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Das Auswärtige Amt und der Holocaust : Grund der Dienstreise: „Liquidation von Juden“

  • Aktualisiert am

Ernst von Weizsäcker, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, während der Nürnberger Prozesse Bild: RIETHAUSEN

Wie tief war das Auswärtige Amt in den Nationalsozialismus verstrickt? Der dieser Tage erscheinende Bericht der Historikerkommission zeichnet eine schockierende Bilanz. Die Zielmarke ,Endlösung‘ sei früh erkennbar gewesen.

          Das Auswärtige Amt war viel tiefer in den Holocaust verstrickt als bisher angenommen und hat nach 1945 erheblichen Aufwand betrieben, dies zu vertuschen. Das geht aus dem Abschlussbericht der Historikerkommission hervor, der dieser Tage als Buch in den Handel kommt: „Das Amt und die Vergangenheit - Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik“ bringt auf knapp neunhundert Seiten teilweise monströse Einzelheiten ans Licht: So fanden die Historiker Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann bei ihrer Akteneinsicht im Politischen Archiv in Berlin eine Reiseabrechnung des Leiters des sogenannten Judenreferats im Auswärtigen Amt, Franz Rademacher, in der als Grund einer Dienstreise von Berlin nach Belgrad und Budapest vermerkt ist: „Liquidation von Juden in Belgrad und Besprechung mit ungarischen Emissären in Budapest“. Wie die Autoren ebenfalls herausfanden, gehörte von Mitte der dreißiger Jahre bis Kriegsausbruch 1939 zur Ausbildung der Attachés nicht nur ein Besuch bei Adolf Hitler auf dem Obersalzberg, sondern auch des Konzentrationslagers Dachau.

          Entgegen der vom Auswärtigen Amt selbst nach 1945 verbreiteten Deutung, wonach die Diplomaten des Auswärtigen Amtes nach Hitlers Machtantritt auf ihrem Posten ausharrten, um das Schlimmste zu verhindern, und sich gegenüber dem NS-Regime abschirmten, kam nun heraus, dass das Auswärtige Amt dem Vernichtungsapparat nicht nur zuarbeitete, sondern aktiv unterstützte: „Das Auswärtige Amt war an allen Maßnahmen der Verfolgung, Entrechtung, Vertreibung und Vernichtung der Juden von Anfang an aktiv beteiligt“, sagt der Marburger Historiker Eckart Conze im Interview mit dieser Zeitung. „Die Zielmarke ,Endlösung‘ war schon sehr früh erkennbar.“

          Eine schockierende Bilanz

          Neu beleuchtet wird auch die Rolle Ernst von Weizsäckers, der unter Joachim von Ribbentrop Staatssekretär war. Als Gesandter des Auswärtigen Amtes sprach er sich im Mai 1936 in einem Brief dafür aus, den Schriftsteller Thomas Mann auszubürgern. Dieser habe „feindselige Propaganda gegen das Reich im Ausland“ betrieben, deshalb bestünden gegen seine Ausbürgerung „keine Bedenken“ mehr.

          Altbundespräsident Richard von Weizsäcker, Ernst von Weizsäckers heute neunzig Jahre alter Sohn, erklärte dazu im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, von diesem Brief, der den Ausschlag bei der Ausbürgerung Thomas Manns gab, habe er nichts gewusst. Er verweist aber darauf, sein Vater habe die Juden 1938 dazu aufgerufen auszuwandern, um der Vernichtung zu entgehen. Ernst von Weizsäcker wurde im sogenannten Wilhelmstraßen-Prozess 1948/49 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.

          Nach 1945 machte man sich, wie die Autoren ebenfalls herausfanden, ans Vertuschen. Die Zentrale Rechtsschutzstelle des Auswärtigen Amtes unterhielt zusammen mit dem Deutschen Roten Kreuz den „Warndienst West“ und warnte Hunderte von in Frankreich polizeilich gesuchten Kriegsverbrechern vor der Verhaftung.

          Eckart Conze äußerte sich gegenüber dieser Zeitung abschließend so: „Das ist in dieser Gesamtschau tatsächlich schockierend. Das alles in einem großen Zusammenhang zu sehen, die Zeit vor 1945, nach 1945 und nach 1951, nach der Wiedergründung des Amtes, und die Systematik der Mittäterschaft sowohl an einzelnen Figuren als auch an ganzen Netzwerken zu erkennen, ist in seinem Ergebnis erschreckend, selbst für erfahrene Historiker.“

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