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Historikerstudie „Das Amt“ : Das Ende aller Vertuschung

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Die wohl größte Chance, die „Das Amt“ ungenutzt lässt, um die ganze Komplexität menschlichen Verhaltens im Krieg wie auch in der Nachkriegszeit zu erkunden, ist der Fall Wilhelm Melchers. In „Das Amt“ wird er als der Urheber des Mythos vom Auswärtigen Amt als Zentrum des Widerstands namhaft gemacht, weil er in einer Aufzeichnung berichtet hatte, Adam von Trott zu Solz habe vor seiner Verhaftung und Hinrichtung erklärt, die Mehrzahl der Beamten habe sich der Nazifizierung widersetzt und sei „gesund“ geblieben. Melchers arbeitete dann gemeinsam mit den „Ehemaligen“ sowohl an Ernst von Weizsäckers Verteidigung als auch an den Bemühungen, ihren Wiedereintritt in den Auswärtigen Dienst zu erleichtern. Unbeachtet bleibt dabei die Ironie, dass Melchers sich während des Krieges ganz anders verhielt als die Masse der „Ehemaligen“, mit denen er anschließend gemeinsame Sache machte. Im Unterschied zu den unrichtigen Behauptungen vieler anderer verhinderte er durch sein Verbleiben im Amt tatsächlich Schlimmeres und „streute Sand ins Getriebe“ der Vernichtungsmaschinerie.

Im Judenreferat war es üblich, Vorschläge des Reichssicherheitshauptamts (RSHA) für antijüdische Aktionen in die Politische Abteilung zu geben, wo die zuständigen Referate abzeichnen sollten, dass sie informiert worden waren und keine Einwände wegen möglicher außenpolitischer Komplikationen erhoben. Melchers nutzte seine Stellung als Leiter des Orientreferats, um in deutscher Hand befindliche palästinensische Juden zu retten, indem er das Gespenst einer Vergeltung an deutschen Kolonisten in Palästina an die Wand malte.

Als das Auswärtige Amt die Türkei informierte, sie müsse die 2400 türkischen Juden, die sich innerhalb des Dritten Reichs aufhielten, repatriieren, wenn sie nicht deportiert werden sollten, und die türkische Regierung kein Interesse zeigte, bemühte Melchers sich dennoch um die Rettung der von ihrer Regierung im Stich gelassenen türkischen Juden. Er legte überzeugend dar, dass die türkischen Juden kein Sicherheitsrisiko darstellten, das auch nur in die Nähe des Schadens käme, der eintreten müsste, wenn die feindliche Propaganda ihre Deportation nutzte, um die türkische Presse aufzustacheln und die Beziehungen zur neutralen Türkei zu schädigen. Sieben Monate lang hielt er trotz des Drucks seitens des RSHA und von Thaddens unbeirrt an diesem Argument fest, bis die türkische Regierung einlenkte und die Repatriierung von Juden türkischer Staatsangehörigkeit erlaubte.

Eine differenziertere und nuanciertere Betrachtung der deutschen Diplomaten, die auf ihrem Posten blieben und sich zwar nicht der Opposition oder dem Widerstand anschlossen, aber dennoch in vielfältiger Weise auf die mörderische Judenpolitik des Regimes reagierten, hätte „Das Amt“ durchaus verbessert. Dennoch ist die Argumentation in ihren Grundzügen richtig. Das Auswärtige Amt leistete als Institution einen Beitrag zur Verfolgung der Juden und zur „Endlösung“. Allzu viele Mitglieder des Auswärtigen Dienstes wurden Nationalsozialisten und Komplizen des Regimes, und viele von ihnen kehrten nach dem Krieg ins Amt zurück. Und obwohl das Auswärtige Amt die neue deutsche Demokratie und deren Außenpolitik unterstützte, hielt es doch über Jahrzehnte an einer verzerrten Darstellung seiner Geschichte fest - eine verdummende, beschämende und unnötige Last, von der es hoffentlich nun dank dieses Buches endgültig befreit ist.

Die Pionierleistung des Christopher R. Browning

Der 1944 geborene Historiker ist einer der besten Kenner der NS-Zeit. Lange war sein 1978 fertiggestelltes, aber erst jetzt ins Deutsche übersetztes Buch „Die Endlösung und das Auswärtige Amt“ die wichtigste Monographie zu einem Thema, das nun auch von der durch Joschka Fischer eingesetzten Historikerkommission bearbeitet wurde. Die seit Wochen diskutierte Studie „Das Amt“ von Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann knüpft an Brownings Erkenntnisse an und geht gleichzeitig darüber hinaus.

In seinem Buch „Ganz normale Männer“ (1993) schilderte Browning das Reserve-Polizeibataillon 101 und die Ermordung der Juden in Polen. Seine These zum Beginn der Vernichtungspolitik - sie sei schon 1941 im Zusammenhang mit den Mordaktionen der „Einsatzgruppen“ im Krieg gegen die Sowjetunion konzipiert worden - widersprach der weithin geltenden Ansicht, der Holocaust sei erst 1942 geplant worden. Browning lehrt als Frank Porter Graham Professor Geschichte an der University of North Carolina in Chapel Hill.

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