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Historikerstudie „Das Amt“ : Das Ende aller Vertuschung

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Prozessführung gegen das „Judenreferat“

Da man die Anklage in diesem Prozess auf hochrangige Beamte beschränkte, blieben die mittleren Beamten des „Judenreferats“ verschont, denen der Weizsäcker-Kreis neben dem bereits verstorbenen Martin Luther alle Schuld zuschob: Franz Rademacher, Horst Wagner und Eberhard von Thadden. Doch beim Prozess gegen Rademacher, der 1952 vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth eröffnet wurde, ließen die „Ehemaligen“ keinen Eifer erkennen, jene Täter der Gerechtigkeit zuzuführen, die nach ihren früheren Aussagen solche Schande über sie gebracht hatten.

Im Gegenteil, unter dem Druck journalistischer Aufklärungsbemühungen der „Frankfurter Rundschau“ und angesichts unangenehmer Fragen eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses taten sie alles, um nicht als Zeugen erscheinen zu müssen und um den Prozess als weiteren Racheakt zu diskreditieren. Rademachers Anwalt ließ sogar durchblicken, er habe den Verdacht, die berüchtigte Spesenabrechnung, in der sein Mandant als Zweck seiner im Oktober 1941 unternommenen Reise nach Belgrad die „Liquidation von Juden“ angegeben hatte, werde möglicherweise als Beweismittel zurückgehalten, falls sein Mandant sich als kooperativ erweise und andere aus dem Prozess heraushalte. Der Rademacher-Prozess stützte sich auf die für die Nürnberger Prozesse ausgewählten Dokumente; doch nach 1958 wurden die gesamten beschlagnahmten Akten des Auswärtigen Amtes an das Politische Archiv in Bonn übergeben, so dass späteren Strafverfolgungsbemühungen weitaus mehr belastendes Material zur Verfügung stand.

Der Fall Müller

Einer von Rademachers Mitarbeitern, Fritz-Gebhardt von Hahn, der bei seiner eigenen Entnazifizierung falsche Angaben über seine Verstrickung machte, 1948 Weizsäckers Verteidigung unterstützte und 1951 in den Staatsdienst zurückkehrte, fühlte sich offenbar so sicher vor strafrechtlicher Verfolgung, dass er in den sechziger Jahren offen zugab, von der Ausrottung der Juden gewusst zu haben. Dieser Hochmut führte zu einer sorgfältigen Untersuchung des inzwischen verfügbaren Archivmaterials und schließlich 1968 in Frankfurt zu Hahns Anklage und Verurteilung. Außerdem stießen Ermittler dadurch auf die Spur eines weiteren Mitarbeiters im Judenreferat: Herbert Müller. Er war 1951 ins Auswärtige Amt zurückgekehrt, ohne seine frühere Tätigkeit unter Rademacher angegeben zu haben, und änderte seinen Namen 1953 in Müller-Roschach. Er machte Karriere und wurde Ende der sechziger Jahre Botschafter in Portugal.

Er hatte Zusammenfassungen der Einsatzgruppenberichte abgezeichnet, die für seine Vorgesetzten bestimmt waren, und als das Deutsche Rote Kreuz an das Auswärtige Amt herantrat und eine Anfrage wegen der Möglichkeit von Lebensmittelhilfslieferungen an Juden im Getto von Lodz weiterreichte, landete der Vorgang schließlich auf seinem Schreibtisch. Er teilte der Rechtsabteilung mit, die geplante Endlösung der europäischen Judenfrage, die dort bekannt sei, lasse keine ausländischen Lebensmittellieferungen an Juden in Deutschland und im Generalgouvernement zu, und er wies das Deutsche Rote Kreuz an, nicht auf die Anfrage zu antworten.

Nach langem Zögern schickte das Auswärtige Amt Müller zunächst in Urlaub und berief ihn schließlich von seinem Botschafterposten ab. Die Ermittlungen zogen sich hin und wurden 1972 eingestellt, ohne dass es zu einem Prozess gekommen wäre, da man für keine seiner Aktivitäten im Judenreferat, für die sich sein Wissen um die Endlösung beweisen ließ, auch nachweisen konnte, dass sie konkret zum Tod von Menschen geführt hatten.

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