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Historikerstudie „Das Amt“ : Das Ende aller Vertuschung

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Auswärtiges Amt, Wilhelmstraße 76: Nächtliche Szene aus dem Jahr 1939 Bild: ullstein bild

Das Auswärtige Amt hat an der Verfolgung der Juden mitgewirkt - in welchem Maße, das zeigt erst der Kommissionsbericht „Das Amt“. Trotz mancher Pauschalisierung leistet er einen gewichtigen Beitrag zur Forschung. Dafür sollten wir dankbar sein, urteilt der amerikanische Historiker Christopher R. Browning.

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          Historiker, die sich für das Verhältnis des deutschen Auswärtigen Amtes zur „Judenpolitik“ des Dritten Reichs interessieren, können seit langem schon auf drei (in drei verschiedenen Sprachen verfasste) Bücher zurückgreifen: Eliahu Ben Elissars „La diplomatie du IIIe Reich et les Juifs 1933–1939“ (1969), mein eigenes, „The Final Solution and the German Foreign Office“ (1978), und Hans-Jürgen Döschers „Das Auswärtige Amt im Dritten Reich. Diplomatie im Schatten der ,Endlösung‘“ (1987). Zusammengenommen vermittelten diese Bücher einige zentrale Erkenntnisse.

          Erstens, das Auswärtige Amt wurde sehr schnell zu einem glühenden Verfechter der nationalsozialistischen Judenpolitik der dreißiger Jahre, und zwar vor allem, weil man gleichsam reflexartig das Bild Deutschlands im Ausland zu schützen versuchte, verbunden mit der allgemeinen Abneigung gegen deutsche Juden, die so typisch für die in diplomatischen Kreisen verbreitete nationalkonservative Mentalität war. Zweitens, die Nazifizierung des Personals kam im Auswärtigen Amt rasch voran, vor allem nach 1937, und zwar nicht nur durch die „Einschleusung“ und Aufnahme von Partei- und SS-Mitgliedern in das Amt, sondern auch, weil bereits dort arbeitende Beamte in die Partei oder die SS eintraten – welches Gemisch aus ideologischer Überzeugung, Karriereopportunismus und fatalistischer Resignation sie auch immer dazu bewegt haben mochte.

          Drittens, das Auswärtige Amt war tief in die „Endlösung“ verstrickt, zunächst indem es den Madagaskar-Plan einer vollständigen „ethnischen Säuberung“ Europas von den Juden propagierte (der in der Praxis zahllose Menschenleben gefordert hätte), und dann, indem es die Zahl der ermordeten Juden in die Höhe trieb, weil es die Verbündeten und Satelliten Deutschlands zwang, ähnliche Maßnahmen gegen die Juden zu ergreifen wie in Deutschland und schließlich ihre Juden der Deportation auszuliefern. Außerdem hat Döscher in zwei weiteren Büchern die umstrittene Rückkehr zahlreicher Beamter und Diplomaten – der sogenannten Ehemaligen – in den Auswärtigen Dienst der Adenauerzeit Anfang der fünfziger Jahre untersucht.

          Trotz mancher Pauschalisierung ein wichtiges und notwendiges Buch: die Historikerstudie „Das Amt”

          Endgültige Zerstörung eines Mythos

          Als Autor eines dieser früheren Bücher, deren wissenschaftliche Zuverlässigkeit von der durch Joschka Fischer eingesetzten Historiker-Kommission natürlich geprüft wurde, als sie das Archivmaterial nochmals sichtete und „Das Amt“ schrieb, bin ich sehr zufrieden, dass alle diese grundlegenden Befunde in vollem Umfang bestätigt wurden. Zugleich macht das Buch diese Befunde einer sehr viel breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Wie es erst der Wehrmachtsausstellung in den neunziger Jahren bedurfte, um den Mythos der „sauberen“ Wehrmacht zu zerstören, obwohl zahlreiche wissenschaftliche Studien die Komplizenschaft der Wehrmacht seit Jahrzehnten dokumentiert hatten, bedurfte es dieses mit großer öffentlicher Aufmerksamkeit bedachten Kommissionsberichts, um den Mythos zu zerstören, wonach das Auswärtige Amt nicht an den Verbrechen des Dritten Reichs beteiligt, sondern ein Zentrum des Widerstands gegen die Nationalsozialisten gewesen sei – ein Mythos, der sich hauptsächlich wegen der Selbstdarstellung des Amtes und trotz gegenteiliger wissenschaftlicher Befunde bis in unsere Tage halten konnte.

          Dabei war es eine sehr kluge Entscheidung der Kommission, auch ein Kapitel über den wahren Widerstand innerhalb des Auswärtigen Amtes einzufügen, das den bemerkenswerten Mut und die moralische Integrität der wenigen Männer um Adam von Trott zu Solz und Hans Bernd von Haeften sowie den isolierten Rudolf von Scheliha und Fritz Kolbe herausstellt, damit aber zugleich auch deutlich macht, wie klein und marginal diese Gruppe war. Nach keinem vernünftigen Maßstab kann danach das Auswärtige Amt als ein Zentrum des Widerstands gegen das Dritte Reich statt als dessen Werkzeug gelten. Wenn die Zerstörung dieses Mythos die einzige Leistung dieses Buches wäre, sollten wir dankbar für seine Veröffentlichung sein.

          Doch darüber hinaus leistet das Buch wichtige eigenständige Beiträge zur Forschung, vor allem im Blick auf die Nachkriegszeit. Eines der für mich faszinierendsten Themen, mit denen die Kommission sich befasst hat, ist die Serie der Prozesse gegen Angehörige des Auswärtigen Amtes und der Umgang des Amtes mit den „Ehemaligen“. Ich hatte die Aussagen und Dokumente dieser Prozesse schon als Quellen für mein eigenes Buch herangezogen; doch für mich war es eine Offenbarung, was das Buch über die Manöver hinter den Kulissen berichtet, die natürlich nicht Bestandteil der Prozessakten waren.

          Verteidigungslinien um Weizsäcker

          Weitaus bedeutsamer als Ribbentrops und Konstantin von Neuraths Verurteilung durch den Internationalen Militärgerichtshof für das Nachkriegsimage des Auswärtigen Amtes und die nachfolgende Wiedereinstellung der „Ehemaligen“ war Fall 11 des Amerikanischen Militärtribunals von 1948, der sogenannte Wilhelmstraßen- oder Ministerien-Prozess, deren prominentester Angeklagter, neben sieben weiteren Diplomaten, Ernst von Weizsäcker war.

          Die Verteidigung Weizsäckers wurde zu einer Angelegenheit, um die die Diplomaten ihre Reihen schlossen und unter Führung eines inneren Kreises um Wilhelm Melchers, Theo und Erich Kordt, Hans Schröder, Ernst Achenbach und andere sowohl eine juristische Strategie formulierten als auch die Geschichte umschrieben. Nach dieser Darstellung waren die Berufsdiplomaten unpolitische Staatsdiener, die sich von den Verbrechen des Regimes fernhielten und deren spätere Zugehörigkeit zur NSDAP oder zur SS nur nominellen Charakter besaß und bedeutungslos war. Soweit die „Judenpolitik“ in Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt realisiert wurde, sei dies das Werk eines gesonderten, eigens dafür geschaffenen Zweigs des Auswärtigen Amtes gewesen, der mit Ribbentrop-Kreaturen besetzt worden sei (Martin Luther und Franz Rademacher in der Abteilung Deutschland, Horst Wagner und Eberhard von Thadden im Referat Inland IIB).

          Widerstandsbemühungen der Berufsdiplomaten seien zunächst durch die britische Appeasement-Politik zunichtegemacht und dann durch die in Casablanca beschlossene Formel der bedingungslosen Kapitulation entmutigt worden. Soweit Berufsdiplomaten Dokumente unterzeichneten, die heute als belastend erschienen, habe dies in Wirklichkeit keinerlei Auswirkungen auf die getroffenen Entscheidungen und die verfolgte Politik gehabt (von denen die Diplomaten natürlich keine Kenntnis besessen hätten). Das sei der Preis gewesen, den sie unvermeidlich hätten zahlen müssen, um heldenhaft auf ihrem Posten zu bleiben und Schlimmeres zu verhüten. Im Wilhelmstraßen-Prozess sei es daher nicht um individuelle Gerechtigkeit, sondern um die Zerstörung der deutschen Eliten gegangen, und die dämonisch treibende Kraft hinter diesem Fall von Siegerjustiz sei der zurückgekehrte jüdische Emigrant Robert Kempner gewesen.

          Prozessführung gegen das „Judenreferat“

          Da man die Anklage in diesem Prozess auf hochrangige Beamte beschränkte, blieben die mittleren Beamten des „Judenreferats“ verschont, denen der Weizsäcker-Kreis neben dem bereits verstorbenen Martin Luther alle Schuld zuschob: Franz Rademacher, Horst Wagner und Eberhard von Thadden. Doch beim Prozess gegen Rademacher, der 1952 vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth eröffnet wurde, ließen die „Ehemaligen“ keinen Eifer erkennen, jene Täter der Gerechtigkeit zuzuführen, die nach ihren früheren Aussagen solche Schande über sie gebracht hatten.

          Im Gegenteil, unter dem Druck journalistischer Aufklärungsbemühungen der „Frankfurter Rundschau“ und angesichts unangenehmer Fragen eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses taten sie alles, um nicht als Zeugen erscheinen zu müssen und um den Prozess als weiteren Racheakt zu diskreditieren. Rademachers Anwalt ließ sogar durchblicken, er habe den Verdacht, die berüchtigte Spesenabrechnung, in der sein Mandant als Zweck seiner im Oktober 1941 unternommenen Reise nach Belgrad die „Liquidation von Juden“ angegeben hatte, werde möglicherweise als Beweismittel zurückgehalten, falls sein Mandant sich als kooperativ erweise und andere aus dem Prozess heraushalte. Der Rademacher-Prozess stützte sich auf die für die Nürnberger Prozesse ausgewählten Dokumente; doch nach 1958 wurden die gesamten beschlagnahmten Akten des Auswärtigen Amtes an das Politische Archiv in Bonn übergeben, so dass späteren Strafverfolgungsbemühungen weitaus mehr belastendes Material zur Verfügung stand.

          Der Fall Müller

          Einer von Rademachers Mitarbeitern, Fritz-Gebhardt von Hahn, der bei seiner eigenen Entnazifizierung falsche Angaben über seine Verstrickung machte, 1948 Weizsäckers Verteidigung unterstützte und 1951 in den Staatsdienst zurückkehrte, fühlte sich offenbar so sicher vor strafrechtlicher Verfolgung, dass er in den sechziger Jahren offen zugab, von der Ausrottung der Juden gewusst zu haben. Dieser Hochmut führte zu einer sorgfältigen Untersuchung des inzwischen verfügbaren Archivmaterials und schließlich 1968 in Frankfurt zu Hahns Anklage und Verurteilung. Außerdem stießen Ermittler dadurch auf die Spur eines weiteren Mitarbeiters im Judenreferat: Herbert Müller. Er war 1951 ins Auswärtige Amt zurückgekehrt, ohne seine frühere Tätigkeit unter Rademacher angegeben zu haben, und änderte seinen Namen 1953 in Müller-Roschach. Er machte Karriere und wurde Ende der sechziger Jahre Botschafter in Portugal.

          Er hatte Zusammenfassungen der Einsatzgruppenberichte abgezeichnet, die für seine Vorgesetzten bestimmt waren, und als das Deutsche Rote Kreuz an das Auswärtige Amt herantrat und eine Anfrage wegen der Möglichkeit von Lebensmittelhilfslieferungen an Juden im Getto von Lodz weiterreichte, landete der Vorgang schließlich auf seinem Schreibtisch. Er teilte der Rechtsabteilung mit, die geplante Endlösung der europäischen Judenfrage, die dort bekannt sei, lasse keine ausländischen Lebensmittellieferungen an Juden in Deutschland und im Generalgouvernement zu, und er wies das Deutsche Rote Kreuz an, nicht auf die Anfrage zu antworten.

          Nach langem Zögern schickte das Auswärtige Amt Müller zunächst in Urlaub und berief ihn schließlich von seinem Botschafterposten ab. Die Ermittlungen zogen sich hin und wurden 1972 eingestellt, ohne dass es zu einem Prozess gekommen wäre, da man für keine seiner Aktivitäten im Judenreferat, für die sich sein Wissen um die Endlösung beweisen ließ, auch nachweisen konnte, dass sie konkret zum Tod von Menschen geführt hatten.

          Auch wenn Müllers Leugnung seiner Vergangenheit nicht zu rechtfertigen ist, war sein Fall im Blick auf seine Person wie auch seine Tätigkeit im Judenreferat dennoch etwas ganz anderes als der Fall des ehrgeizigen und stolzen Nationalsozialisten Hahn, so dass der Unterschied hinsichtlich der juristischen Folgen nicht ganz unberechtigt erscheint. Die beiden anderen tief verstrickten Angehörigen des Auswärtigen Amtes, Eberhard von Thadden und Horst Wagner, die anders als Hahn und Müller nicht in den Staatsdienst zurückkehrten, wurden nie vor Gericht gestellt. Thadden kam 1964 bei einem Verkehrsunfall ums Leben, Wagner setzte erfolgreich eine Reihe von Verzögerungstaktiken ein (Wechsel des Anwalts, ärztliche Atteste), bis er schließlich starb.

          Rückzugsgefechte und Vertuschungsbemühungen

          Das Buch „Das Amt“ beschreibt nicht nur die Wiedereinstellung der „Ehemaligen“ und die vielfältigen Formen, in denen die Vergangenheit auf dem Auswärtigen Amt der Nachkriegszeit lastete, sondern erhellt auch wesentliche Kontexte, in die wir diese Nachkriegsgeschichte zu stellen haben. Die Anwesenheit der „Ehemaligen“, so beschämend sie war, hinderte weder Adenauer an seiner Hinwendung zum Westen noch Brandt an seiner Ostpolitik, und sie verhinderte auch nicht, dass Deutschland zu einem vorbildlichen Mitglied der internationalen Gemeinschaft wurde, was wiederum entscheidende Bedeutung für die internationale Einwilligung in die deutsche Wiedervereinigung 1990 besaß. Wie viele von ihnen auch opportunistische oder willige Diener des Dritten Reiches gewesen waren – sie passten sich doch an die Nachkriegszeit an. Außerdem übernahmen neue Generationen fähiger Diplomaten, die ihre Ausbildung in einer gänzlich anderen diplomatischen Umgebung erhalten hatten, die neuen Rollen, die Berufsdiplomaten heute zu spielen haben.

          Insgesamt war das Auswärtige Amt Teil der deutschen Erfolgsgeschichte einer Demokratisierung im Innern und eines friedlichen Zusammenlebens mit seinen Nachbarn – der entscheidenden Entwicklungen, die sich in der Vergangenheit als so trügerisch erwiesen hatten. Dennoch verlegte sich eine Handvoll „Ehemaliger“ auf ein Rückzugsgefecht, mit dem sie ihre Version der Geschichte des Auswärtigen Amtes in der NS-Zeit zu schützen versuchte, und das letzte Kapitel von „Das Amt“ ist eine faszinierende Darstellung der am Ende doch erfolgreichen Aufdeckung dieser Vertuschungsbemühungen.

          Bei einem Buch von mehr als 700 Seiten mag es ungerecht erscheinen, auf Bereiche hinzuweisen, die noch ausführlicher hätten behandelt werden sollen. Ich denke allerdings, eine stärkere Differenzierung zwischen den Diplomaten des Dritten Reichs hinsichtlich ihrer Beteiligung an der „Judenpolitik“ oder ihrer Reaktion darauf hätte der Studie noch mehr Tiefe und Subtilität verliehen.

          Unbewiesene Verallgemeinerungen

          Um ein Spektrum von Verhaltensweisen aufzutun, beginnt das Buch mit einer Skizze über drei Diplomaten mit unterschiedlichen Laufbahnen: Franz Krapf, der 1936 in die NSDAP eintrat, während des Krieges in der deutschen Botschaft in Tokio arbeitete und in der Nachkriegszeit wieder in den Auswärtigen Dienst eintrat; Fritz Kolbe, der es ablehnte, in die NSDAP einzutreten, der erschüttert war über den Terror und die Verbrechen der Nationalsozialisten, der während des Krieges dem amerikanischen Geheimdienst und nach dem Krieg der Anklage in Nürnberg Informationen zukommen ließ, der in der Nachkriegszeit als Verräter gebrandmarkt und nicht wieder in den Auswärtigen Dienst aufgenommen wurde; und Franz Nüßlein, Mitglied der NSDAP und Jurist, der während des Krieges im Protektorat Böhmen und Mähren Dienst tat und nach dem Krieg ins Auswärtige Amt kam.

          Über Krapf heißt es zwar, man wisse kaum etwas über seine Tätigkeit in Tokio, und dennoch wird die Behauptung aufgestellt: „Selbst im fernen Ostasien waren deutsche Diplomaten mit der ,Endlösung' der Judenfrage befasst“ - eine ebenso willkürliche wie unbewiesene Verallgemeinerung. „Das Amt“ unterscheidet sehr wirkungsvoll zwischen den wahren Widerständlern und denen, die sich in unterschiedlicher Weise schuldig machten; doch es hätte deutlicher unterscheiden können zwischen aktiver Komplizenschaft (den „Auftragsverbrechen“ von Leuten wie Rademacher und von Hahn) und passiver Komplizenschaft (den „Unterlassungsverbrechen“, für die Weizsäcker das wichtigste Beispiel darstellt).

          Weizsäckers innerer Kampf

          Was die passive Komplizenschaft angeht, gibt es meines Erachtens Anzeichen dafür, dass Weizsäcker mit der Frage kämpfte, welchen Weg er einschlagen sollte. Das zeigt sich an geringfügigen Änderungen an diversen Dokumenten, die im Judenreferat entworfen worden waren. In einem Fall schrieb er statt: das Auswärtige Amt habe „keine Bedenken“ gegen die Deportation der Juden aus Frankreich - es erhebe keinen „Einspruch“ dagegen, und in einem anderen Fall statt: die Einstellung der Deportationen in der Slowakei würde in Deutschland „einen sehr schlechten Eindruck hinterlassen“, sie würde „überraschen“. Erst spät in seiner Zeit als Staatssekretär machte er den Vorschlag, das Auswärtige Amt solle sich auf die allgemeine Feststellung beschränken, dass aus der Sicht der Außenpolitik in jedem Fall die mildere Lösung die vorzuziehende sei.

          Hätte er nur früher zu dieser Formulierung gefunden und entschiedener daran festgehalten, wäre es ihm vor dem Nürnberger Gerichtshof und im Urteil der Historiker besser ergangen. Es bleibt immerhin bemerkenswert, dass er in seiner Reaktion auf die Judenpolitik der Nationalsozialisten zumindest nach deren verhängnisvoller Wende von der rassischen Verfolgung zum Massenmord Besorgnis statt Begeisterung oder Gleichgültigkeit zeigte.

          Ein in dem Buch kurz angesprochener Diplomat hätte meines Erachtens schon in der einleitenden Skizze genannt werden sollen, um das Spektrum der möglichen Reaktionen zu erweitern: Gerhart Feine trat nicht in die NSDAP ein, sondern tat sich durch sein couragiertes Auftreten in Belgrad während der deutschen Invasion 1941 hervor. Als er 1944 in der Budapester Botschaft arbeitete, informierte er zunächst die Schweizer Botschaft über die drohende Deportation der Juden und arbeitete dann mit den Schweizern an der Bewahrung der diplomatischen Immunität eigens angemieteter Häuser, in denen Juden Schutz fanden.

          Wie das Buch vermerkt, belegt seine Rolle in Budapest, dass es zwar nicht in der Macht einzelner Diplomaten des Auswärtigen Dienstes lag, den Holocaust zu verhindern, wohl aber, der mörderischen Politik des Dritten Reiches entgegenzuwirken und bei entsprechendem Willen und Einfallsreichtum Menschenleben zu retten. Diese aufschlussreiche Episode verdiente es, deutlich herausgestellt zu werden.

          Befreiung von einer beschämenden Last

          Die wohl größte Chance, die „Das Amt“ ungenutzt lässt, um die ganze Komplexität menschlichen Verhaltens im Krieg wie auch in der Nachkriegszeit zu erkunden, ist der Fall Wilhelm Melchers. In „Das Amt“ wird er als der Urheber des Mythos vom Auswärtigen Amt als Zentrum des Widerstands namhaft gemacht, weil er in einer Aufzeichnung berichtet hatte, Adam von Trott zu Solz habe vor seiner Verhaftung und Hinrichtung erklärt, die Mehrzahl der Beamten habe sich der Nazifizierung widersetzt und sei „gesund“ geblieben. Melchers arbeitete dann gemeinsam mit den „Ehemaligen“ sowohl an Ernst von Weizsäckers Verteidigung als auch an den Bemühungen, ihren Wiedereintritt in den Auswärtigen Dienst zu erleichtern. Unbeachtet bleibt dabei die Ironie, dass Melchers sich während des Krieges ganz anders verhielt als die Masse der „Ehemaligen“, mit denen er anschließend gemeinsame Sache machte. Im Unterschied zu den unrichtigen Behauptungen vieler anderer verhinderte er durch sein Verbleiben im Amt tatsächlich Schlimmeres und „streute Sand ins Getriebe“ der Vernichtungsmaschinerie.

          Im Judenreferat war es üblich, Vorschläge des Reichssicherheitshauptamts (RSHA) für antijüdische Aktionen in die Politische Abteilung zu geben, wo die zuständigen Referate abzeichnen sollten, dass sie informiert worden waren und keine Einwände wegen möglicher außenpolitischer Komplikationen erhoben. Melchers nutzte seine Stellung als Leiter des Orientreferats, um in deutscher Hand befindliche palästinensische Juden zu retten, indem er das Gespenst einer Vergeltung an deutschen Kolonisten in Palästina an die Wand malte.

          Als das Auswärtige Amt die Türkei informierte, sie müsse die 2400 türkischen Juden, die sich innerhalb des Dritten Reichs aufhielten, repatriieren, wenn sie nicht deportiert werden sollten, und die türkische Regierung kein Interesse zeigte, bemühte Melchers sich dennoch um die Rettung der von ihrer Regierung im Stich gelassenen türkischen Juden. Er legte überzeugend dar, dass die türkischen Juden kein Sicherheitsrisiko darstellten, das auch nur in die Nähe des Schadens käme, der eintreten müsste, wenn die feindliche Propaganda ihre Deportation nutzte, um die türkische Presse aufzustacheln und die Beziehungen zur neutralen Türkei zu schädigen. Sieben Monate lang hielt er trotz des Drucks seitens des RSHA und von Thaddens unbeirrt an diesem Argument fest, bis die türkische Regierung einlenkte und die Repatriierung von Juden türkischer Staatsangehörigkeit erlaubte.

          Eine differenziertere und nuanciertere Betrachtung der deutschen Diplomaten, die auf ihrem Posten blieben und sich zwar nicht der Opposition oder dem Widerstand anschlossen, aber dennoch in vielfältiger Weise auf die mörderische Judenpolitik des Regimes reagierten, hätte „Das Amt“ durchaus verbessert. Dennoch ist die Argumentation in ihren Grundzügen richtig. Das Auswärtige Amt leistete als Institution einen Beitrag zur Verfolgung der Juden und zur „Endlösung“. Allzu viele Mitglieder des Auswärtigen Dienstes wurden Nationalsozialisten und Komplizen des Regimes, und viele von ihnen kehrten nach dem Krieg ins Amt zurück. Und obwohl das Auswärtige Amt die neue deutsche Demokratie und deren Außenpolitik unterstützte, hielt es doch über Jahrzehnte an einer verzerrten Darstellung seiner Geschichte fest - eine verdummende, beschämende und unnötige Last, von der es hoffentlich nun dank dieses Buches endgültig befreit ist.

          Die Pionierleistung des Christopher R. Browning

          Der 1944 geborene Historiker ist einer der besten Kenner der NS-Zeit. Lange war sein 1978 fertiggestelltes, aber erst jetzt ins Deutsche übersetztes Buch „Die Endlösung und das Auswärtige Amt“ die wichtigste Monographie zu einem Thema, das nun auch von der durch Joschka Fischer eingesetzten Historikerkommission bearbeitet wurde. Die seit Wochen diskutierte Studie „Das Amt“ von Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann knüpft an Brownings Erkenntnisse an und geht gleichzeitig darüber hinaus.

          In seinem Buch „Ganz normale Männer“ (1993) schilderte Browning das Reserve-Polizeibataillon 101 und die Ermordung der Juden in Polen. Seine These zum Beginn der Vernichtungspolitik - sie sei schon 1941 im Zusammenhang mit den Mordaktionen der „Einsatzgruppen“ im Krieg gegen die Sowjetunion konzipiert worden - widersprach der weithin geltenden Ansicht, der Holocaust sei erst 1942 geplant worden. Browning lehrt als Frank Porter Graham Professor Geschichte an der University of North Carolina in Chapel Hill.

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