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Historikerstudie „Das Amt“ : Das Ende aller Vertuschung

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Dabei war es eine sehr kluge Entscheidung der Kommission, auch ein Kapitel über den wahren Widerstand innerhalb des Auswärtigen Amtes einzufügen, das den bemerkenswerten Mut und die moralische Integrität der wenigen Männer um Adam von Trott zu Solz und Hans Bernd von Haeften sowie den isolierten Rudolf von Scheliha und Fritz Kolbe herausstellt, damit aber zugleich auch deutlich macht, wie klein und marginal diese Gruppe war. Nach keinem vernünftigen Maßstab kann danach das Auswärtige Amt als ein Zentrum des Widerstands gegen das Dritte Reich statt als dessen Werkzeug gelten. Wenn die Zerstörung dieses Mythos die einzige Leistung dieses Buches wäre, sollten wir dankbar für seine Veröffentlichung sein.

Doch darüber hinaus leistet das Buch wichtige eigenständige Beiträge zur Forschung, vor allem im Blick auf die Nachkriegszeit. Eines der für mich faszinierendsten Themen, mit denen die Kommission sich befasst hat, ist die Serie der Prozesse gegen Angehörige des Auswärtigen Amtes und der Umgang des Amtes mit den „Ehemaligen“. Ich hatte die Aussagen und Dokumente dieser Prozesse schon als Quellen für mein eigenes Buch herangezogen; doch für mich war es eine Offenbarung, was das Buch über die Manöver hinter den Kulissen berichtet, die natürlich nicht Bestandteil der Prozessakten waren.

Verteidigungslinien um Weizsäcker

Weitaus bedeutsamer als Ribbentrops und Konstantin von Neuraths Verurteilung durch den Internationalen Militärgerichtshof für das Nachkriegsimage des Auswärtigen Amtes und die nachfolgende Wiedereinstellung der „Ehemaligen“ war Fall 11 des Amerikanischen Militärtribunals von 1948, der sogenannte Wilhelmstraßen- oder Ministerien-Prozess, deren prominentester Angeklagter, neben sieben weiteren Diplomaten, Ernst von Weizsäcker war.

Die Verteidigung Weizsäckers wurde zu einer Angelegenheit, um die die Diplomaten ihre Reihen schlossen und unter Führung eines inneren Kreises um Wilhelm Melchers, Theo und Erich Kordt, Hans Schröder, Ernst Achenbach und andere sowohl eine juristische Strategie formulierten als auch die Geschichte umschrieben. Nach dieser Darstellung waren die Berufsdiplomaten unpolitische Staatsdiener, die sich von den Verbrechen des Regimes fernhielten und deren spätere Zugehörigkeit zur NSDAP oder zur SS nur nominellen Charakter besaß und bedeutungslos war. Soweit die „Judenpolitik“ in Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt realisiert wurde, sei dies das Werk eines gesonderten, eigens dafür geschaffenen Zweigs des Auswärtigen Amtes gewesen, der mit Ribbentrop-Kreaturen besetzt worden sei (Martin Luther und Franz Rademacher in der Abteilung Deutschland, Horst Wagner und Eberhard von Thadden im Referat Inland IIB).

Widerstandsbemühungen der Berufsdiplomaten seien zunächst durch die britische Appeasement-Politik zunichtegemacht und dann durch die in Casablanca beschlossene Formel der bedingungslosen Kapitulation entmutigt worden. Soweit Berufsdiplomaten Dokumente unterzeichneten, die heute als belastend erschienen, habe dies in Wirklichkeit keinerlei Auswirkungen auf die getroffenen Entscheidungen und die verfolgte Politik gehabt (von denen die Diplomaten natürlich keine Kenntnis besessen hätten). Das sei der Preis gewesen, den sie unvermeidlich hätten zahlen müssen, um heldenhaft auf ihrem Posten zu bleiben und Schlimmeres zu verhüten. Im Wilhelmstraßen-Prozess sei es daher nicht um individuelle Gerechtigkeit, sondern um die Zerstörung der deutschen Eliten gegangen, und die dämonisch treibende Kraft hinter diesem Fall von Siegerjustiz sei der zurückgekehrte jüdische Emigrant Robert Kempner gewesen.

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