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„Brave“ von Rose McGowan : Die Jeanne d’Arc der #MeToo-Bewegung

  • -Aktualisiert am

Sie war „bad news“: Rose McGowan in „Planet Terror“ (2007) von Robert Rodriguez. Bild: ddp Images

Die amerikanische Schauspielerin Rose McGowan gehörte zu den ersten Frauen, die sich trauten, über ihre Erlebnisse mit Harvey Weinstein zu sprechen. Inzwischen führt sie einen Feldzug an. In ihrem autobiographischen Buch „Brave“ erzählt sie, wie sie wurde, wer sie ist.

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          Zurzeit sieht es so aus, als ob die amerikanische Schauspielerin Rose McGowan zum Messias oder, schon wegen der Jean-Seberg-haft kurzen Haare, zur Jeanne d’Arc der #MeToo-Bewegung werden könnte. Denn Rose McGowan hat ihr eigenes Leben aufgegeben; angeblich verkauft sie auch ihr Haus in Los Angeles, um die Anwälte gegen Harvey Weinstein bezahlen zu können: Sie lebt jetzt für ihren Kreuzzug. Sie hat, wie kaum jemand sonst, die Debatte um „HW“ oder „the pig monster“, wie Weinstein genannt wird, angeheizt in den vergangenen Monaten. Und sie will nicht aufhören damit.

          Rose McGowan hatte früh angefangen über die „Geschichte“ zu sprechen. Auf Dinnerpartys, bei Mittagessen in Hollywood. Eines Abends erzählte sie Ronan Farrow davon, dem Journalisten, der für den „New Yorker“ die große Weinstein-Enthüllungsstory schrieb. McGowan wurde zur „key source“, wenn es um Weinsteins kriminelle Karriere ging, nicht nur für Farrow. Sie hörte einfach nicht auf über das „pig monster“ zu sprechen, machte sich unbeliebt. Es gibt Leute in Hollywood, die sagen, McGowan radikalisiere die Debatte bis ins Unerträgliche, Nervtötende. Doch McGowan glaubt einfach nicht, dass Veränderungen von denen betrieben werden, die in Hollywood an der Macht sind. Das ganze System muss sterben.

          Die schöne Hexe aus „Charmed“

          Sie wird dabei von ihrer Gefolgschaft auf Twitter unterstützt. Sie selbst hat mehr als 900.000 Follower. Dazu kommt der Twitteraccount der „RoseArmy“. Das Hollywood-Leben von Rose McGowan ist beendet. Sie ist nicht mehr daran interessiert, sympathisch oder versöhnlich rüberzukommen. Oder liebenswert. Geschweige denn sexy, in der bisher üblichen Hollywood-Interpretation. Auf neueren Fotos für „Vanity Fair“ bevorzugt sie einen asexuellen Look, trägt flache Lackschuhe, schwarze Rollkragenpullover. Die schöne Hexe aus der Serie „Charmed“, die schöne Pam aus Tarantinos „Death Proof“ ist verschwunden. Als McGowan neulich bei Barnes & Noble ihr neues Buch „Brave“ vorstellte, machte sie den Eindruck einer Frau, die unter dem Einfluss einer dieser kalifornischen Sekten steht. Von außen cool, schick, scheinbar gefasst. Aber in ihr scheint irgendetwas zu wirken, das tendenziell gefährlich werden könnte.

          Man sollte ihr zuhören, auch wenn es manchmal schwer zu ertragen ist: Rose McGowan mit ihrer Autobiografie „Brave“.

          Warum das so ist, erfährt man bei der Lektüre von McGowans Buch „Brave“. Darin beschreibt sie ausführlich die Vergewaltigung. Vor allem aber schreibt sie über ihre Kindheit in der Hippie-Sekte „Children of God“, gegründet 1968 in Huntington Beach. 1977 in „Famliy of Love“ umbenannt, später nur noch „The Family“. Dem Gründer, David Berg, genannt „Dad“, wurde einmal „abuse of authority“ nachgewiesen.

          Warum habt ihr nicht laut und entschieden nein gesagt?

          McGowan erzählt, wie die Sekte sie mental darauf vorbereitete, später Männer wie Weinstein nicht mehr einschätzen zu können, ja deren Misshandlungen als Normalität hinzunehmen. Die Sekte machte sie zum Weinstein-Ziel, zur perfekten Frau für Männer mit Erniedrigungsphantasien.

          Ein anderes Weinstein-Opfer, Asia Argento, mit der sich McGowan in ihrer neuen Doku-Show „Citizen Rose“ beim Fernsehsender E! unterhält, bestätigt das. Die Männer „erkennen die, die schon verletzt sind. Ich war es schon vorher. Verletzt“, sagt Argento.

          Andere Frauen, die an Sex mit Weinstein nicht interessiert waren, sind aufstanden und haben das Hotelzimmer verlassen, wenn der Produzent im Bademantel erschien – und natürlich werden Rose McGowan und Asia Argento immer wieder gefragt: Warum seid ihr nicht gegangen? Warum habt ihr nicht laut und entschieden genug nein gesagt?

          Abgesehen von der Karriere, die bewiesenermaßen für manche Neinsagerinnen beendet war, war bei McGowan und Argento möglicherweise das sogenannte „Trauma-Bonding“ am Werk. Das tritt ein, wenn Menschen lange in Missbrauchsbeziehungen leben. Der Körper reagiert irgendwann mit physischer Abhängigkeit, reagiert auf Bestrafung – und mit Belohnung, wenn man sich „benimmt“. Man kann sich in McGowans Fall kaum vorstellen, dass sie ohne Trauma-Bonding aufgewachsen ist.

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