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Im Gespräch: Joschka Fischer : Das ist jetzt der Nachruf, den sie wollten

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Der ehemalige Bundesaußenminister Joschka Fischer beim Interview Bild: F.A.Z.-Helmut Fricke

In seiner Zeit als Außenminister setzte Joschka Fischer eine Historikerkommission ein, um die Geschichte seines Hauses aufarbeiten zu lassen. Im Gespräch mit Frank Schirrmacher begründet er diesen Schritt und zeigt sich entsetzt über das Ergebnis.

          Wie ist es zur historischen Aufarbeitung gekommen? Sie haben diese Kommission durchgesetzt.

          Marga Henseler war letztendlich der Auslösefaktor, vergessen Sie die alte Dame nicht. Sie hat einen Brief geschrieben, der das Ganze ins Rollen brachte. Und dieser Brief erreichte mich nicht. Marga Henseler war selber in Gestapo-Haft in Brüssel, muss Todesängste gehabt haben, wurde auch bedroht: „Du kommst nach Ravensbrück“, all diese Dinge. Und als sie den Nachruf auf Nüßlein las . . .

          . . . der als Generalstaatsanwalt in Prag für 900 Todesurteile verantwortlich war . . .

          . . . hat sie mir einen empörten Brief geschrieben. „Wie können Sie denn nur . . .“ Und: „Wissen Sie nicht, dass . . .“ Der kam nicht an, sondern wurde von der Bürokratie beantwortet.

          Der Auslöser der „Nachrufaffäre” – der Diplomat Franz Krapf (1911–2004), ehemals SS-Untersturmführer und nach dem Krieg Botschafter der Bundesrepublik

          Und wussten Sie, hätten Sie gewusst, wer Nüßlein ist? Zu dem Zeitpunkt?

          Nein. Ich wusste ja nicht einmal, dass es diese Nachrufe gibt. Im Auswärtigen Amt sind fast 9.000 Leute in alle Welt zerstreut. Sie sind sehr viel enger aufeinander angewiesen als etwa die Mitarbeiter Ihrer Zeitung, weil man eine Lebensentscheidung getroffen hat. Das ist wie beim Militär. Weil eben der ganze familiäre Bereich davon erheblich beeinflusst wird und bisweilen auch darunter zu leiden hat. Und all diese Menschen haben natürlich ein Interesse daran, dass sie wissen: Wer wird befördert, wer ist gestorben . . . Das steht alles in diesem Blättchen. Nicht weiter bedeutungsvoll, aber für die Amtsangehörigen und die ehemaligen Amtsangehörigen ist das eine wichtige Informationsquelle.

          Und dann starb dieser Nüßlein.

          Von dessen Existenz ich weder wusste, noch kannte ich dessen Biographie, noch wusste ich um diese Anzeige und ihre Bedeutung für „die Mumien“, die Ehemaligen, wie sie amtsintern genannt werden. Und wenn ich zu denen gehört hätte, hätte ich denen geraten: Freunde, ihr schweigt besser! Dieses Gefecht auf die letzten Jahre könnt ihr nicht gewinnen angesichts der historischen Realitäten. Nun starb dieser Nüßlein, und Marga Henseler schrieb mir einen empörten Brief, der mich auf dem Umweg über den Bundeskanzler erreichte. Sie beschwerte sich bei Bundeskanzler Schröder zu Recht über mich, und der Bundeskanzler schrieb mir, ich möge die Sache doch mal überprüfen. Marga Henseler war sehr enttäuscht, sie schrieb, ausgerechnet von Joschka Fischer hätte sie nicht gedacht, dass er einem alten Nazi wie dem Nüßlein, mit Blut an den Händen, einen Nachruf gewährt. Ich war entsetzt. Ich fiel aus allen Wolken. Aber natürlich hatte ich sofort im Kopf: Im nächsten Jahr ist 2005, wir gehen auf den sechzigsten Jahrestag zu. Meine Überlegung war, dass sich die Bundesrepublik Deutschland, die Bundesregierung eine mögliche Debatte um solche Nachrufe nicht erlauben kann.

          Sie haben sich dann erkundigt, wer Nüßlein ist.

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