https://www.faz.net/-gqz-xp2s

Joseph Fischer und die Nachrufaffäre Nüßlein : Der Generalkonsul und das Auswärtige Amt

  • -Aktualisiert am

Der ehemalige Außenminister Joseph Fischer: Weisung fast eineinhalb Jahre verschwiegen Bild: dpa

Ohne Franz Nüßlein hätte es die leidenschaftlich geführte Debatte über die Rolle des Auswärtigen Amtes im „Dritten Reich“ nicht gegeben. Den Anstoß gab eine Todesanzeige. Wurde der damalige Außenminister Fischer während der Nachrufaffäre über Franz Nüßlein falsch informiert?

          5 Min.

          Ohne Franz Nüßlein hätte es die leidenschaftlich geführte Debatte über die Rolle des Auswärtigen Amtes (AA) im „Dritten Reich“ nicht gegeben. Den Anstoß gab die Todesanzeige für den ehemaligen Generalkonsul in der Behördenpostille „internAA“ mit der seit Bismarcks Zeiten üblichen Formulierung „Das Auswärtige Amt wird ihm ein ehrendes Andenken bewahren“.

          Den Gedenk-Stein ins Rollen brachte 2003 eine längst verrentete Sachbearbeiterin und Übersetzerin, Jahrgang 1918, die in der Bonner Zentrale und auf Auslandsposten eingesetzt gewesen war. Marga Henseler hatten „der Standesdünkel und die Selbstüberschätzung“ vieler Diplomaten nie gefallen.

          Ein Nachruf als Auslöser

          Und vor allem kannte sie Nüßlein von Prag her, wo sie vom September 1944 bis zum April 1945 lebte. Damals war der spätere Diplomat für den „Reichsprotektor“ tätig, während Frau Henseler bereits „bittere Erfahrungen im Gestapo-Gefängnis Brüssel-St. Gilles im Sommer 1944“ hinter sich hatte.

          Empört will sie 1960 darüber gewesen sein, dass Nüßlein eine Verwendung im AA gefunden hatte und 1962 zum Generalkonsul in Barcelona aufstieg. Mehr als vierzig Jahre später las sie in „internAA“ den „ehrenden“ Nachruf und beschwerte sich darüber beim Kanzleramt und beim AA.

          Fischers Weisung im März 2005

          Daraufhin traf Außenminister Fischer eine Entscheidung, die er erst im März 2005 im Schreiben „an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Auswärtigen Amts“ begründete: „Ehemalige Angehörige des Auswärtigen Amts, die Mitglied der NSDAP waren, werden ab September 2003 grundsätzlich nicht mehr mit einem Nachruf geehrt. Auslöser hierfür war der Nachruf für einen Generalkonsul a.D., der für erhebliche Entrüstung gesorgt hatte und so nie hätte erscheinen dürfen. Der Verstorbene hatte vor 1945 als Oberstaatsanwalt und NSDAP-Mitglied in der besetzten Tschechoslowakei an zahlreichen Verfahren mitgewirkt. Ehrende Nachrufe in diesen und vergleichbaren Fällen ... wären geeignet, das Ansehen des Auswärtigen Amts und der Bundesrepublik zu beschädigen.“

          Warum er diese Weisung fast eineinhalb Jahre verschweigen ließ, ist bis heute ein Amtsgeheimnis.

          Dabei stand 2005 für die meisten Pensionäre fest: Der Nachruf auf den „Seiteneinsteiger“ Nüßlein hätte unterbleiben oder ohne „ehrendes Andenken“ geschehen müssen. Das brachte damals Erwin Wickert (1915-2008), früherer Botschafter in Peking, bekannter Schriftsteller und selbst ehemaliges NSDAP-Mitglied, vor: Die „bedauerliche Ehrung“ Nüßleins habe Fischer dazu benutzt, „um die ganze alte Generation der Amtsangehörigen zu verdächtigen, die sich nach 1945 um die Wiederherstellung des deutschen Ansehens in der Welt verdient gemacht haben“.

          „Pauschalverdächtigungen“ anstelle differenzierender Urteile

          Zu diesen Verdienten zählte Wickert seinen Freund Franz Krapf (1911-2004), den er als Opfer der neuen Fischer-Gedenkpraxis ansah. Wickert war überzeugt, dass „Pauschalverdächtigungen“ bei „der Masse“ immer besser ankämen als differenzierende Urteile.

          Gerade das Diffamierend-Pauschale machte schon bei vielen Achtundsechzigern den besonderen Reiz jener Attacken aus, die von Ost-Berlin aus mit Publikationen wie „Von Ribbentrop bis Adenauer“ (1961) und „Braunbuch. Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik und in Westberlin“ (1965) gegen Bonns Führungseliten geritten wurden. Das „Braunbuch“ wies Nüßlein als „faschistischen Blutjuristen“ aus, der angeblich „an der Ermordung von über 900 tschechoslowakischen Patrioten beteiligt“ und ein „Bormann-Heydrich-Günstling“ gewesen sei.

          Große Archivbestände

          Auf dem Höhepunkt der Nachrufaffäre meinte AA-Staatssekretär Klaus Scharioth im Frühjahr 2005, dass die von vielen Pensionären vorgeschlagene Einzelfallprüfung und damit eine mögliche Rückkehr zum „ehrenden Andenken“ nicht möglich sei und anhand der im Politischen Archiv des AA vorhandenen Personalakten nicht geleistet werden könne.

          Weitere Themen

          Überreizte Nerven

          Horrornovelle „Der Horla“ : Überreizte Nerven

          Wenn Jens Wawrczeck Maupassants Horrornovelle „Der Horla“ auf der Bühne des Glaspalast-Theaters in Berlin liest, ist man dicht dran an dem Erzähler, seiner Verunsicherung und Panik. Im Hörbuch kommt das Grauen vollgültig zu seiner Wirkung.

          Den Toten eine Stimme

          New York Times : Den Toten eine Stimme

          Am „Memorial Weekend“ hatte die „New York Times“ eine journalistische Sternstunde: eine Kollektivpoetik des Totengedenkens, das die Tradition von Walt Whitman und Edgar Lee Masters mit der Corona-Moderne verbindet.

          Topmeldungen

          Boris Johnsons Chefberater Dominic Cummings verlässt am Montag sein Haus in London.

          Trotz Corona-Affäre : Der Mann, auf den Boris Johnson nicht verzichten will

          Politische Berater werden dafür bezahlt, dass sie der Regierung zuarbeiten. Bei Boris Johnsons Chefberater Dominic Cummings müssen die Minister für den Berater schuften. Damit hat er sich viele Feinde gemacht, aber für Johnson ist er unersetzbar.

          Milliardenhilfe : Gegenwind für die Lufthansa-Rettung

          Nach langen Verhandlungen einigen sich Bundesregierung und Lufthansa auf ein Rettungspaket aus Steuergeldern. Brüssel sagen die Pläne aber nicht zu. Kanzlerin Merkel will kämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.