https://www.faz.net/-gqz-pxmx

: Das federleichte, lebende Gebet

  • Aktualisiert am

Das Wort "Veredelung" findet seine schwulstfreieste und sinnvollste Verwendung in der Sprache der Landwirtschaft. Es meint dort etwas, das man mit Getreide tun sollte, nämlich: es ans Vieh verfüttern oder Schnaps draus brennen - ...

          Das Wort "Veredelung" findet seine schwulstfreieste und sinnvollste Verwendung in der Sprache der Landwirtschaft. Es meint dort etwas, das man mit Getreide tun sollte, nämlich: es ans Vieh verfüttern oder Schnaps draus brennen - was sich vor allem deshalb empfiehlt, weil der Mensch nicht wie der Hase und die Feldmaus ausschließlich von dem zehren sollte, was die Landschaft ohnehin hergibt. Auch der bärbeißigste Verächter der "Idiotie des Landlebens" (Marx) wird zugeben müssen, daß die westliche Menschheit vor ihrer neuzeitlichen Verstädterung, im feudalen Mittelalter, zwar auch schon nicht recht bei Verstand, aber doch wenigstens gutem Zureden und dem Glauben an vielerlei anschaulichen Mumpitz zugänglich war - wohlige Epoche, als sich die maßgeblichen Philosophen noch fragten, wo die Engel wohnen und welches Geschlecht sie haben, statt wie heute "asymmetrische substitutions-inferentielle Signifikanzen" zu erforschen. Zum entschieden praktischen Begriff von "Veredelung", den der Bauer hat, paßt genau in diesem Sinne gut und gemütlich, daß die substantielle, ins wärmende Futter bewährten musikalischen Materials eingenähte Hochwertigkeit ländlicher Liedkunst oder, auf amerikanisch: Country Music, von intelligenten Popmusikern seit spätestens den sechziger Jahren mit schöner Regelmäßigkeit erkannt, beliehen und ausgebeutet wird.

          Die aus Champion im Staate Illinois stammende Alison Krauss, Besitzerin einer federleichten, quellwasserreinen und vorzüglich ausgebildeten Stimme, von der Kenner meinen, sie sei womöglich die zauberhafteste, die das Country-Genre seit ein, zwei Jahrzehnten verschönert hat, wird also, wenn es eng wird, von Bedürftigen und Informierten immer wieder zu einschlägigen Duetten verpflichtet. Zum Beispiel von Sting, der als typischer englischer sozialliberaler Lehrer und also herzloser Blutegel für seine den abscheulichen CD-Regalen gemütskranker Jurastudentinnen und Jusos bestimmten schändlichen Opuscula ja ohnehin von Jazz über Soul bis Country fortlaufend alles abgreifen und aussaugen muß, bei dem mehr dahinter ist als bei ihm selber; aber auch von Elvis Costello, der sich, da er genau weiß, was ein richtiger Song ist und wie man den behandeln muß, diese Sängerin als Kollaborateurin nicht entgehen lassen durfte. Wenn Alison Krauss schließlich mit Ebenbürtigen, etwa der ebenso herben wie begnadeten Country-Kollegin Gillian Welch zusammentrifft, mit der sie für den Soundtrack des Films "O Brother, Where Art Thou?" den Albert E. Brumley-Seelenseufzer "I'll Fly Away" eingespielt hat, dann haben die Studiozocker aus der Großstadt verloren, dann tritt die gesegnete Prärie in ihre Rechte.

          Menschen, die mit Alison Krauss, die zunächst als Geigenwunderkind auf sich aufmerksam gemacht hat, beruflich zu tun haben, bescheinigen ihr Perfektionismus, Spontaneität, Ausdauer und eine lediglich vom milden Schimmer schlichten Liebreizes leicht gedämpfte Arbeitswut. Die optisch agnoszierbare Zerbrechlichkeit täuscht; wer wie diese Frau siebzehn Grammys sowie zahlreiche hohe Auszeichnungen der Country-Industrie abgekriegt hat und unter dieser Last an Lob und Erwartung nicht zusammengebrochen ist, muß hart im Nehmen sein. Nach der letzten Studioproduktion "New Favorite" von 2001 hat sie erst einmal neues Material gesammelt; man durfte auf eine neue Platte also ein Weilchen warten und dabei hoffen, daß sie sich wieder von ihrer Hausband "Union Station" begleiten lassen würde, zu der außer dem besten Dobro-Spieler der Welt, Jerry Douglas, auch Dan Tyminski an der Gitarre, der sichere Baßhandwerker Barry Bales und der flinke Banjozupfer Ron Block gehören. Block hat 2001 ein beeindruckendes Gospelbearbeitungs-Album namens "Faraway Land" und Tyminski 2002 die leicht unterkühlte Virtuosenplatte "Carry Me Across The Mountain" aufgenommen.

          Weitere Themen

          Ba-ba-ba-ba-Batman! Video-Seite öffnen

          Comic-Reihe wird 80 : Ba-ba-ba-ba-Batman!

          Wie in Gotham City wurde in Mexiko Stadt pünktlich um 8 Uhr abends das Batman-Symbol an ein Hochhaus geworfen. Viele Fans ließen sich das Spektakel zum 80. Geburtstag der Comic-Reihe nicht entgehen.

          Topmeldungen

          Länger leben : Kerle, macht’s wie die Frauen

          Von der Gleichstellung der Geschlechter profitieren auch Männer – sie sind gesünder und leben länger. Die regionalen Unterschiede, die in einer Studie sichtbar werden, überraschen.
          Viele Fragen an den Präsidenten in der Whistleblower-Affäre: Donald Trump beantwortet Reporterfragen vor dem Weißen Haus.

          Telefonat mit Selenskyj : Trumps Erpressung

          Für Donald Trump ist das Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten nicht verwerflich. Er sieht nichts Schlimmes darin, seine Macht zu nutzen, um politischen Konkurrenten wie Joe Biden zu schaden. Dabei beginnt der Skandal schon an anderer Stelle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.