadurch nicht für sie. Mit 27 Jahren verließ sie ihre Familie. Die Abwesenheit von Farben, von Helligkeit, von Musik, von Interaktion in „L’Envol“ ist schwer auszuhalten.

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