https://www.faz.net/-gqz-7nbqo

Das Digitale denken (II) : Die Zeit, die aus der Kälte kam

  • -Aktualisiert am

Die Kybernetik sucht die Wende ins Kosmologische: Kulissenbau auf der Cebit 2014 Bild: dpa

Wie reagieren die Geisteswissenschaften auf die digitale Revolution? Wie soll man sich verhalten, wenn man nicht mehr weiß, was genau man weiß? Eine neue Theorie des Handelns wird gebraucht. Teil zwei unserer neuen Serie.

          Die Bringschuld, in der unser Denken gegenüber der Gegenwart steht, ist problematisch. Denn es sind die elektronischen Medien selbst, die unser Denken grundlegend verändert haben. Sie haben am Denken ihrer eigenen Gegenwart immer schon mitgearbeitet. Wollte man eine Signatur der „elektronischen Welt“ ausmachen, so wäre sie wohl gerade durch einen Überschuss an Gegenwart geprägt - einen „Absolutismus der Gegenwart“, der alles in sich zusammenzieht und dessen blinder Fleck vielleicht das Wissen darum ist, dass diese Gegenwart allein durch elektronische Medien selbst erzeugt ist.

          Damit soll kein kulturkritisches Lamento über Beschleunigung angestoßen, sondern einfach festgestellt werden, dass uns diese neue Gegenwart noch kaum bewusst geworden ist. Von „Gegenwartsvergessenheit“ war zu Recht die Rede.

          Will man etwas über die Umstände erfahren, aus denen diese Gegenwart hervorgegangen ist, lohnt es sich, von den Technologien des Tages abzusehen und auf ein winziges Beispiel aus den kybernetischen Anfängen der vierziger Jahre zurückzublicken.

          Zielführende Bewegungskorrekturen

          Beim Versuch, die „Arbeitsweisen des lebendigen Individuums“ auch zu denen „einiger neuerer Kommunikationsmaschinen“ zu machen (Norbert Wiener), begannen die Probleme bereits damit, ein volles Glas an den Mund zu führen. Denn wer oder was da sein Glas zum Mund führt, ist nicht mehr das cartesianische Handlungssubjekt von Willensakt und Konsequenz, sondern eine Abfolge von „Echtzeit“-Daten und Berechnungen eines Weges, bei dem der Mund immer schon die Zukunft des Glases gewesen sein wird.

          Um das zu gewährleisten, bedarf es zielführender Bewegungskorrekturen, bei denen entscheidend ist, in welchen Abständen Ist- und Sollwert verglichen werden und wie stark die Bewegung korrigiert wird. Denn die „Richtigkeit“ eines Echtzeitsystems hängt weniger von den Ergebnissen der Berechnung als vielmehr von der Zeit ab, zu der sie vorliegen. Ereignet sich Feedback etwa zu häufig, dann entsteht „clumsy behavior“: Man verschüttet sein Getränk durch jene Bewegungen, die das verhindern sollten, nun aber in Oszillationen geraten, wie sie sonst nur bei Versuchspersonen mit Intentionstremor zu beobachten sind.

          Die Kybernetik hatte größtes Interesse an solchen Erscheinungen des Zusammenbruchs, weil sie deren Verhinderung als ihr ureigenstes Geschäft begriff. Ihre Aufmerksamkeit galt weniger den Enden des Willens und der Konsequenz als dem Dazwischen der „Echtzeit“, den Intervallen des Eingreifens und dem Wissen um Interventionen, die eine befriedigende Systemleistung garantieren.

          Wer greift nach der Steuerung? David Cameron und Angela Merkel (beide im Bild) hatten es auf der aktuellen Cebit mit diversen Mensch-Maschine-Symbiosen zu tun

          Solche „zielführenden“ Aktionen werden komplizierter, wenn das Ziel nicht stillsteht. Eine Katze, die eine flüchtende Maus fangen will, springt nicht dorthin, wo die Maus gerade ist, sondern wo sie demnächst sein wird: Sie springt in die Zukunft der Maus. Wer ein Flugzeug abschießen will, muss die Ausweichtaktiken des Feindes lesen und die Daten interpretieren, um ihn in seiner Zukunft zu erwischen. Das Zauberwort dafür hieß „Prädiktion“ und wird umso besser, je mehr Daten vorliegen.

          Sie liegt am Ursprung der Kybernetik, die durch Beispiele wie Katzen und Trinkermünder in den fünfziger Jahren demilitarisiert wird. Heute sind ganze Industrien mit der Prädiktion beschäftigt, welche Musik man hören und mit wem man eigentlich befreundet sein müsste oder wie man den Stau auf dem Weg zur Arbeit umfährt. Überall herrscht die „Ontologie des Feindes“ (Peter Galison), also der Erfassung der Taktiken des anderen, der wir selbst sind. In der Zeit der Prädiktion überraschen wir uns nicht mehr, sondern stoßen immer überall auf uns selbst, in einer Schleife unentrinnbarer Gegenwart.

          Kybernetik war insofern eher eine generelle Aktionsmethodologie als eine Wissenschaft, und dies mit mindestens zwei Konsequenzen: In philosophischer Hinsicht konnte Stabilität nicht mehr als Wesenskern des Seienden vorausgesetzt werden, sondern musste als ununterbrochen zu lösendes Problem begriffen werden.

          Systemtheorie als Filiation der kybernetischen Epistemologie

          Auf die wissenschaftliche Agenda geriet damit, wie Kausalität auf eine nichtontologische Weise in systemische Zweckkategorien einzubetten wäre. Darum kümmert sich die Systemtheorie als Filiation der kybernetischen Epistemologie, wenn man sie als Ergebnis einer Arbeitsteilung zwischen denjenigen begreift, die Systeme bauen, und denjenigen, die Systeme beschreiben.

          In technischer Hinsicht eröffnete sich die Möglichkeit, Handlungen auf Systeme zu verteilen, sie also als Verbünde mehr oder weniger „intelligenter“ Menschen- und Maschinenbestandteile zu organisieren, zu delegieren oder zu augmentieren. Darum kümmert sich die Akteur-Netzwerk-Theorie, die ihren späten Erfolg einem Bedürfnis zurück zu den „Dingen“ nach dem Ende postmoderner Theoriekonjunkturen verdankt.

          Als „schwache“ Theorie sucht sie ihre Stärke aus der Beschreibung des gemeinsamen Hervorbringens von Wissen und Geschichte durch menschliche und nichtmenschliche Bestandteile zu gewinnen. Damit aber erzählt sie der kybernetischen Epistemologie oft genug nur nach, was diese selbst immer schon wusste.

          Kybernetik, die Kunst des Steuerns: Noch klingt es wie Science-Fiction, aber Google stellte bereits 2012 ein selbstfahrendes Auto vor.

          Kybernetik gewann ihre Brisanz daraus, dass Systeme der Steuerung und Kontrolle wie Gläser, Mäuse oder Feindflugzeuge mit einem kaum gedeckten Optimismus auf ganz andere Maßstäbe hochskalierbar schienen. Bereits Norbert Wiener glaubte in angemessen rückgekoppelten Echtzeitsystemen ausmachen zu können, „was unserer gewöhnlichen Gesellschaftskritik“ entgeht. Gesellschaften ohne Rückkopplungen nämlich seien schlichtweg diejenigen, die von „Faschisten, erfolgreichen Geschäftsleuten und Politikern vertreten“ würden.

          Intentionstremor des Politischen

          Die Aufgabe einer künftigen Kybernetik sei daher, zielführende Systeme (machines à gouverner) im Politischen zu installieren und dieses als technisches System zu modellieren. „Nichtdeterministische Teleologie“ hieß das Zauberwort, durch das man glaubte Ziele definieren, das System aufsetzen und sich dann verabschieden zu können, um auf das gewünschte Ergebnis zu warten. Damit war der gerade zum Verschwinden gebrachte Mensch durch die humanistische Hintertür wieder als autonomer Zielsetzer zurückgekehrt.

          Der phantasmatische Überschuss eines Glaubens an Zukunftskontrollgewinn durch gezielten Zukunftskontrollverlust ist ein Erbe der Kybernetik. Delegierte Homöodynamik erschien als die größte Chance angesichts einer bedrohlichen Zukunft von Atomkrieg und Überbevölkerung, Umweltverschmutzung und Ressourcenversagen. Als der Frühwarntechniker Jay Forrester die Simulationsmodelle für die „Grenzen des Wachstums“ aufsetzte, schienen die zackig eskalierenden Zukunftskurven derselben auf eine Art Intentionstremor des Politischen zu verweisen.

          Zu konstatieren sei, so Forrester, „unsere Unfähigkeit, die Konsequenzen der Information, die wir schon besitzen, zu erkennen“, das heißt der Zeitfenster, in denen Intervention und Regulation gedacht werden müssen, um nichts zu verschütten. Die Folge der Theorielosigkeit bezüglich komplexer, dynamischer Systeme waren die Flucht nach vorn und die Verabschiedung von „Intuition, Urteilskraft und Argumenten“ aus dem Politischen, weil sie unzureichend seien, „die Konsequenzen zu erkennen, die der Eingriff in ein komplexes System nach sich ziehen kann“. Wo Computer besser regieren, schien der Kopf des Königs endgültig gerollt zu sein.

          Elektronisches Regieren im Zeitalter der Echtzeit

          Dabei geriet die Hoffnung, Ziele setzen, Wege aber delegieren zu können, zusehends zu einer Frage des Wissens, seines Umfangs, seiner Erhebung und seiner Verarbeitung und der für Prädiktion erforderlichen Datenreihen. Für Forresters systemdynamische Modelle reichten noch die statistischen Daten von Weltalmanachen, solange bloß genügend Intelligenz in die Feedbackschleifen gesteckt würde.

          An anderen Stellen wurde bereits klar, dass man mehr und andere Daten brauchen würde. Elektronisches Regieren, so etwa der Management-Kybernetiker Stafford Beer, müsse das Zeitalter der Statistik, ihrer Verzögerungen und ihrer aggregierten Daten verlassen und ins Zeitalter der „Realtime Control“, der massenhaft in Echtzeit einlaufenden und disaggregierten Daten, übergehen. Die Ebene politischer Repräsentation fiel damit schlicht aus.

          Kybernetische Regierung würde, so viel war klar, nicht nur Staatlichkeit brüchig werden lassen, sondern eine Entgrenzung des Politischen heraufführen, die auf einer extensiven, wellenförmigen Registratur und einem Willen zum Wissen beruhen müsste, der kein Gebiet auslassen und keinen Haltepunkt des Interesses kennen dürfte. Mit dem Siegeszug von Computersimulationen und dem Umbau etlicher Wissenschaften in System-Verhaltenswissenschaften wurde dieses Wissen zunehmend von solchen Systemen selbst produziert. Mit dem Wissen, nicht genau zu wissen, was wir wissen, werden aber die eigenen Handlungsgrundlagen zusehends aporetisch.

          Klimadebatte zwischen Wissenschaft und Fiktion

          Das treffendste Gegenwartsbeispiel gibt wohl die Klimadebatte, die in den vergangenen Jahrzehnten den systematischen Ort des Atomkriegs besetzt hat. Die Vorzeichen mögen wechseln, die Angst vor der Kälte des nuklearen Winters der Angst vor der Hitze globaler Erwärmung gewichen sein. Was bleibt, ist ein computerbasiertes Weltszenario-Projekt als transnationale Anstrengung, ein „Denken des Undenkbaren“ zwischen Wissenschaft und Fiktion und nicht zuletzt ein Zukunftshandeln, das seinen Maßstab nicht am Ereignis, sondern an dessen Vermeidung gewinnt.

          Dabei ist keine andere Wissensdomäne so abhängig vom historischen Stand von Hard- und Software: einerseits von beobachtbaren Qualitätssprüngen durch schiere Rechenleistung, andererseits aber von einer Softwaregeschichte, in deren kaum dokumentierten Millionen von Codezeilen sich archäologische Schichten wissenschaftlichen Denkens sedimentiert haben. Aus gutem Grund werden diese nicht angetastet, sondern nur erweitert, standardisiert und zertifiziert.

          An dem, was sich daraus an alternativen Szenarien ergibt, die unser Handeln und unsere Selbstwahrnehmung leiten, versagen jedoch die Routinen der Kritik. Der gängige Reflex, die „Konstruiertheit“ solchen Wissens aufzuweisen, verschlägt wenig, denn er erspart nicht das Handeln angesichts von Szenarien, die sich ihres Konstruktivismus selbst bewusst sind. Und die Falsifizierbarkeit der klassischen Wissenschaftsethik ist nicht praktizierbar, weil der Gegenstand Klima nicht experimentell zugänglich ist und die betroffenen Wissenschaften selbst nicht mehr rekonstruieren können, was in ihrer Software vorgeht. Was also tun?

          Claus Pias ist Professor für Medientheorie und Mediengeschichte in Lüneburg.

          Interessanter als die Sorge um unsere Daten ist daher vielleicht, dass in digitalen Wissenskulturen die Begründungsroutinen des Handelns abhandengekommen sind. Einst konnten Denker wie Helmut Schelsky dafür noch den Zustand des Posthistoire ausrufen und die Ideologie der Ideologiefreiheit geltend machen. Wo (so Schelsky) „die prinzipielle Rechenhaftigkeit auf die großen politischen und ökonomischen Entscheidungen immer mehr übergreift“, herrsche schlicht der „Sachzwang“ des technischen Staats. Sachzwänge werden jedoch problematisch, wenn keiner mehr so recht sagen kann, was Sache ist.

          Wenn die Technik selbst sie erfindet, kann man Sachproblematiken nicht mehr einfach „wegarbeiten“. Handlungsbedarf in Sachen Klima gibt es, seit Klimasimulationen rechenbar sind, aber deshalb sind diese Probleme nicht weniger real. Wenn einige Klimaforscher inzwischen eine neue Kosmologie fordern, um Zukunftshandeln global zu begründen, dann ist dies der Abschied des modernen Transparenzkonzepts insgesamt und damit auch jeder Begründbarkeit „aus der Sache heraus“.

          Klimaszenarien gehörten damit ins vormoderne politische Register der Souveränität. An die Stelle, die einst die Weisheit (oder Willkür) des Herrschers bezeichnete, die als unverratbares Geheimnis durch eine metaphysische Erkenntnisgrenze geschützt war, rückt damit Datenverarbeitung und zieht eine neue Grenze zu dem, was seiner „Natur“ nach geheim ist.

          Funktionsgeheimnis digitaler Kulturen

          Wo in der Moderne die kosmologische Legitimation des Geheimen in dem Maße entbehrlich wurde, in dem die Zukunft als ungewiss erscheint, sind wir wahrscheinlich Zeitgenossen eines größeren Umbaus des kulturellen und sozio-technischen Gefüges, in das sich Digitalisierung tief eingesenkt hat. Etablierte Verstehensanstrengungen stoßen dabei an ihre Grenzen. Die Medientheorie eines Friedrich Kittler etwa, die uns lehrte, Hardware zu lesen und Software zu schreiben, war noch fest entschlossen, kein Geheimnis gelten zu lassen, zugleich aber bereits melancholisch in ihrem Wissen, mit dem Konzept „Medien“ nur bis an die Außenwände digitaler Kulturen reichen zu können.

          Abseits der gegenwärtigen Transparenzekstase zeichnet sich daher eine ganz andere Frage ab: diejenige nach einem neuen Arkanum, einem Funktionsgeheimnis digitaler Kulturen, das (wie zuvor der Grund der Souveränität oder die Zukunft) nicht geheim gehalten zu werden braucht, weil es schlicht inkommensurabel ist.

          Wenn es stimmt, dass die kybernetische Epistemologie der Echtzeit, der Prädiktion und der Szenarien die Lebenswelt von globalen Entscheidungen bis hinab zu mikroskopischen Gefügen aus Intensitäten, Launen oder Empfindungen durchtränkt hat, dann stünde die Frage geschichtlicher Zeiten selbst noch einmal zur Diskussion. „Erfahrungsraum“ als das, was als Erinnerung des eigenen und fremden Wissens abrufbar ist, und „Erwartungshorizont“ als das, was uns von der Zukunft als künftigem Erfahrungsraum abschließt, würden in digitalen Kulturen zu einer neuen Form von Gegenwart zusammenschnurren. Dieser Gegenwart würde das Denken keine Beweislast mehr schulden, sondern nur Neugier.

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Suche die Frau! In der hier auf einer Pressekonferenz versammelten Führungsriege von Volkswagen wird man auf jeden Fall nicht fündig. Aufsichtsrat Stephan Weil (SPD), Ministerpräsident von Niedersachsen (2. v.l.), Hans Dieter Pötsch (2. v.r.), Vorsitzender des Aufsichtsrats der Volkswagen AG, und Bernd Osterloh, Betriebsratsvorsitzender Volkswagen AG (r.) lauschen den Ausführungen des Vorstandsvorsitzenden Herbert Diess auf einer Pressekonferenz am 16. November 2018.

          F.A.S.-Recherche : Macht bleibt männlich in den Dax-Konzernen

          Die 30-Prozent-Frauenquote in Aufsichtsräten sollte auch mehr Frauen in die Vorstände bringen. Warum hat das nicht geklappt? Unser Autor hat sich die entscheidenden Gremien der Dax-Konzerne näher angeschaut.
          Hätte sie da mal gefragt, was seiner Mutter gefällt: Doria Ragland (l) und Prinz Charles (r) nach der Trauung von Harry und Meghan im am 19. Mai 2018

          Herzblatt-Geschichten : Singender Hamster, lüsterner Hund

          Während die „Gala“ die Abgründe von Annegret Kramp-Karrenbauers Filmgeschmack offenlegt, hat die Mutter von Herzogin Meghan ein noch größeres Problem: Sie sucht nach einem Geschenk für die Queen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.