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Das deutsche Fremdenbild : Wenn der Rassismus Bahn fährt

Eine Berliner Bahn und zwei Geschichten: Die erste erzählt vom Ausländerlächeln, die zweite vom Rassismus. Bild: dpa

Rassismus ist das, was täglich neben einem sitzt und steht und redet. Und es muss wieder dorthin, wo es mal war und wo es hingehört: an den Rand der Gesellschaft.

          7 Min.

          Es rollen Sätze gegen Körper an. Sie rollen gegen einen Mann mit einem pubertären, unentschlossenen und dunklen Bart. Er hält sich eine Einkaufstüte vor die Brust. Lidl mit dem schiefen „i“. Er hält sich fest am Plastik, als ob es seine Rüstung wäre. Die Sätze rollen auch noch gegen seine Frau. Sie trägt ihr schwarzes Haar gebunden zu einem Zopf. Sie hat kein Plastik, um sich zu schützen, senkt nur ihren Blick zu Boden. Ihr Mund ist aufgespannt zum Lächeln, so wie der Mund des Mannes. Sie sind ganz sicher neu in Deutschland, das sagt nicht ihre dunkle Haut, das sagt ihr Lächeln.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Sätze, die gegen dieses Paar anrollen, sagen andere, ein anderer Mann und eine andere Frau. Sie: Mitte dreißig, sehr schön, sehr dünn und sehr brünett, im roten Sommerkleid mit weißen Punkten. Er: Mitte dreißig, auch schön, vollbärtig, mittelblond, hellblaues Hemd zur dunkelblauen Jeans. Und ihre Sätze gehen so: „Ansbach ist bald bestimmt auch in Berlin“, sagt die Brünette. „Ja, weil die da überall sind“, sagt dann das blonde Blauhemd. Und während dieser Mann „die da“ ausspricht, fahren seine Augen dem anderen Paar entgegen. Es folgen noch mehr Sätze mit dem „die da“.

          Eine Geschichte über das Lächeln von Ausländern

          Und die, die da gemeint sind, das Paar, es lächelt immer noch. In einer U-Bahn in Berlin. Und in dieser Berliner Bahn wird niemand zu einem Helden. Niemand steht auf, niemand greift diese lauten, harten Sätze an. Mit Argumenten, mit Beschimpfungen. Auch ich mache es nicht, ich mache nichts.

          Eine Berliner Bahn und zwei Geschichten. Die erste erzählt von dem Lächeln, dem Lächeln von Ausländern. Und als Ausländer kennt man diese Story, auch ich kenne sie, sie geht so: Ich kam nach Deutschland, ohne Deutsch zu können, ich hatte Angst vor Deutsch, vor Deutschen. Und diese Angst versteckte ich hinter dem straff gespannten Mund, denn wenn ich freundlich aussehen würde, würde mir niemand etwas tun, so dachte ich damals, so machte ich es damals. Besonders dort, wo viele Menschen waren, besonders in der U-Bahn. Es klappte: Ich wurde ignoriert. Der Grund lag aber nicht darin, dass ich harmlos und freundlich aussah mit dem Lächeln. Die Menschen ignorierten mich, weil es unangenehm ist für sehr viele, in lächelnde Gesichter zu schauen. Mit einem nicht sehr schönen deutschen Wort beschreiben Deutsche es als „übergriffig“. Das alles wusste ich in meinen ersten deutschen Jahren nicht. Das alles weiß auch das Paar nicht, und sicher hat es diese Sätze nicht verstanden, das hoffte ich zumindest.

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          Die Sätze werden schlimmer jeden Tag

          Dann stieg ich aus und fühlte mich wie überrollt von diesen Sätzen. Denn sie erzählen die zweite Story der Berliner Bahn, die umgedrehte Story des Ausländerlächelns. Es ist die andere Perspektive, eine, die Ausländer zum Lächeln zwingt. Es ist die Story vom Rassismus. Wann es begonnen hat, weiß ich nicht mehr. Doch es wird schlimmer jeden Tag. Sie werden schlimmer jeden Tag, die Sätze, die durch die Bahnen rollen, während die Bahnen in der Stadt rumrollen. Zum Beispiel Ende Mai, eine U4 Richtung Innsbrucker Platz. „Dass diese Leute unsere Kultur bereichern, ist eine Lüge. Na ja, vielleicht bereichern die sie doch. Mit Vergewaltigern. Aber wenn ich das sage, bin ich gleich ein Nazi.“ Das sagt einer, der selbstverständlich keine Springerstiefel trägt, ein Mann, ein älterer, gekleidet wie ein Oberstufenlehrer. Mit fassungslosen Augen sagt er das zu seinem Sohn, vielleicht ist es aber auch einer seiner Schüler.

          Und dann im Juni in der U7, kurz vor der Haltestelle Jungfernheide: „Gegen die Balkantypen habe ich nichts, die sind viel besser als die Araber“, sagt eine junge Frau. Sie sieht selbst sehr arabisch aus mit ihren schwarzen, dichten und perfekten Augenbrauen.

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