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Freibad in Mailand : Schwamm hier schon Mussolini?

Das berühmteste Schwimmbad in Mailand: Die Bagni Misteriosi Bild: Karen Krüger

Die „Bagni Misteriosi“ in Mailand sind nicht nur für ihre Badegäste eine Bühne. Manchmal wird hier tatsächlich Theater gespielt. Besuch in einem legendären Schwimmbad:

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          Die Schöne mit dem olivenfarbenen Bikini und den langen schwarzen Haaren küsst den Mann in ihren Armen so leidenschaftlich, als durchschwimme er im nächsten Augenblick den kalten Ärmelkanal. Die Wasserlinie zu ihren Füßen ist jedoch nur der Beckenrand des Mailänder Schwimmbads „Bagni Misteriosi“ („Geheimnisvolle Bäder“). Mit einem kurzen Kopfsprung gleitet der Mann schließlich ins Wasser. Die erste Bahn legt er fast komplett tauchend zurück. Dann wird gekrault, elegant sieht das aus. Kaum ein Wasserspritzer, es ist wirklich beeindruckend, nicht einmal bei der Wende. Die Schöne guckt zu, spielt ein wenig mit ihren Haaren, nimmt dann ein Buch zur Hand und legt sich in die Sonne. Ein Bein streckt sie über den Beckenrand ins kühle Nass – und man muss wirklich nicht viel Phantasie besitzen, um zu erahnen, was als Nächstes passieren wird – auch in Italien folgen Paarszenen dieser Art einem universellen Drehbuch: Der Mann wird zu dem Bein tauchen, es in einer neckischen Geste zärtlich umfassen, was sie wiederum zum Anlass nehmen wird, sich erschrocken aufzurichten – unter Umständen mit einem spitzen Schrei. Aber noch schwimmt der Mann seine Bahnen. Eine misst 25 Meter. Um sich fit zu halten, muss er noch ziemlich oft hin und her.

          Karen Krüger
          Redakteurin im Feuilleton.

          Groß ist dieses Schwimmbad in der Via Carlo Botta auch sonst nicht. Es gibt ein Becken für Schwimmer und ein kleineres für Kinder. Trotzdem ist diese Badeanstalt wunderbar. Wer einen Tag in den „Bagni Misteriosi“ verbringt, der sieht anspruchsvollen Exhibitionismus; unintendierte Eleganz; temporäre Einsamkeit; gepflegte Körper; mehr Haut als Tattoos; mehr Bikinis als Badeanzüge; sehr viel Liebe zum Detail und – wie in allen Schwimmbädern dieser Welt – die subtile Tyrannei von kleinen Kindern. Außerdem sieht man Dinge, die unter Umständen andernorts in Italien lautstarke Reaktionen hervorrufen würden: Heute etwa zwei Männer, die sich küssen, und zwei Kleinwüchsige. Die „Bagni Misteriosi“ werden gerne von Menschen besucht, denen oft keine Toleranz entgegengebracht wird. Die meisten der Gäste aber suchen es aus anderen Gründen auf: In den übrigen städtischen Bädern Mailands liegt das gefühlte Durchschnittsalter bei 16 Jahren. Selbst jetzt, in diesen Monaten der Wiedereröffnungen, sitzt man einander schnell auf der Pelle. Man kann sich dort nicht entspannen. In den „Bagni Misteriosi“ hingegen schon.

          Ein Geschenk des Himmels

          Eingeklemmt zwischen Wohnhäusern, einem stillgelegten Fabrikschlot und dem „Teatro Franco Parenti“ wirkt es wie ein strahlend blaues Wasserloch für erschöpfte und überhitze Großstädter. Dazu passt auch die Giraffe, die seit Ende April ihren langen Hals vom Dach des Theatergebäudes reckt. Sie ist ein Werk des Florentiner Künstlers Sedicente Moradi und für die Direktorin des Hauses, Andrée Ruth Shammah, ein Symbol, nach den Monaten der Pandemie gemeinsam über Ungewissheiten und Ängste hinweg in die Zukunft zu schauen. André Ruth Shammah hat das Theater 1972 zusammen mit Franco Parenti gegründet, seit 1989 ist sie dessen Direktorin. Zudem ist sie sicherlich die einzige Frau auf der Welt, die neben einem Theaterhaus auch noch ein städtisches Schwimmbad leitet. Die Kombination mag seltsam klingen, ist aber ein Geschenk des Himmels. Vor allem, da so eine sehr enge Verflechtung der beiden Einrichtungen möglich wurde: Das Theater ist direkt von der Badeanstalt aus zugänglich. Nach einem Tag voll Sonne und Badevergnügen zieht man sich einfach um und geht zu einer Theatervorstellung – oder nach einer Vorstellung nach draußen zum Pool und nimmt dort noch einen Drink mit Freunden ein. Der Eintritt ist dann kostenlos, aber das Ausziehen der Schuhe Pflicht.

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