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Das Auswärtige Amt und der Holocaust : Die drängende Sorge, überflüssig zu werden

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„Und als man sie dann wiederfand, da fand man sie beim Widerstand”, lautete der Spottvers auf die ideologische Biegsamkeit der Diplomatie Bild:

Schon 1933 sammelten junge deutsche Spitzendiplomaten statistisches Material, um die These von der jüdischen Gefahr zu stützten. Als die Zahlen nichts hergaben, entwickelten sie Eigeninitiative. Es sind Fälle wie diese, mit denen „Das Amt“ die Fama der widerständigen Behörde widerlegt.

          Im September 1945 reflektierte Ernst von Weizsäcker im Vatikan noch einmal über jenes Problem, das im Zentrum der nationalsozialistischen Herrschaft gestanden hatte. Er kam zu dem Schluss, Deutschland habe zu Beginn der zwanziger Jahre „im Osten die Grenze zu weit aufgemacht. Die Inflation hatte viele Juden angezogen, die sich zu einer Großmacht entwickelt hatten.“ Damit brachte er auf den Begriff, wie sich die deutsche Diplomatie dem organisierten Antisemitismus, der in der Ermordung der europäischen Juden mündete, von Anfang an genähert hat: als politische Reaktion auf einen objektiven Missstand, die juristisch und propagandistisch abzusichern sei, die aber auch sozialtechnologisch effektiv sein müsse.

          Das Amt, das wird im ersten Teil des Berichts der Historikerkommission klar („Das Amt und die Vergangenheit. Die deutschen Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik“. Von Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes, Moshe Zimmermann. Blessing Verlag), hatte mit der Judenpolitik der Nazis insbesondere in den Jahren bis zum Krieg seine liebe Mühe. Diese galt freilich nicht der Begrenzung von Diskriminierung, Demütigung und Gewalt, sondern ihrer möglichst wirkungsvollen diplomatischen Einfassung. Hier war die Elite der deutschen Verwaltung in der Pflicht, und es liegt in der Logik einer jeden Verwaltung, diese Pflicht zuallererst darin zu sehen, vom Geschäftsgang der Macht nicht ausgeschlossen zu werden.

          Selbständiger Beitrag zur Vernichtungspolitik

          Die drängende Sorge der führenden Vertreter des Amtes war es, nicht überflüssig zu werden, denn das Regime entfesselte ein beachtliches Tempo, und die Diplomaten wollten zeigen, dass sie locker mithalten konnten. Der außenpolitisch unerfahrene Reichskanzler sah sich schon in den ersten Wochen seiner Amtszeit einem Sturm von Protesten aus Frankreich, England, vor allem aber den Vereinigten Staaten gegenüber, die seiner antisemitischen Politik galten. Das Amt sammelte diese Beschwerden, die von den Konsulaten und Botschaften in die Wilhelmstraße telegrafiert wurden, und ersann eine politische Haltung, um diese zu beantworten. Ganz offenbar, formulierte die Leitung des Hauses, sei das Judenproblem in den protestierenden Ländern nicht so drückend, daher sei das Verständnis für die deutsche Not unterentwickelt.

          Der Staatssekretär von Bülow wies seine Leute am 13. März 1933 an, statistisches Material zum Vordringen der Juden im öffentlichen Leben in Deutschland zusammenzustellen. Dabei stießen seine Beamten des neu gegründeten Deutschlandreferats allerdings bald auf ein echtes Problem, denn das Material war „recht dürftig“. Die Zahlen stützten die These von der jüdischen Gefahr nicht. Also entwickelten die jungen Spitzenbeamten Eigeninitiative und bedienten sich der ressortübergreifenden Kooperation mit Goebbels’ Propagandaressort sowie dem Innenministerium.

          Die Basis Hitlers war schwach

          So gelang es ihnen, in rasant kurzer Zeit ein Dokument zu verfassen, mit dem das Ausland davon überzeugt werden sollte, die Judenpolitik der Nationalsozialisten als eine „Reaktion auf eine seit 1918 anwachsende Gefahr“ zu begreifen, wobei natürlich – Antikommunismus zog immer – besonders auf die vielen jüdischen Funktionäre bei Sozialdemokraten und Kommunisten hingewiesen wurde. Außerdem wusste die Denkschrift, dass Juden als „Verbrecher“ sowie als „anstaltsbedürftige Geisteskranke“ überrepräsentiert seien.

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