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Das Digitale denken (II) : Die Zeit, die aus der Kälte kam

  • -Aktualisiert am

Die Kybernetik sucht die Wende ins Kosmologische: Kulissenbau auf der Cebit 2014 Bild: dpa

Wie reagieren die Geisteswissenschaften auf die digitale Revolution? Wie soll man sich verhalten, wenn man nicht mehr weiß, was genau man weiß? Eine neue Theorie des Handelns wird gebraucht. Teil zwei unserer neuen Serie.

          8 Min.

          Die Bringschuld, in der unser Denken gegenüber der Gegenwart steht, ist problematisch. Denn es sind die elektronischen Medien selbst, die unser Denken grundlegend verändert haben. Sie haben am Denken ihrer eigenen Gegenwart immer schon mitgearbeitet. Wollte man eine Signatur der „elektronischen Welt“ ausmachen, so wäre sie wohl gerade durch einen Überschuss an Gegenwart geprägt - einen „Absolutismus der Gegenwart“, der alles in sich zusammenzieht und dessen blinder Fleck vielleicht das Wissen darum ist, dass diese Gegenwart allein durch elektronische Medien selbst erzeugt ist.

          Damit soll kein kulturkritisches Lamento über Beschleunigung angestoßen, sondern einfach festgestellt werden, dass uns diese neue Gegenwart noch kaum bewusst geworden ist. Von „Gegenwartsvergessenheit“ war zu Recht die Rede.

          Will man etwas über die Umstände erfahren, aus denen diese Gegenwart hervorgegangen ist, lohnt es sich, von den Technologien des Tages abzusehen und auf ein winziges Beispiel aus den kybernetischen Anfängen der vierziger Jahre zurückzublicken.

          Zielführende Bewegungskorrekturen

          Beim Versuch, die „Arbeitsweisen des lebendigen Individuums“ auch zu denen „einiger neuerer Kommunikationsmaschinen“ zu machen (Norbert Wiener), begannen die Probleme bereits damit, ein volles Glas an den Mund zu führen. Denn wer oder was da sein Glas zum Mund führt, ist nicht mehr das cartesianische Handlungssubjekt von Willensakt und Konsequenz, sondern eine Abfolge von „Echtzeit“-Daten und Berechnungen eines Weges, bei dem der Mund immer schon die Zukunft des Glases gewesen sein wird.

          Um das zu gewährleisten, bedarf es zielführender Bewegungskorrekturen, bei denen entscheidend ist, in welchen Abständen Ist- und Sollwert verglichen werden und wie stark die Bewegung korrigiert wird. Denn die „Richtigkeit“ eines Echtzeitsystems hängt weniger von den Ergebnissen der Berechnung als vielmehr von der Zeit ab, zu der sie vorliegen. Ereignet sich Feedback etwa zu häufig, dann entsteht „clumsy behavior“: Man verschüttet sein Getränk durch jene Bewegungen, die das verhindern sollten, nun aber in Oszillationen geraten, wie sie sonst nur bei Versuchspersonen mit Intentionstremor zu beobachten sind.

          Die Kybernetik hatte größtes Interesse an solchen Erscheinungen des Zusammenbruchs, weil sie deren Verhinderung als ihr ureigenstes Geschäft begriff. Ihre Aufmerksamkeit galt weniger den Enden des Willens und der Konsequenz als dem Dazwischen der „Echtzeit“, den Intervallen des Eingreifens und dem Wissen um Interventionen, die eine befriedigende Systemleistung garantieren.

          Wer greift nach der Steuerung? David Cameron und Angela Merkel (beide im Bild) hatten es auf der aktuellen Cebit mit diversen Mensch-Maschine-Symbiosen zu tun
          Wer greift nach der Steuerung? David Cameron und Angela Merkel (beide im Bild) hatten es auf der aktuellen Cebit mit diversen Mensch-Maschine-Symbiosen zu tun : Bild: AP

          Solche „zielführenden“ Aktionen werden komplizierter, wenn das Ziel nicht stillsteht. Eine Katze, die eine flüchtende Maus fangen will, springt nicht dorthin, wo die Maus gerade ist, sondern wo sie demnächst sein wird: Sie springt in die Zukunft der Maus. Wer ein Flugzeug abschießen will, muss die Ausweichtaktiken des Feindes lesen und die Daten interpretieren, um ihn in seiner Zukunft zu erwischen. Das Zauberwort dafür hieß „Prädiktion“ und wird umso besser, je mehr Daten vorliegen.

          Sie liegt am Ursprung der Kybernetik, die durch Beispiele wie Katzen und Trinkermünder in den fünfziger Jahren demilitarisiert wird. Heute sind ganze Industrien mit der Prädiktion beschäftigt, welche Musik man hören und mit wem man eigentlich befreundet sein müsste oder wie man den Stau auf dem Weg zur Arbeit umfährt. Überall herrscht die „Ontologie des Feindes“ (Peter Galison), also der Erfassung der Taktiken des anderen, der wir selbst sind. In der Zeit der Prädiktion überraschen wir uns nicht mehr, sondern stoßen immer überall auf uns selbst, in einer Schleife unentrinnbarer Gegenwart.

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