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Das Auswärtige Amt im Dritten Reich : Die Täter vom Amt

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Das Auswärtige Amt am Werderschen Markt Bild: IMAGO

Der Bericht der Historikerkommission ergibt: Das Auswärtige Amt war systematisch an der Judenvernichtung beteiligt - aus eigenem Antrieb und nicht nur auf höheren Befehl. Die Karrieren der Diplomaten gingen nach 1945 bruchlos weiter.

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          Das Zeichen findet sich auf einer Reihe einschlägiger Dokumente. Auf dem Brief, mit dem Reinhard Heydrich das Auswärtige Amt zur Teilnahme an der „Wannsee-Konferenz“ einlud, auf Berichten über die Erschießung von Juden durch deutsche Einsatzgruppen, auf Schriftverkehr mit Adolf Eichmann und auf etlichen Schriftstücken, in denen Auswanderungsanträge von Juden abgelehnt wurden. Es ist eine Paraphe, ein Namensinitial. Sie stammt von Herbert Müller, der sich nach 1955 Herbert Müller-Roschach nannte. Seit 1941 Legationssekretär im Referat „Deutschland“ des auswärtigen Amts, Teilnehmer der berüchtigten Konferenz im Ostministerium in der Rauchstraße 17 in Berlin, einer Veranstaltung, in der festgelegt, wer in den besetzten Ostgebieten als Jude zu gelten habe, und persönlicher Referent des berüchtigten Otto Abetz, des mächtigsten Mannes im besetzten und unbesetzten Frankreich.

          Nach dem Krieg macht Müller, Jahrgang 1910, wieder Karriere und wurde schließlich in den Jahren 1966 bis 1969 deutscher Botschafter in Portugal. 1968 fiel die Paraphe im Zusammenhang eines anderen Kriegsverbrecherprozesses auf. Bald erfuhr die Öffentlichkeit davon. Nach den Auschwitz-Prozessen war die Bevölkerung, anders als in den fünfziger Jahren, für die Frage sensibilisiert, ob ein Verwaltungsbeamter des Holocaust Deutschland im Ausland repräsentieren solle. In langwierigen Verhandlungen mit seinem Dienstherrn wurde beraten, was mit dem selbstbewussten Mann zu geschehen habe. Sein Minister versprach ihm ihn „nicht der Staatsräson“ zu opfern. Doch bald hatte er keine andere Möglichkeit, als Müller-Roschach in den einstweiligen Ruhestand zu versetzen.

          Der Minister reagierte, wie wir jetzt wissen, verständnislos, als ihm der Bundespräsident zunächst die Entlassungsurkunde mit der Bitte um Überarbeitung zurücksandte. Das Staatsoberhaupt sehe sich, so das Bundespräsidialamt, leider nicht in der Lage, eine Urkunde zu unterzeichnen, in der einem unter Mordverdacht stehenden Beamten der Dank für die „dem Deutschen Volk geleisteten treuen Dienste“ ausgesprochen werden soll. Auch mit der Abberufung endete Müllers Karriere nicht. Bis 1972 war er Vorsitzender des Ausschusses für Internationale Angelegenheiten der Deutschen Kommission für Ozeanographie und gern gesehener Gutachter des Auswärtigen Amts. Sein Minister aber, der ihm für treue Dienste danken lassen wollte, war Willy Brandt.

          Der Brief  Ernst von Weizsäckers vom Mai 1936, der die Ausbürgerung Thomas Manns in die Wege leitet.
          Der Brief Ernst von Weizsäckers vom Mai 1936, der die Ausbürgerung Thomas Manns in die Wege leitet. : „Feindselige Propaganda gegen das Reich” Bild: Auswärtiges Amt

          Ein unerschütterlicher Apparat

          Das ist das moralische Debakel, in das einen die Arbeit der Historikerkommission zur Geschichte des Auswärtigen Amts im Dritten Reich immer wieder versetzt. Dieses gewaltige, fast 900-seitige Buch, erzählt nicht eine Geschichte, es erzählt in Wahrheit zwei Geschichten: Die Teilnahme des Amts an den Verbrechen Hitlers bis 1945 und der sogenannte Neuanfang nach 1945. Es ist, wie sich das für Historiker gehört, kein moralisierendes und auch kein empörtes Werk. Was es tut, ist neu. Es zeigt eine Maschinerie – es nimmt das Wort vom „Beamtenapparat“ beim Wort und zeigt sein Funktionieren. Das Bild von den „kleinen“ und „großen“ Rädchen, das ja keinesfalls zufällig aufs Dritte Reich immer wieder angewendet wird, wird hier mit der Nüchternheit des Ingenieurs in Sprache gesetzt.

          Die Historiker tun hier mit Blick auf das Auswärtige Amt das, was man „reverse engineering“ nennt. Sie rekonstruieren aus dem fertigen Produkt den Plan, der ihm einst zu Grunde lag. Und erkennen, das der Apparat, der sich 1933 mit Konstantin von Neurath in Bewegung setzte, nicht 1945 wie alles andere auch in Trümmern fällt. Sondern dass er nach einem kurzem Moment der Benommenheit wie ein Roboter weiterläuft, mit erstaunlichem Erfolg fast alle die überrennt, die auf der anderen Seite waren, Widerständler, Emigranten, Inhaftierte, sich vor Inspektion schützt und seine Funktionsweise verbirgt.

          Verbrecher ohne Einsicht

          Nein, um jedes Missverständnis auszuschließen, das ist kein nationalsozialistisches Gedankengut, das da über 1945 weitertransportiert wird, und auch keine Verschwörung, um Hitler oder Ribbentrop zu rehabilitieren. Darum ging es nie. Im Gegenteil: die Hinrichtung Ribbentrops hatten die Diplomaten großenteils mit Genugtuung aufgenommen. Es ging, im Kern, nicht um Revision oder Restauration. Dieser Apparat hat bis zum Ableben einer ganzen Generation bis in die neunziger Jahre vergangenheitspolitisch nur den einen Antrieb: dass er nicht repariert werden muss, weil niemals etwas falsch gemacht wurde.

          Und dem Leser widerfährt, was man als Leser von Verbrechensgeschichten kennt: man will im zweiten Teil Aufklärung, Strafe und Gerechtigkeit. Man will lesen, wie die Taten enthüllt, die Täter enttarnt und ihrer gerechten Strafe zugeführt werden. Aber all das kommt nicht. Es kommt in einer Vollständigkeit nicht, die selbst die teilnehmenden Historiker, unter ihnen kenntnisreiche Kritiker deutscher „Vergangenheitsbewältigung“, überrascht hat. Und es geht dabei gar nicht so sehr darum, diese Leute, die im ersten Teil, nach Ian Kershaws Satz, dem „Führer“ bei der Judenvernichtung „entgegenarbeiteten“, im Gefängnis zu sehen. Es geht nur darum, dass sie nicht ein weiteres Mal in einer staatlichen Behörde Karriere machen. Oder, um die Erwartungen noch weiter herabzusetzen, es geht darum, dass sie wenigstens aus Einsicht in das Staatsverbrechen einen Selbstheilungsprozess auslösen, in dem sie sich von denen distanzieren, die ungehemmt mitmachten. Oder – und das wäre doch eine Minimalforderungen auf niedrigstem Niveau – dass sie ihnen nicht auch noch helfen.

          Ausbleibende Gerechtigkeit

          Doch all das ist poetische, nicht historische Gerechtigkeit. Es gibt keine historische Gerechtigkeit. Da ist beispielsweise die „Zentrale Rechtschutzstelle“, seit 1953 Teil des Auswärtigen Amtes (ZRS). Leiter der Stelle ist Hans Gawlik, ehemaliger Breslauer Gaurichter, NS-Staatsanwalt, der bei den Nürnberger Prozessen SD- und Einsatzgruppenleiter verteidigt hat. Allein diese Beauftragung ist erstaunlich, umso mehr, als sich das Amt zeitgleich bei unbelasteten Bewerbern widersetzte. Die ZRS sollte, formaljuristisch zunächst verständlich, Deutschen, die im Ausland wegen Kriegsverbrechen verfolgt wurden, zu dem Zeitpunkt vor allem Kriegsgefangene, Rechtsschutz gewährleisten. Doch was sich daraus in nur wenigen Jahren entwickelte, schien viel eher eine staatliche Hilfsorganisation für Kriegsverbrecher zu sein, die schwerste Verbrechen begangen hatten. Es gelang Gawlik und seinem engen Mitarbeiter Karl-Theodor Redenz, auch er vor 1945 ein überzeugter Nationalsozialist, über den Suchdienst des „Deutschen Roten Kreuzes“ unter dem Namen „Warndienst West“ einen Informationsdienst aufzubauen, der Kriegsverbrecher über existierende Haftbefehle informierte und davor warnte, in einschlägige Länder zu reisen.

          Zu den Profiteuren dieses Alarmsystems zählten Klaus Barbie und Kurt Lischka – und Hunderte andere gesuchte SD- und SS-Mitarbeiter. Gawlik schied 1968 als Vortragender Legationsrat 1. Klasse aus dem Amt altersbedingt aus. Wären es nicht ausgewiesene Historiker, man würde nicht glauben können, was ihre Recherchen über diesen, seinerzeit von Simon Wiesenthal publik gemachten Vorgang an Unbelehrtheit, Sturheit und moralischer Indifferenz zu Tage förderte. „Die ominösen Warnlisten, die seinerzeit den Skandal um die Rechtsschutzpraktiken ausgelöst hatten“, heißt es im Buch, „sind seit dieser Zeit spurlos verschwunden.“

          Vernichtungspolitik aus eigenem Antrieb

          Gewiss, man wusste, wie bruchlos die Funktionseliten des Dritten Reichs in der Bundesrepublik Karriere machen konnten. Auch vermittelten die Arbeiten von Hans-Jürgen Döscher und Christopher Browning wichtige Erkenntnisse insbesondere zur Abteilung „Judenreferat“ des Auswärtigen Amts. Was die Historikerkommission herausfand, ist dennoch selbst historisch zu nennen. Sie weisen erstmals für ein Reichsministerium nach, dass es sich aus eigenem Antrieb und nicht nur auf höheren Befehl in fast allen Abteilungen der Vernichtungspolitik Hitlers angeschlossen hatte. Sie zeigen darüber hinaus, dass die Entlastungsthese, wonach nur das „Judenreferat“ unter seinem Leiter Franz Rademacher am Holocaust beteiligt war, eine reine Legende ist.

          Im „Wilhelmstraßen-Prozess“ gegen Ernst von Weizsäcker und andere wurde die These geboren, das Judenreferat sei ein „abgeschirmter Sonderbereich“ gewesen, und diese These ist als Wanderlegende in fast allen Debatten über die Funktionseliten des Reichs, von der Wehrmacht bis zum Rüstungsminister Albert Speer, über Jahrzehnte aufgerufen worden. Man muss sich, um die Bedeutung dieser Studie würdigen zu können, immer wieder die Entlastungsstrategien vor Augen führen, die insbesondere im Bereich der Ministerien vor Richard von Weizsäckers historischer Rede vom 8. Mai die Debatte prägten. Fast alle Diplomaten, so belegen die Historiker, erklärten in den Prozessen der fünfziger und sechziger Jahre, vom Holocaust erst nach Kriegsende erfahren zu haben.

          Eine „verbrecherische Organisation“

          Im sogenannten „Diplomaten-Prozess“ von 1967 wurde auch Kurt-Georg Kiesinger gehört. „Unter Eid sagte Kiesinger aus, die eingehenden ausländischen Meldungen über systematische Mordaktionen anfangs nicht bemerkt und später für Gräuelpropaganda gehalten zu haben. Erst ab 1943/44 sei bei ihm ein diffuses Gefühl entstanden, ‚dass da mehr sein konnte‘. Die Aufgaben des Referats D III habe er nicht gekannt, dessen Leiter Rademacher lediglich dann und wann gesehen, vom April 1944, in der ausdrücklich von Massenmord an Juden die Rede war, wollte er nicht bewusst wahrgenommen haben.“ Diese Version der Geschichte ist mit Erscheinen dieses Buches widerlegt.

          Der Marburger Historiker Eckart Conze, einer der beteiligten Forscher, geht jetzt so weit, das Auswärtige Amt eine „verbrecherische Organisation“ zu nennen. Und in der Tat: was für ein Staatsgeheimnis muss die Judenvernichtung gewesen sein, wenn Franz Rademacher in einem Reiseantrag als Grund seiner Reise die „Liquidation von Juden in Belgrad“ angibt? Da wo er auf die Ebene von Reiseanträgen kommt, ist der Holocaust nicht nur erwiesenermaßen ein kollektives Behördenwissen. Er taugt als „Begründung“, um Kosten abrechnen zu können, die keiner weiteren Erklärung mehr bedürfen. Wer weiß, wie Behörden Aufwandsentschädigungen reglementieren, wird allein in diesem Dokument die These der Historiker bewiesen sehen: Die Liquidation der Juden war keine Vermutung, sondern, zumindest was die Reichsbehörden angeht, ein absolutes positives Wissen des nationalsozialistischen Beamtenapparats.

          Die Rolle Ernst von Weizsäckers

          Man muss das selber nachlesen, wie sich im ersten Teil dieses Werks eine Bühne aufbaut, auf der nach 1945 ein anderes Stück mit den gleichen Darstellern aufgeführt wird. Doch wer mehr will als nur eine Bestätigung der Kontinuitätsthese, tut gut daran, sich die Generationsunterschiede der Akteure bewusst zu machen. Man versteht weder den Nationalsozialismus noch die fünfziger und sechziger Jahre, wenn man nicht erkennt, dass seine Repräsentanten erstaunlich jung waren (Heinrich Himmler bei Kriegsende 45 Jahre, Albert Speer 40 Jahre alt) Neben dem Reichsaußenminister von Neurath – dessen, insbesondere durch Albert Speer vollzogen Verharmlosung hier radikalen und gut begründeten Widerspruch erhält – zählt Ernst von Weizsäcker, geboren 1882, zu der alten Generation. Weizsäcker wurde nach 1945 zum Symbol insbesondere bildungsbürgerlicher Eliten. Seine Verurteilung, so schien es vielen – von Marion Gräfin Dönhoff über den „Spiegel“ bis hin zur FAZ – käme einer Verurteilung all jener gleich, die Hitler dienten um das Schlimmste zu verhindern, wenn sie sich nicht sogar ab 1938 in der Konspiration und im Widerstand bewegten.

          Tatsächlich wurde im Wilhelmstraßen-Prozess ein ganzes Buch mit Zeugenaussagen vorgelegt, in denen Verfolgte schilderten, dass Weizsäcker ihnen das Leben gerettet habe. Die Kommission, die eher beschreibt als bewertet, kommt jedoch zu einem deutlich kritischen Urteil. Dabei geht es auch um die Mikrostruktur von Sätzen. „Die Juden müssten Deutschland verlassen“, äußerte Staatssekretär Ernst von Weizsäcker 1938 gegenüber dem Schweizer Gesandten in Paris, „sonst gingen sie eben über kurz oder lang ihrer vollständigen Vernichtung entgegen“. Was bedeutet dieses „eben“? Ist es eine Warnung? Oder ist es eine Drohung? Zu Recht weist Richard von Weizsäcker, sein Sohn, der ihn in Nürnberg verteidigte, darauf hin, dass wir nur das geschriebene Material kennen. Konspiration hinterlässt kaum Dokumente. 1933 beginnt das Auswärtige Amt seine Zusammenarbeit mit der Gestapo und beteiligt sich an der Entrechtung von Emigranten, Ausbürgerungen und den ersten Judenverfolgungen. Nicht ohne Erschütterung erfährt man, dass Weizsäcker, damals Gesandter in der Schweiz, die Ausbürgerung Thomas Manns faktisch in die Wege leitete. Das entsprechende Schriftstück spricht Bände.

          Worum es hier ging (das Auswärtige Amt hatte aus Sorge vor der Reaktion im Ausland Thomas Mann zunächst schützen wollen), ist eindeutig: es ging um das Deutungsmonopol der Eliten. Die Personifikation des Bürgers schlechthin, der Schriftsteller Thomas Mann, formulierte hier zum ersten Mal – es war das Olympia-Jahr mit all dem internationalen Prestige, das es Hitler brachte –, dass das nationalsozialistische Deutschland sich aus dem Kontext der Zivilisation verabschiedet hatte. Hier war eine sittliche Opposition formuliert, eine Feindschaft zwischen denen, die mitmachten, und denen, die es nicht taten, die im Untergrund der Gesellschaft bis in die neunziger Jahre fortwirken würde.

          Kontinuität der Eliten

          Der Fall ist instruktiv, weil er die Behörde im Wirkungsfeld historischer Praxis zeigt und gleichzeitig die Formel von den bildungsbürgerlichen Eliten Lügen straft. Man muss auch das in der nüchternen Sprache dieses Buches nachlesen, um es nachempfinden zu können: wie ein Beamtenapparat nach Lücken und juristischen verkleideten Hebeln sucht, mit nur einem Ziel: Unrecht begehen zu können. Es ist dies aber kein Buch über Ernst von Weizsäcker, worauf sein Sohn mit Recht hinweist – so sehr die Historiker auch Wert darauf legen, den späteren Staatssekretär als paradigmatische Figur seiner Epoche zu identifizieren. Er ist es allein schon deshalb, weil er, aus welchem Wissen oder welcher Intuition auch immer, bereits 1938 die Ermordung der Juden ankündigt. Doch Ernst von Weizsäcker spielt in der Bundesrepublik keine Rolle mehr.

          Anders sieht es mit dem übrigen Personal dieses Buches aus, Namen, die größtenteils nur Eingeweihten bekannt sein mögen. Sie sind am Ende des Krieges zwischen 25 und 35 Jahre alt. Der Attachéjahrgang 1938, geboren um 1910, und der letzte reguläre Jahrgang des Auswärtigen Amtes hatte bereits die nationalsozialistische Ausbildung empfangen. Die Attachés, auch das eine der vielen Funde der Kommission, hatten drei Höhepunkte ihrer Schulung: eine Rede von Hitler auf dem Obersalzberg, ein Besuch in einer psychiatrischen Anstalt (wegen der Euthanasie-Gesetzgebung) und ein Besuch im KZ Dachau.

          Es sind diese vergleichsweise jungen Leute, die sich nach 1945 bewusst sind, das ihr Amt integraler Bestandteil der Vernichtungspolitik gewesen ist – so sehr, dass es nach Kriegsausbruch 1939 fast verzweifelt nach neuen Aufgaben suchte und sie in der Deportation und juristisch verbrämten Entrechtung von Juden und Staatenlosen im Westen und in Südosteuropa fand. Jeder Emigrant, jeder Widerständler muss ihnen als Bedrohung erschienen sein, und zu den erschütterndsten Teilen dieser an Erschütterungen wahrhaft nicht armen Untersuchung gehört, dass keiner der Widerständler an verantwortliche Stelle zurückkehrte, ja viele um ihre Rentenansprüche kämpfen mussten.

          Der dünne Firnis der Zivilisation

          Es ist mehr als eine bittere Pointe der Geschichte, dass die Aufarbeitung dieser Verstrickung, erst im 21. Jahrhundert begann, als es um die Nachrufe der jungen Männer von einst ging. Die beschönigenden Epitaphe, in denen von „Internierung“ gesprochen wurde, wo es um die Bestrafung von Kriegsgefangenen ging und die Unklarheit darüber, was das Amt wusste und was nicht, führte unter Joschka Fischer zur Einsetzung der Historikerkommission. Es liest sich wie ein Thriller, wie die Historiker, sich selber historisierend, die Vorgeschichte und Geschichte der Kommission schildern: Der über neunzigjährige Erwin Wickert auf der einen Seite, der den Außenminister an seine Steinewerferzeit erinnert, und der Außenminister, der dem alten Diplomaten vorhält, seine Generation müsste doch am besten wissen, was biographische Brüche bedeuten. Es war ein Gefecht um Deutungshoheit über die Geschichte des 20. Jahrhunderts, und die alten Männer, das muss man jetzt sagen, haben sie verloren. „Ihr wolltet einen Nachruf“, sagt Fischer heute, „hier habt ihr ihn“. Und deutet auf das dicke Buch.

          Dieses Buch, das hat Guido Westerwelle soeben festgestellt, wird künftig Bestandteil der Attaché-Ausbildung werden. Es ist, nimmt man alles nur in allem, womöglich einer der elementarsten Beiträge, die Joschka Fischer – und auch sein Nachfolger Franz-Walter Steinmeier – zum Verständnis unserer Gesellschaft geleistet haben. In ungewöhnlich scharfer Form kritisieren die Historiker das Archiv des auswärtigen Amtes, und sie halten es für möglich, dass wichtige Dokumente zurückhalten wurden. Insofern ist der jetzt vorliegende Band kein Abschluss sondern nur ein Anfang.

          Aber auch als Anfang ist er eine historische Zäsur, die unhintergehbar ist. Er lehrt, wie dünn der Firnis ist, der unsere Institutionen im Ernstfall von der Barbarei trennt. Die alte Frage, ob die Rationalität unserer Gesellschaft nicht nur ein Reflex rationaler Verhältnisse ist und sich ebenso schnell ändern kann, stellt sich nach Lektüre dringender denn je. Aber Geschichte kennt nicht nur das Schreckliche, Angepasste und Böse. Sie kennt auch, wenn nicht die Erlösung, so doch die Versöhnung, selbst dort wo sie schwer möglich scheint. Auf dem Weg zu Richard von Weizsäcker an einem strahlenden Herbstnachmittag kommen wir an Schinkels Trauerhalle vorbei. Kleine Menschentrauben, darunter viele Touristen, haben sich vor den Plaketten am Eingang gebildet, wo Menschen die Inschrift lesen. Es sind die wichtigsten Sätze aus Richard von Weizsäckers Rede vom 8. Mai 1985. Vielleicht kann man jetzt erst ermessen, wie mutig die Rede des Staatsoberhaupts war, der auch als Sohn sprach.

          Es ist vielleicht kein historischer Moment. Aber ein Moment, für den auch diese Rede stand: ein wahrhaftiger.

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