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Ludwig-Börne-Preis : Das Doppelspiel der Neuigkeiten

Plädoyer für einen reflektierten Journalismus: Jürgen Kaube bei seiner Dankesrede Bild: Bergmann, Wonge

Jürgen Kaube erhält in der Frankfurter Paulskirche den Ludwig-Börne-Preis und zeichnet in seiner Dankesrede das Ideal eines aufgeklärten und aufklärenden Journalismus.

          Kurz nachdem Jürgen Kaube in der Paulskirche seine Dankesrede begann, setzten auch die Frankfurter Mittagsglocken ein. Es war, als wollten sie die These des Vortrags unterstützen, in dem Kaube, Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, die Beharrungskräfte des Bewährten beschwor. Und das ausgehend von der Frage Karl Valentins, wie es denn sein könne, dass an jedem Tag immer genau so viele Neuigkeiten geschehen, wie sie in der Zeitung Platz finden. Neues, so hat Kaube ausgeführt, sei eben die Raison d’être des Journalismus, aber auch der Wissenschaft, und dementsprechend werde es geschätzt, bisweilen leider aber auch überschätzt. Man möge nur einmal selbst überleben, in wie vielen Gesellschaftsformen man als erwachsener Mensch gelebt habe, wenn man ernst nehmen wollte, was die soziologische Forschung in den vergangenen fünfzig Jahren so alles ausgerufen habe: von der Angestelltengesellschaft der fünfziger Jahre bis zur digitalisierten Gesellschaft unserer Tage. Doch wie viel mehr noch sei sich durch all diese wechselnden Gesellschaften hindurch treu geblieben.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Man mochte es als paradox empfinden, dass Kaube just mit dieser Erwägung für die Verleihung des Börne-Preises dankte. Börne, geboren 1786 in Frankfurt am Main, gilt allgemein als erster bedeutender deutscher Feuilletonist, als ein Zeitungsmann also, der tatsächlich dauernd auf der Jagd nach Neuigkeiten war. Nach dem, was der Zeitgeist bestimmt. Doch gerade am „Zeitgeist“ nahm Kaube die zentrale Begriffsbestimmung vor, mit der er den Gegenstand seiner Ausführung illustrierte: die Notwendigkeit des Vorrangs von Begriffen gegenüber Schlagworten im Journalismus.

          Und so hielt Kaube eine alles andere als zeitgeistige Rede – zumindest im heutigen Sinne. Doch der erste, der das Wort „Zeitgeist“ benutzte, war noch vor Börnes Geburt Herder gewesen, der darunter als deutsche Entsprechung zum lateinischen genius saeculi das genaue Gegenteil des Neuartigen verstanden hatte, nämlich ein durch die Dauerhaftigkeit der historischen Erfahrung legitimiertes Denken. So können sich die Begriffe wandeln.

          Historisch fundiertes Gegenwartsinteresse

          Begonnen hatte die Preisverleihung mit einer Reverenz des Vorstandsvorsitzenden der Börne-Stiftung, Michael A. Gotthelf, an den im vergangenen Jahr verstorbenen Preisträger Frank Schirrmacher, einen der Vorgänger Kaubes als F.A.Z.-Herausgeber. Der Schauspieler Christian Berkel las dazu einen Auszug aus Schirrmachers Dankesrede vor, in der Börne als eine Idealgestalt des Journalismus gewürdigt wurde. Man könnte nun auch meinen, dass Kaube diese Einschätzung später mit seinem Dank relativiert hätte, doch auch ihm ist Börne ein Vorbild – nur nicht mehr als singuläres Phänomen, sondern eingebettet in das Denken von dessen Zeit, zu dem die Ausführungen Hegels, der in ebendem Jahr – 1818 –, als Börne die Zeitschrift „Die Waage“ begründete, seine Antrittsrede als Professor der Philosophie in Berlin hielt und in seinen Rechtsphilosophievorlesungen den berühmten Anspruch erhob, dass man seine Zeit in Gedanken zu erfassen habe, genauso gehörten wie das scheinbar eher oberflächliche Bestreben des Feuilletonisten.

          Ein Doppelspiel des Geistes also war es, das Kaube in seiner Rede beschwor; man könnte es auch Dialektik nennen. Und da passte es, dass Dan Diner, diesjähriger Juror des Börne-Preises, in seiner Laudatio auf Kaube vor allem dessen Max-Weber-Biographie heranzog, in der Weber gleichfalls als vielgestaltige Verkörperung seiner Epoche vorgestellt wird. Unausgesprochen, aber überdeutlich zeichnete Diner mit den Worten und Perspektiven von Kaubes Weber-Porträt zugleich ein neues intellektuelles Bildnis: das des Preisträgers. Und dass Diner in dieser Lobrede wiederum auch aktuelle Fragen wie etwa die Institutionenkrise der Europäischen Union ansprechen konnte, verdanke sich, so führte er aus, dem Interesse Kaubes an ökonomischen Fragen, das dessen soziologischer Neugier nicht nachstehe. Hier blieb bei Diner wiederum etwas unausgesprochen, was trotzdem herauszuhören war: der Umkehrbezug auf Max Weber.

          Es war eine intensive Preisverleihung, eine, die keine intellektuelle Nachlässigkeit beim Zuhören duldete. Damit also eine, die für das warb, was Kaubes Beruf ist: eine Analyse der Gegenwart, die mit den Mitteln all des Wissens der Vergangenheit arbeitet. Denn all den Neuigkeiten ist nur beizukommen, wenn man sie einzubetten weiß in den Erfahrungshorizont derer, für die sie überhaupt erst gedacht sind: das Publikum.

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