https://www.faz.net/-gqz-9d1qm

Atelier Ais wird abgerissen : Kunst ist hier kein Argument

  • -Aktualisiert am

Einstürzende Wände von einem Atelier Ai Weiweis in Peking Bild: AP

Was bedeutet eigentlich der Abriss eines Ateliers von Ai Weiwei in Peking? Der Künstler selbst sucht die Antwort in einer besonderen Form der Grundlosigkeit, die China auszeichne.

          2 Min.

          Eine massive Betondecke in Zeitlupe zu Boden stürzen sehen und dann dabei sein, wenn der ganze Bildausschnitt allmählich mit einer Staubwolke ausgefüllt wird – das ist ein Erlebnis, wie man es von einer Videoinstallation erwarten würde. Hier aber wird es auf dem Instagram-Account von Ai Weiwei geboten; gezeigt wird dort in einer Reihe Videoschnipsel nicht irgendein Abriss, sondern die Zerstörung seines größten Pekinger Ateliers. Die ästhetisierende Zeitlupe verschärft die Frage nach der Bedeutung: Was sagen diese Bilder eigentlich?

          Erst einmal denkt man natürlich an den Mut, der dem Künstler mit seiner Kritik am autoritären System seines Landes vor Jahren 81 Tage Untersuchungshaft eingebracht hatte – ein Mut, den man nicht vergessen sollte, auch wenn Ai im Westen nicht mehr ganz so beliebt ist, seitdem er nicht mehr im chinesischen Gefängnis sitzt, sondern in Berlin wohnt. Zeigen die stürzenden Betondecken jetzt also eine weitere Aktion des Staats gegen den Dissidenten und Künstler an? Ai Weiwei selbst hält die Frage ausdrücklich offen, wenn er gegenüber dem Kunstmagazin „Frieze“ erklärt: „Niemand kennt den wirklichen Grund für den Abriss. Dasselbe gilt für alles in der chinesischen Gesellschaft. Niemand kennt den wirklichen Grund oder weiß, was hinter den Argumenten steckt, die der Staat vorbringt.“

          Bei dem Atelier handelt es sich nicht um das berühmte Fake Studio, das Ai Weiwei als Architekt 1999 selbst entworfen hatte und wo er Journalisten und Künstler aus aller Welt empfing; mit der Verbindung aus traditionellen Pekinger grauen Ziegeln mit Bauhaus-Minimalismus kreierte er damals einen eigenen Haustyp, der dann das spätere Kunstviertel Caochangdi ringsum prägen sollte.

          Paradebeispiel eines städtischen Zwischenraums

          Das jetzt abgerissene Atelier, das Ai Weiwei „Zuoyou“ (Links-rechts) nannte, besteht dagegen aus den Hallen einer ehemaligen Traktorenfabrik im Stadtteil Songzhuang, Bezirk Tongzhou am östlichen Rand Pekings, die der Künstler 2006 mietete. 2017 lief der Mietvertrag aus; der Eigentümer, ein Immobilienhändler, wollte nicht weiter verlängern, offenbar weil die ganze Gegend neu „entwickelt“ werden soll. Ai und seinen Nachbarn wurde angekündigt, dass ihre Gebäude abgerissen würden, aber kein genauer Termin genannt. Auch in dem Dorf Caochangdi, in dem sich in den letzten fünfzehn Jahren neben den Bauern viele Kunstinstitutionen niedergelassen haben, wurden kürzlich zwei Galerien der Abriss wegen Neuentwicklung angekündigt.

          Was westliche Urbanisten als Paradebeispiel eines städtischen Zwischenraums rühmen, in dem Denk- und Kunstlaboratorien aller Art blühen können, soll offenbar weit handfesteren Verwendungen und Geldvermehrungen zugeführt werden. Vielleicht ist das die Hauptbedeutung der Staubwolken über Ai Weiweis Atelier: Wenn in China von Gentrifizierung und Aufwertung die Rede ist, scheint „Kunst“ in vielen Fällen kein Argument zu sein. Was natürlich nicht ausschließt, dass der Staat mit derselben Klappe auch noch eine zweite Fliege schlagen könnte.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Wörter sind nichts Festes

          Yasmina Reza im Gespräch : Wörter sind nichts Festes

          Sprache als Heimat, Übersetzungen als Tragödie, eine Frauenrolle für einen Mann: Die französische Schriftstellerin Yasmina Reza hat einen neuen Monolog geschrieben – „Anne-Marie die Schönheit“

          Tortenkunst mal anders Video-Seite öffnen

          „The Bakeking“ : Tortenkunst mal anders

          Eine Schimpansentorte in Lebensgröße - das ist die neue Kreation von Ben Cullen, der als „The Bakeking“ mit seinen Backkreationen begeistert. Auf der „Cake International“ trifft er die besten Tortenkünstler der Welt.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.