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Das Beethoven-Haus : Nervenzentrum einer Welt-Familie

  • -Aktualisiert am

Fassade des Bonner Beethoven-Hauses: Musik liegt in der Luft Bild: dpa

Es ist Museum, Forschungsstätte, Archiv und Konzertort: das Beethovenhaus in Bonn. Seine Strahlkraft verdankt es auch dem Geiger Joseph Joachim.

          4 Min.

          Eine besondere Konstellation bestimmte am 27. Mai 1844 die Hanover Square Rooms in London. Felix Mendelssohn Bartholdy dirigierte auf Einladung der Philharmonic Society Beethovens Violinkonzert. Als Solist präsentierte er den gänzlich unbekannten Joseph Joachim. Das barg Risiken. Denn das „par Clemenza pour Clement“, also „aus Gnade“ für ein Benefizkonzert des Wiener Konzertmeisters Franz Clement komponierte Werk stellte höchste Anforderungen und versprach wenig Erfolg. Schon die „in kürzester Zeit“ vorbereitete Uraufführung 1806, in der Clement ohne Probe vom Blatt spielte, war durchgefallen. Wie sollte es auch gelingen? Die flüchtigen Notationen, umfangreichen Nachträge und chaotischen Korrekturen sind selbst für Beethovens Maßstäbe außergewöhnlich.

          Doch der gerade noch zwölfjährige Joachim führte das als kaum spielbar geltende Werk mit selbst komponierten Kadenzen zu überwältigendem Erfolg. „Vielleicht der erste Violinvirtuose nicht seines Alters, sondern seiner Zeit“, titelten die Medien. Über Nacht verband sich der Name Joachims unauflöslich mit dem von Beethoven und der wahren Geburtsstunde seines Violinkonzertes. 45 Jahre später reiste ein Bonner Privatier nach Berlin, um dem zwischenzeitlich als Virtuose, Kammermusiker und Gründungsrektor der heutigen Universität der Künste gefeierten Joachim eine besondere Ehre anzutragen. Vorausgegangen waren der Ankauf des vom Verfall bedrohten Beethoven-Geburtshauses sowie die Gründung eines Vereins, um Beethovens Bonner Gedenkstätte würdig zu erhalten. „Nicht ein todtes Museum soll es werden, sondern ein Rüsthaus musikalischer Bestrebungen“, so die bürgerlichen Gründungsväter. Nur wenige Tage nach der Vereinsgründung konnten sie Joachim 1889 anlässlich der Jubiläumsfeier seines ersten öffentlichen Konzertes 1839 für die Übernahme der Ehrenpräsidentschaft gewinnen. Das Amt sollte nicht nur rein repräsentativer Natur sein, sondern Joachim in alle wesentlichen Fragen einbeziehen.

          Tausende von Artefakten

          Aufgrund dieser Weichenstellung profitierte das mit königlich-preußischem Erlass gegründete Beethoven-Haus ab der ersten Stunde von Joachims künstlerischer Weitsicht und Integrität. Viele seiner Freunde wurden innerhalb weniger Tage Mitglieder im Verein, etwa Anton Rubinstein, Clara Schumann, Giuseppe Verdi oder Johannes Brahms. Wenn das Beethoven-Haus heute als „nerve center“, als Nervenzentrum der internationalen Beethoven-Familie gilt, in dem das Pulsieren der Quelle noch spürbar sei, wie es der Doyen der amerikanischen Beethoven-Forschung, Lewis Lockwood, einmal formulierte, so ist es insbesondere Joachim zu verdanken.

          Ad fontes! beschreibt denn auch am prägnantesten, wofür die traditionsreiche Einrichtung steht: für die Annäherung an Beethoven über eine einzigartige Sammlung, deren größtes Exponat das original erhaltene Geburtshaus aus dem späten siebzehnten Jahrhundert ist. In der Sammlung kristallisiert sich Beethovens Leben ebenso wie sein Werk. Das Beethoven-Haus bietet eine Zeitreise in Beethovens Bonner Zeit; aber auch einen Schlüssel zum Komponisten und seiner Epoche in Tausenden von Dokumenten und Artefakten, die längst zum Europäischen und Weltkulturerbe gerechnet werden.

          Wertvolle Handschriften

          Der Aufbau der Sammlung gehörte zu den ersten Weichenstellungen Joachims. So sicherte er dem Beethoven-Haus durch Schenkung oder Dauerleihgabe Musikinstrumente aus Beethovens Besitz und wertvolle Handschriften. Dazu gehören Preziosen wie Beethovens eigenhändig überprüfte Widmungsexemplare der Streichquartette in B-Dur und in a-Moll an Fürst Galitzin. Als Katalysator erwies sich die weitere Entscheidung, 1890 eine Beethoven-Ausstellung in Bonn zu planen. Innerhalb kürzester Zeit gelang es, bedeutende Objekte, von denen sich seit der Versteigerung von Beethovens Nachlass 1827 noch viele in Privatbesitz befanden, als Leihgaben nach Bonn zu holen.

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