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Glosse zum Thatcher-Denkmal : Asyl in Grantham

  • -Aktualisiert am

Die Statue der ehemaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher stammt vom britischen Bildhauer Douglas Jennings. Bild: Fine Architecture/AP/dpa

Die Verwaltung von Westminster wehrte sich mit Händen und Füßen gegen ein Denkmal von Margaret Thatcher. Nun kommt die Statue in ihre Geburtsstadt – wo es ihr hoffentlich besser ergeht als Karl Marx.

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          Jeder Einwand schien der Bezirksverwaltung von Westminster recht zu sein, um die Errichtung eines Thatcher-Denkmals vor dem Parlament zu verhindern. In der Beratung wurde darauf verwiesen, dass die einstige Premierministerin bereits mit einer Bronzefigur im Parlamentsgebäude geehrt worden sei, dass ihre Darstellung in den feierlichen Roben des Oberhauses nicht dem allgemeinen Bild von ihr entspreche und dass kein Hinweis auf Unterstützung durch ihre Familie vorliege. Auch Sicherheitsbedenken kamen zur Sprache. Auf Anraten der Polizei wurde der Entwurf für den fast vier Meter hohen Sockel gleich mehrfach verändert, damit er nicht so einfach zu erklettern ist. Zuletzt klammerte sich der Rat an die zehnjährige Frist, die nach dem Tod einer für ein Denkmal in Betracht gezogenen Person verstreichen soll, um „parteiische Leidenschaften abkühlen zu lassen“ und eine „nüchterne Betrachtung“ zu ermöglichen (was bei den Standbildern von General Smuts, Churchill und Mandela hingegen nicht berücksichtigt wurde).

          Mit seiner bürokratischen Ausflucht sucht der Rat wohl jenem Ärger und Vandalismus zu entgehen, dem die bis heute polarisierende Eisernen Lady immer wieder ausgesetzt ist, zuletzt in der Londoner Guildhall. Dort wurde ihre Marmorfigur von einem Theaterproduzenten geköpft, der die Tat als „künstlerischen Ausdruck seines Rechtes“ rechtfertigte, „in Wechselwirkung zu treten mit dieser gebrochenen Welt“. Nun hat Thatchers Geburtsstadt den Vorteil höherer Besucherzahlen für die lokale Wirtschaft und die Sorge vor Sachbeschädigung gegeneinander abgewogen und entschieden, das von Westminster abgelehnte Denkmal neben dem Standbild Isaac Newtons aufzustellen, dem anderen berühmten Kind von Grantham.

          Kaum war der Beschluss gefasst, kam die Nachricht, dass der Grabstein von Karl Marx auf dem Friedhof von Highgate durch Hammerschläge verstümmelt wurde. Der unbekannte Täter hatte es besonders auf den in Blei gefassten Namenszug abgesehen. Seit die Kommunistische Partei Großbritanniens Marx in der heißesten Phase des Kalten Krieges umbetten ließ, um ihm ein größeres Denkmal zu setzen, ist der Marmorkubus mit der bronzenen Büste wiederholt beschädigt worden, einmal sogar durch eine Rohrbombe. Dass das Grab zum Ziel für Angriffe werden könnte, hatte der Bildhauer Laurence Bradshaw bedacht, als er in den fünfziger Jahren den Entwurf fertigte. Er ließ sich von Militäringenieuren beraten.

          So scharf Ian Dungavell, Geschäftsführer der Friedhofs-Stiftung, den Vorfall verurteilt und den bleibenden Schaden bedauert, findet er doch, dass die Narben dem Denkmal zusätzliche Bedeutung verleihen – als Symbol der Denk- und Redefreiheit. Seine Stiftung würde sich nicht anmaßen, jemandem aus ideologischen Gründen eine Grabstätte zu verweigern. Das hieße ja, Gott zu spielen, sagt Dungavell. Als einzigen Einwand lässt er betriebliche Hindernisse gelten. Was wohl passiert wäre, wenn sich die Gräber von Karl Marx und Margaret Thatcher beide in Highgate gegenüber befunden hätten, fragte er unlängst. Die Spannung, so witzelte er, hätte genügend Strom erzeugt, um den gesamten Friedhof zu versorgen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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