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Andrea Diener, Korrespondentin im Main-Taunus-Kreis

Behörden auf Instagram : So müde wie die Bundesflagge

  • -Aktualisiert am

Ungewohnte Einsichten: Das Bundesverfassungsgericht spiegelt sich in einer Sonnenbrille. Bild: dpa

Das Bundesverfassungsgericht geht auf Instagram: Die ersten Posts atmen Ledersesselmief. Es kann nur besser werden.

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          Es ist immer schön, wenn sich Organe des Bundes nahbar geben, auf das Volk zugehen, sich öffnen. Deshalb ist dem Bundesverfassungsgericht unbedingt für seinen Schritt zu gratulieren, sich auf Instagram in die Konkurrenz mit Hundebabys, pastellfarbener In­neneinrichtung und der Frau vom Wendler zu begeben. Es ist wahrlich kein leichtes Umfeld für so eine schwer zu vermarktende Institution in ihren nüchternen Stahl-Glas-Aluminium-Pavillons. Und womöglich er­fährt man auf diesem Weg wirklich Neues über unser höchstes Gericht in der beschaulichen badischen Residenzstadt Karlsruhe.

          Das dachten sich zumindest die 18.400 hoffnungsfrohen Follower, die sich innerhalb der ersten Woche einfanden. Kein ganz schlechter Schnitt, Respekt. Was sie geboten bekamen, ist, gelinde gesagt: nicht viel. Zuerst einen Begrüßungspost, besagter Bau von innen leuchtend im schmeichelhaftem Zwielicht, freundliche Begrüßung, das Versprechen abwechslungsreicher „Einblicke“, einen Haufen Hashtags dar­unter, so weit so gut und gefertigt nach einem Lehrplan jeder Fortbildung „Selbstvermarktung auf Instagram – Chancen für Behörden“.

          Vor vier Tagen folgte als sozusagen erste Amtshandlung der abwechslungsreiche Einblick in den Großen Sitzungssaal. Jenen Sitzungssaal, den jeder kennt, der schon einmal einen Artikel über eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts gelesen hat. Das ist nicht leicht zu bebildern, glauben Sie uns.

          Auf Instagram nun also noch einmal jenes ins Rohe spielende Adlerrelief – geschaffen von Hans Kindermann, informiert man die geneigte Followerschaft – dahinter Holzvertäfelung, darunter braune Ledersessel mit leichter Mittenknautschung.

          Riecht so die alte Bundesrepublik?

          Wenn die alte Bundesrepublik einen Geruch hätte, dann röche man ihn jetzt. Im nächsten Beitrag – ambitioniert als zweiteiliges Panoramafoto angelegt, was ein wenig nach Übungsaufgabe der Instagramfortbildung riecht – mehr Täfelung, mehr Sessel, und als krönender Abschluss eine etwas schlaffe Bundesflagge. Danach: nichts mehr. Das war der Elan der ersten zwei Tage, so müde wie die Bundesflagge auch die Social-Media-Beauftragten, es kamen keine Einblicke mehr, schon gar keine abwechslungsreichen.

          Wir wissen nicht recht, ob es sich schickt, einem Verfassungsorgan zuzurufen, dass es sich ein bisschen zusammenreißen soll, schließlich schaut die Bundeskanzlerin hin und der Bundesrat auch. Andererseits steigt auf unserer Seite die Spannung, welches der nächste abwechslungsreiche Einblick sein wird, ins Unermessliche. Die Kantine? Die Tiefgarage? Wir bleiben dran.

          Andrea Diener
          Korrespondentin im Main-Taunus-Kreis

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