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Historikerstudie „Das Amt“ : Das Ende aller Vertuschung

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Auch wenn Müllers Leugnung seiner Vergangenheit nicht zu rechtfertigen ist, war sein Fall im Blick auf seine Person wie auch seine Tätigkeit im Judenreferat dennoch etwas ganz anderes als der Fall des ehrgeizigen und stolzen Nationalsozialisten Hahn, so dass der Unterschied hinsichtlich der juristischen Folgen nicht ganz unberechtigt erscheint. Die beiden anderen tief verstrickten Angehörigen des Auswärtigen Amtes, Eberhard von Thadden und Horst Wagner, die anders als Hahn und Müller nicht in den Staatsdienst zurückkehrten, wurden nie vor Gericht gestellt. Thadden kam 1964 bei einem Verkehrsunfall ums Leben, Wagner setzte erfolgreich eine Reihe von Verzögerungstaktiken ein (Wechsel des Anwalts, ärztliche Atteste), bis er schließlich starb.

Rückzugsgefechte und Vertuschungsbemühungen

Das Buch „Das Amt“ beschreibt nicht nur die Wiedereinstellung der „Ehemaligen“ und die vielfältigen Formen, in denen die Vergangenheit auf dem Auswärtigen Amt der Nachkriegszeit lastete, sondern erhellt auch wesentliche Kontexte, in die wir diese Nachkriegsgeschichte zu stellen haben. Die Anwesenheit der „Ehemaligen“, so beschämend sie war, hinderte weder Adenauer an seiner Hinwendung zum Westen noch Brandt an seiner Ostpolitik, und sie verhinderte auch nicht, dass Deutschland zu einem vorbildlichen Mitglied der internationalen Gemeinschaft wurde, was wiederum entscheidende Bedeutung für die internationale Einwilligung in die deutsche Wiedervereinigung 1990 besaß. Wie viele von ihnen auch opportunistische oder willige Diener des Dritten Reiches gewesen waren – sie passten sich doch an die Nachkriegszeit an. Außerdem übernahmen neue Generationen fähiger Diplomaten, die ihre Ausbildung in einer gänzlich anderen diplomatischen Umgebung erhalten hatten, die neuen Rollen, die Berufsdiplomaten heute zu spielen haben.

Insgesamt war das Auswärtige Amt Teil der deutschen Erfolgsgeschichte einer Demokratisierung im Innern und eines friedlichen Zusammenlebens mit seinen Nachbarn – der entscheidenden Entwicklungen, die sich in der Vergangenheit als so trügerisch erwiesen hatten. Dennoch verlegte sich eine Handvoll „Ehemaliger“ auf ein Rückzugsgefecht, mit dem sie ihre Version der Geschichte des Auswärtigen Amtes in der NS-Zeit zu schützen versuchte, und das letzte Kapitel von „Das Amt“ ist eine faszinierende Darstellung der am Ende doch erfolgreichen Aufdeckung dieser Vertuschungsbemühungen.

Bei einem Buch von mehr als 700 Seiten mag es ungerecht erscheinen, auf Bereiche hinzuweisen, die noch ausführlicher hätten behandelt werden sollen. Ich denke allerdings, eine stärkere Differenzierung zwischen den Diplomaten des Dritten Reichs hinsichtlich ihrer Beteiligung an der „Judenpolitik“ oder ihrer Reaktion darauf hätte der Studie noch mehr Tiefe und Subtilität verliehen.

Unbewiesene Verallgemeinerungen

Um ein Spektrum von Verhaltensweisen aufzutun, beginnt das Buch mit einer Skizze über drei Diplomaten mit unterschiedlichen Laufbahnen: Franz Krapf, der 1936 in die NSDAP eintrat, während des Krieges in der deutschen Botschaft in Tokio arbeitete und in der Nachkriegszeit wieder in den Auswärtigen Dienst eintrat; Fritz Kolbe, der es ablehnte, in die NSDAP einzutreten, der erschüttert war über den Terror und die Verbrechen der Nationalsozialisten, der während des Krieges dem amerikanischen Geheimdienst und nach dem Krieg der Anklage in Nürnberg Informationen zukommen ließ, der in der Nachkriegszeit als Verräter gebrandmarkt und nicht wieder in den Auswärtigen Dienst aufgenommen wurde; und Franz Nüßlein, Mitglied der NSDAP und Jurist, der während des Krieges im Protektorat Böhmen und Mähren Dienst tat und nach dem Krieg ins Auswärtige Amt kam.

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