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: Das federleichte, lebende Gebet

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Jetzt gibt es ein neues Werk von "Union Station" und Krauss. Es heißt "Lonely Runs Both Ways" und ist so gut, wie zu hoffen war - also sehr gut. Der einzige Makel: Mit vielen ähnlich guten, schwer gegeneinander abzuwägenden Stücken und rund fünfzig Minuten Spielzeit ist das Album eine Spur zu lang. Das CD-Format erweist sich hier einmal mehr als Feind der durchformalisierten Genres - wirklich große Country-, Hip-Hop- oder Heavy-Metal-Platten sollten die vierzig Minuten nicht ohne guten Grund überschreiten. "Zuviel" heißt bei Krauss und "Union Station" allerdings unbedingt: Zuviel des Guten.

Quelle Chanteuse! "Honey I know, I've been away some", also "ein bißchen weg" war sie, eine niedliche Ausrede - kaum ist sie zurück, meldet sie sich wieder mit diesem Tonfall, diesem flüssigen Wildhonig zum Reinlegen und mit den Zehen zappeln; es ist berauschend. Wenn Krauss alte schmutzige Socken im Mund hätte, könnte sie wohl immer noch leuchtende Ringe aus Feuerwerk um sämtliche Stimmbänder aller Sheryl Crows, Kim Richeys und Lurleen Lumpkins auf allen Vinylsingles in allen Jukeboxes aller Truckerkneipen der Welt herumsingen. Nichts gegen die genannten Ladies. Aber Klasse ist Klasse: Stünde Krauss selbst volltrunken, verquollen und unausgeschlafen auf dem Kopf, so müßten dennoch sogar die "Dixie Chicks" mit gesenktem Blick vor ihr auf dem Bauch liegen und leise um Gnade winseln.

Country Music ist nicht einfach irgendeine Folklore, sondern vor allem die Musik der Verlorenen des größten der reichen Flächenstaaten der Erde: "Ich möchte nicht, daß sich jemand unsere Platten anhört und einfach bloß gut drauf ist", hat Krauss dem Countryblatt "Maverick" verraten. Da braucht sie sich keinen Kopf zu machen: So traurig, wie sie das auf Stücken namens "Borderline" oder "This Sad Song" tut, klagt sonst keine im Genre; man weiß gar nicht: Soll man erst weinen und dann beten oder besser andersrum? Da ist die Religion natürlich nicht fern, und also wünscht sie sich von ihrem Schöpfer auf "A Living Prayer", dieser möge aus ihrem Dasein ein Zeugnis für ihn machen. So etwas gefällt vielleicht auch dem alten Fundamentalisten George W. Bush, aber das beweist nur, daß wir alle Menschen sind und man sich nicht zu schämen braucht, selbst mit den seltsamsten Gattungsgeschwistern etwas gemeinsam zu haben.

Wie schon früher steigen Krauss und ihre Band auch auf "Lonely Runs Both Ways" in die Archive, aus denen sie bereits Songs mitgebracht haben, die man von Todd Rundgren oder Dolly Parton kennt. Diesmal ist Woody Guthrie dran und sein patriotisches, aber nicht chauvinistisches "Pastures of Plenty" - es könnte das Lieblingslied einer vernünftigen Regierung der Vereinigten Staaten sein, wenn sich eine finden ließe. Einige der schönsten Lieder, die Krauss aufgenommen hat, darunter das Titelstück ihres Pop-Soloalbums "Forget About It" von 1999 und das lebhafte "Restless", die erste Single der vorliegenden Platte, hat Robert Lee Castleman verfaßt, dessen erlernter Brotberuf sage und schreibe "Lastwagenfahrer" lautet. Da kommt man ins Grübeln: Vielleicht war nicht, wie noch Clement Greenberg vermutete, der grausige Kitsch das Dumme am sozialistischen Proletkult, sondern das naive und undialektische Verhältnis jener Staatspropagandakunst zur Arbeiterklasse selbst. Wenn nämlich jemand, der sonst auf einem Laster durch die Gegend gurkt, solche zarten, süßen, kitzligen Lieder schreiben kann, neben deren grillenfeiner Musik selbst japanisches Gartengezupfe sich wie obszönes Bierzeltgebrüll ausnimmt, dann bedeutet das vielleicht etwas ganz Erstaunliches: Je massiver, dröhnender, gewaltiger und bollwerkhafter die Technik wird, desto mehr befreit sie den sie besitzenden und befehligenden Menschen offenbar dazu, den sublimsten und heiligsten Regungen seines Herzens nachzugehen. Der wahre klassenbewußte Blue-Collar-Worker ist also ein melancholisch Empfindsamer, kein dumpfer Held der Arbeit.

Alison Krauss singt diesen Zusammenhang zwischen Industrie und Gebirgsbach, Stadt und Land, Trauer und Hoffnung, als wäre es Gottes Wille, daß wir ihn spüren und uns nach Erlösung und Versöhnung strecken. Die alte Frage nach der Herkunft und dem Geschlecht der Engel ist damit beantwortet: Es müssen Illinoiserinnen sein. dietmar dath

Alison Krauss and Union Station, Lonely Runs Both Ways. Rounder Records RRCD 525

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