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Deutsche Geschichte : Der gekränkte Nationalist

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Das Bundeskriminalamt in Wiesbaden Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Warum war und ist der Impuls, die nationalsozialistische Verstrickung deutscher Behörden klein zu reden, so stark? Das fragt man sich gerade auch nach der Historikerstudie „Das Amt“. Wie viele gute Deutsche gab es wirklich?

          Es hat viele Jahrzehnte gedauert, bis die einfache Tatsache, dass es nicht ein deutsches Volk aus der Zeit vor und ein anderes aus der Zeit nach 1945 gibt, ins Bewusstsein gedrungen ist. 95 Prozent der Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes waren etwa bei seiner Gründung im Jahre 1951 ehemalige Mitglieder der NSDAP. So hoch war sogar vor 1945 nur in sehr wenigen deutschen Ämtern der Grad an Durchdringung überzeugter Nazis und Parteimitglieder.

          Ein Teil dieser Mitarbeiter waren zudem Persönlichkeiten, die man heute als Kriegsverbrecher bezeichnen würde. Menschen, die in den mörderischen Einsatzgruppen ihren „Dienst“ geleistet hatten et cetera. Und doch hat noch im Jahre 2001 die Bundesregierung behauptet: „Das Bundeskriminalamt hat keine nationalsozialistische Vergangenheit, es ist im Jahre 1951 gegründet worden.“ Warum war und ist dieser Impuls so stark? Warum ist das Bedürfnis so ungebrochen, wider besseres Wissen die ungebrochenen Kontinuitäten von vor und nach 1945 immer wieder zu leugnen?

          Es geht nicht nur um das Auswärtige Amt

          Selbst nach dem nun vorliegenden Meilenstein in der Aufarbeitung der Verbrechen des Auswärtigen Amtes und ihrer systematischen Vertuschungen bis in die jüngste Vergangenheit hinein sind die Beurteilungen dieser Vorgänge noch nicht festgelegt. Die Autoren des AA-Bandes haben in ihrem Nachwort auch sehr vorsichtig vorweggenommen, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen sei. Sie schreiben vielmehr, sie hätten nun einem breiten Leserkreis eine wissenschaftlich gesicherte Grundlage für die „eigene“ Meinungsbildung an die Hand gegeben. Dazu passt gut, dass manche der heute - zu Recht - als besonders skandalös empfundenen Befunde bereits in den frühen fünfziger Jahren in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und dann im „Spiegel“ publiziert worden waren.

          Die „eigene“ Meinungsbildung geht natürlich unterschiedliche Wege. Je präziser man einzelne Vorgänge in den Blick nimmt, umso mehr besteht dabei auch die Gefahr, dass alles wie eine kriminelle Verschwörung wirkt. Doch dies ist das falsche Bild. Es geht nicht nur um das Auswärtige Amt, sondern um praktisch alle deutschen Ämter. Es geht um die außerordentlich vielen Deutschen, die den Nationalsozialismus nicht als Besatzungsmacht akzeptieren mussten, sondern die überzeugte Nationalsozialisten waren.

          Ein denkwürdiges Dokument

          Da diese Tatsache schwer zu akzeptieren ist, hört der Strom von Literatur nicht auf, der dagegen anrennt. „Deutsche Schuld 1933-1945?“ Unter diesem eindeutigen Titel versucht der ob seiner zahlreichen Klagen gegen den Vorwurf des „Revisionismus“ bekannte Konrad Löw in einer Mischung von juristischer Kampfschrift und einseitig ausgewählten zusammengeworfenen Quellenzitaten seine deutsche Geschichte zu entlasten. Sein Buch liest sich, als wolle er den Beweis führen, dass „die Deutschen“ für den Holocaust keine Schuld trügen - sondern nur eine ganz bestimmte Gruppe von Nazis. Er leugnet dabei nicht den Holocaust, aber er bestreitet, dass man sagen könne, „die Deutschen“ wären daran schuld. Gleichzeitig bagatellisiert er in seiner Darstellung das Ausmaß der Verbreitung von Antisemitismus in der deutschen Bevölkerung.

          Sein Augenmerk gilt dagegen der Hilfsbereitschaft der deutschen Bevölkerung gegenüber den Juden. Diese schwillt bei ihm ins schier Unermessliche an. Um diese Thesen plausibler erscheinen zu lassen, spezialisiert er sich auf das beliebige Zitieren von „jüdischen“ Quellen. Sein Vorgehen wurde von Wolfgang Benz („hanebüchen“ - „Ideologieproduktion“) und von Trude Maurer („Weißwaschung“) wohl treffend beurteilt. Bei mir weckt es darüber hinaus die Assoziation an ein denkwürdiges Dokument: Der schon alte Sigmund Freud wurde vor seiner Ausreise aus Wien im Mai 1938 gezwungen, auf einem Formular zu bescheinigen, dass er nicht von der Gestapo misshandelt wurde. Er fügte dem erzwungenen Text Folgendes hinzu: „Ich kann die Gestapo jedermann aufs beste empfehlen.“

          Es gehört kein Mut dazu

          Thesen wie die von Löw sind so alt wie das Wissen um den Holocaust. Immer gab es genügend Menschen, die nicht wahrhaben wollten, was da passiert ist. Immer wurde über den Grad der Beteiligung der deutschen Bevölkerung am Holocaust gestritten. Vielleicht ist es - worauf schon Adorno hingewiesen hat - einfach eine so große narzisstische Kränkung für Nationalisten, dass in der einen oder anderen Weise immer wieder ein Sog der Relativierung, Aufrechnung, Leugnung entsteht.

          Nur: Klaus von Dohnanyi und Alfred Grosser - die beiden haben zu dieser Schrift Vorwort und Nachwort beigesteuert. Muss dies denn nicht verwundern? Zu von Dohnanyi will ich hier nichts schreiben. Aber bei Alfred Grosser, diesem universalistisch argumentierenden Humanisten und Denker des Anderen - wie er sich gerade neulich wieder empfohlen hat -, ist es überraschend. Grosser verteidigt das Buch als „mutig“ und „nützlich“, da es den unbekannten nichtjüdischen Helfern einen Raum gibt. Dieses Anliegen ist zwar begrüßenswert, es bedarf aber überhaupt keines Mutes. So ehrt die israelische Gedenkstätte Yad Vashem schon seit vielen Jahren gezielt Nichtjuden, die Juden im Holocaust gerettet haben.

          Immerhin kritisiert Grosser, unüblich in einem Nachwort, dass in dem Buch die „kollektive Haftung“ der Deutschen zu kurz gekommen sei. Er erinnert dabei an Willy Brandt und seinen Kniefall vor dem Getto-Denkmal in Warschau. Auch dem ist zuzustimmen - und Brandt hatte damals im Jahre 1970 damit nicht nur Beifall, sondern auch viel Kritik geerntet. Was bleibt nun, was das Buch von Löw angeblich so „mutig“ macht? Grosser meint, es sei endlich nicht ein Buch über Greuel und Horror, sondern ein Buch, welches sich traue, differenziert über die deutsche Geschichte zu berichten und dabei auch auf diejenigen zu zeigen, die sich nicht schuldig gemacht haben. Aber auch da muss man sagen: Dazu hat es in Deutschland noch nie Mut gebraucht. Was also meint Grosser? Warum hat er diesem Buch seinen Namen geliehen? Ich kann es nicht verstehen.

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