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Im Gespräch: Richard von Weizsäcker : Es geht hier nicht um meinen Vater

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Ernst von Weizsäcker, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, während der Nürnberger Prozesse Bild: RIETHAUSEN

Welche Rolle spielte Ernst von Weizsäcker im NS-Vernichtungsapparat? Ein Gespräch mit Richard von Weizsäcker über die Friedensbemühungen seines Vaters als Staatssekretär im Auswärtigen Amt, über dessen Rolle bei der Ausbürgerung von Thomas Mann und über das damalige Wissen um die Judenvernichtung.

          Herr von Weizsäcker, wir wollen über „Das Amt“ sprechen. Welchen Eindruck haben Sie von diesem Buch? Hat Sie manches von dem, was dort drinsteht, überrascht?

          Zunächst: Es ist völlig legitim und sogar notwendig, dass nachwachsende Generationen nicht nur von Politikern, sondern natürlich auch von Wissenschaftlern sich mit der Frage beschäftigen, welche Teile der Reichsregierung sich wie gegenüber dem neuen Regime verhalten haben und welche Konsequenzen das nicht nur für die NS-Zeit, sondern auch für den Neuaufbau nach 1945 hatte.

          Ist der Historiker aber nicht vielleicht und notwendigerweise ungerecht, weil ihm zu den mündlichen Quellen, die ja oft nicht weniger wichtig sind als die schriftlichen, der Zugang fehlt?

          Die Historikerkommission, die an dem Buch intensiv gearbeitet hat, benutzt dafür eben die Mittel, die ihr zur Verfügung stehen. Das ist, neben dem eigenen Nachdenken, das, was aufgeschrieben und nachlesbar ist. Das bringt naturgemäß nicht dasselbe hervor wie das, was die Zeitzeugen erlebt haben. Andererseits war vieles von dem, was junge Wissenschaftler nachlesen können, den Zeitzeugen nicht zugänglich. Insofern stehen sich hier nachlesbare Akten und, wenn ich so sagen darf: das Archiv des eigenen Gedächtnisses gegenüber – kontrovers, ergänzend oder wie immer.

          Der Brief Ernst von Weizsäckers vom Mai 1936, der die Ausbürgerung Thomas Manns in die Wege leitet.

          Wenn es um das Auswärtige Amt des Deutschen Reiches geht, sind Sie auch persönlich involviert: Ihr Vater, Ernst von Weizsäcker, war dort Staatssekretär und wurde im sogenannten Wilhelmstraßenprozess 1948/49 wegen Mitwirkung bei der Deportation französischer Juden nach Auschwitz, also wegen eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit, zu fünf Jahren Haft verurteilt.

          Das ist richtig, ja.

          Die Buchautoren haben nun einen Brief Ihres Vaters, damals Gesandter in der Schweiz, gefunden. Er habe aufgrund eines Votums des Botschafters in Paris „keine Bedenken“ mehr gegen eine Ausbürgerung Thomas Manns, die aus taktischen Gründen schon drei Jahre in der Schwebe gelegen hatte. Ihr Vater schrieb, Thomas Mann habe sich der „feindseligen Propaganda gegen das Reich im Ausland“ schuldig gemacht. Wussten Sie davon?

          Nein, davon habe ich erst jetzt durch dieses Buch erfahren. Ich war damals fünfzehn Jahre alt. Zur Literatur ist zu sagen: Wir haben wohl einige politische Stellungnahmen Thomas Manns, vor allem aus der Zeit der „Betrachtungen eines Unpolitischen“, nicht für seine stärkste Seite gehalten. Aber sein Riesenwerk „Joseph und seine Brüder“ haben wir immer als genial empfunden.

          Ihr Vater, der für die Hitler-Biographie Joachim Fests eine ganz wichtige Quelle war, war das personifizierte Bildungsbürgertum. Die Buchautoren haben nun aber auch zu seiner Rolle bei der Behandlung der Juden, die ja ebenfalls Gegenstand des Wilhelmstraßenprozesses war, noch etwas anderes ausfindig gemacht: Ihr Vater äußerte 1938 gegenüber dem Schweizer Gesandten in Paris, die Juden müssten Deutschland verlassen, „sonst gingen sie eben über kurz oder lang ihrer vollständigen Vernichtung entgegen“.

          Ja, die Juden müssten auswandern, um ihrer Vernichtung zu entgehen. Das hat mein Vater gesagt.

          War das nur ein Verwaltungsakt, eine Drohung oder eine Warnung, die Ihr Vater bewusst ausgesprochen hat, um Schlimmstes zu verhüten?

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