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Historikerstudie „Das Amt“ : Das Ende aller Vertuschung

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Über Krapf heißt es zwar, man wisse kaum etwas über seine Tätigkeit in Tokio, und dennoch wird die Behauptung aufgestellt: „Selbst im fernen Ostasien waren deutsche Diplomaten mit der ,Endlösung' der Judenfrage befasst“ - eine ebenso willkürliche wie unbewiesene Verallgemeinerung. „Das Amt“ unterscheidet sehr wirkungsvoll zwischen den wahren Widerständlern und denen, die sich in unterschiedlicher Weise schuldig machten; doch es hätte deutlicher unterscheiden können zwischen aktiver Komplizenschaft (den „Auftragsverbrechen“ von Leuten wie Rademacher und von Hahn) und passiver Komplizenschaft (den „Unterlassungsverbrechen“, für die Weizsäcker das wichtigste Beispiel darstellt).

Weizsäckers innerer Kampf

Was die passive Komplizenschaft angeht, gibt es meines Erachtens Anzeichen dafür, dass Weizsäcker mit der Frage kämpfte, welchen Weg er einschlagen sollte. Das zeigt sich an geringfügigen Änderungen an diversen Dokumenten, die im Judenreferat entworfen worden waren. In einem Fall schrieb er statt: das Auswärtige Amt habe „keine Bedenken“ gegen die Deportation der Juden aus Frankreich - es erhebe keinen „Einspruch“ dagegen, und in einem anderen Fall statt: die Einstellung der Deportationen in der Slowakei würde in Deutschland „einen sehr schlechten Eindruck hinterlassen“, sie würde „überraschen“. Erst spät in seiner Zeit als Staatssekretär machte er den Vorschlag, das Auswärtige Amt solle sich auf die allgemeine Feststellung beschränken, dass aus der Sicht der Außenpolitik in jedem Fall die mildere Lösung die vorzuziehende sei.

Hätte er nur früher zu dieser Formulierung gefunden und entschiedener daran festgehalten, wäre es ihm vor dem Nürnberger Gerichtshof und im Urteil der Historiker besser ergangen. Es bleibt immerhin bemerkenswert, dass er in seiner Reaktion auf die Judenpolitik der Nationalsozialisten zumindest nach deren verhängnisvoller Wende von der rassischen Verfolgung zum Massenmord Besorgnis statt Begeisterung oder Gleichgültigkeit zeigte.

Ein in dem Buch kurz angesprochener Diplomat hätte meines Erachtens schon in der einleitenden Skizze genannt werden sollen, um das Spektrum der möglichen Reaktionen zu erweitern: Gerhart Feine trat nicht in die NSDAP ein, sondern tat sich durch sein couragiertes Auftreten in Belgrad während der deutschen Invasion 1941 hervor. Als er 1944 in der Budapester Botschaft arbeitete, informierte er zunächst die Schweizer Botschaft über die drohende Deportation der Juden und arbeitete dann mit den Schweizern an der Bewahrung der diplomatischen Immunität eigens angemieteter Häuser, in denen Juden Schutz fanden.

Wie das Buch vermerkt, belegt seine Rolle in Budapest, dass es zwar nicht in der Macht einzelner Diplomaten des Auswärtigen Dienstes lag, den Holocaust zu verhindern, wohl aber, der mörderischen Politik des Dritten Reiches entgegenzuwirken und bei entsprechendem Willen und Einfallsreichtum Menschenleben zu retten. Diese aufschlussreiche Episode verdiente es, deutlich herausgestellt zu werden.

Befreiung von einer beschämenden Last

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