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Unliebsame Bauwerke : Das Modernde und das Moderne

Das Institut für Hygiene und Mikrobiologie in Berlin Bild: bpk / Hans Christian Krass

Das Rechenzentrum in Potsdam, der „Mäusebunker“ und das Hygieneinstitut in Berlin waren einmal Zukunftsorte. Darf man die Bauwerke abreißen?

          7 Min.

          Wenn es noch echte Surrealisten gibt, dann dürfte das Zentrum von Potsdam, der Landeshauptstadt von Brandenburg, zu ihren Lieblingsorten zählen – denn dort hat man ein Rätselbild aufgebaut, wie es sonst keines gibt: In einem haushohen Käfig steht eine gut zwei Meter hohe Krone, auf einer Stange darüber hockt ein großer schwarzer Vogel, der den Hals in die Luft reckt und nach hinten zu kippen scheint, als ob eine unsichtbare Kraft an seinen Schwanzfedern zerrte. Hinter dieser Riesenvoliere taucht das drei Meter hohe Bild einer Frau auf, ein Mosaik nach Art der alten Römer – nur dass die Mosaike links und rechts von ihr kaum aus der Antike stammen können; sie zeigen: einen Raketenstart. Einen Kosmonauten. Drei Düsenflugzeuge, auf die manchmal der goldene Schein der Riesenkrone fällt. Was bedeutet all das?

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Krone und Vogel sind Teile der Wetterfahne der Potsdamer Garnisonkirche, die hier einmal stand. Die Mosaike, die sich auf einer Länge von siebzig Metern um den Sockel eines Hauses falten, wurden 1971 von Fritz Eisel an einem Gebäude angebracht, das damals der Stolz der DDR war: das Haus der VEB Maschinelles Rechnen. Heute würde man so ein Rechenzentrum eine Serverfarm nennen. Das Langmosaik, Titel „Der Mensch bezwingt den Kosmos“, stellt Stufen der wissenschaftlich-technischen Evolution des Menschen dar – von Landmaschinen über Raumfahrt bis zur Datenverarbeitung. Im Silicon Valley würden sie so ein Haus sofort als Teil ihrer eigenen Antike, als frühen Tempel der Zukunftseuphorie, unter Schutz stellen. In Potsdam nicht.

          Kunst oder Geschichte?

          Denn das 1971 eröffnete Rechenzentrum steht sozusagen mit einem Fuß auf dem Grundstück, auf dem der Turm der alten Potsdamer Garnisonkirche wiederaufgebaut wird. Und deswegen ist die Kollision von Düsenjet und Adler, Krone und Kosmonaut auch das Bild eines Risses, der durch die Gesellschaft geht: Es geht darum, welche Stadt man will, welchen Platz die Geschichte in ihr hat und welchen die Kunst.

          Das Rechenzentrum in Potsdam
          Das Rechenzentrum in Potsdam : Bild: Niklas Maak

          Denn das Rechenzentrum wird schon lange nicht mehr als Rechenzentrum genutzt; Seit 2015 hat sich in dem leerstehenden Verwaltungsbau eine Kulturszene angesiedelt, um die viele Kreativquartierplaner Potsdam beneiden: Hier mieten zweihundert Künstler und Start-ups auf 5000 Quadratmetern günstig Büros und Ateliers, im Hof finden Aufführungen und Feste statt. Das Rechenzentrum ist immer noch im Besitz der öffentlichen Hand, und es spricht viel dafür, es zu erhalten. Einmal die architektonische Qualität: Der Bau war ein Beispiel für eine Moderne, die sich formal an klassischen Bauformen orientierte; wie viele neue öffentliche Bauten in Potsdam war die Fassade profiliert durch vertikale Lamellen, die wie ein Echo der Säulen und Lisenen des dortigen Klassizismus wirkten. Zweitens gehört ein so frühes Rechenzentrum zum kulturellen Erbe der digitalen Moderne – auch eines, das zeigt, wie Datensammlungen missbraucht werden können.

          Gegner des Kulturzentrums argumentieren, man könne die Künstler ja in das nebenan geplante Kreativquartier eines Investors, das Glockenweiß-Village, umsiedeln. Aber mal abgesehen davon, dass es in Zeiten, in denen immer deutlicher wird, welchen Anteil das Bauen am globalen Klimawandel hat, fast frivol wirkt, ein Haus für Künstler abzureißen, um ein paar Meter weiter ein neues für sie zu bauen, wäre das „Village“ eben kein staatlicher Ort, sondern ein privat finanzierter; würde man die Künstler dorthin umsiedeln, wäre das auch eine Aussage darüber, ob man es für eine essentielle Aufgabe des Staates hält, Räume für Kunst, Experimente, gesellschaftliche Gegenmodelle zu schaffen – oder ob man sie bloß als wertsteigernde Zwischennutzer betrachtet, die man langfristig zugunsten einer lukrativeren Nutzung auch wieder rausschmeißen kann. Man würde die Rolle der Kunst in der Stadt in die Hände von privaten Investoren legen – um dort, wo das Rechenzentrum steht, den Anblick des rekonstruierten Turms der Garnisonkirche nicht zu beeinträchtigen. Die wurde 1735 errichtet; ihre Freunde halten sie für einen der wichtigsten nordischen Barockbauten, die DDR sah in ihr ein Symbol des preußischen Militarismus und ließ ihre Kriegsruine 1968 sprengen.

          Wofür steht der Turm, wenn er wieder steht?

          Wie im Fall des Berliner Schlosses formierten sich nach 1989 Gruppen, die den Sieg über die DDR unter anderem dadurch feiern wollten, dass sie das, was die DDR aus ideologischen Gründen wegsprengte, wiederaufbauen und das, was sie baute – zum Beispiel den Palast der Republik –, wegsprengen lassen wollten. Deutschland sollte möglichst wieder aussehen wie vor 1933. Leider trafen in Potsdam auch ein paar vergiftete Geschenke ein. Die „Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel“ ließ einen Nachbau des alten Glockenspiels anfertigen, 1991 stellte es die Stadt Potsdam es auf einer Wiese auf. Hinter der Traditionsgemeinschaft stand der ehemalige Bundeswehr-Offizier Max Klaar, der später vom Bundesverteidigungsministerium als Rechtsradikaler bezeichnet wurde. Die Glocken, die seit 1991 zum Wiederaufbau riefen, hatten, so der Architekturhistoriker Philipp Oswalt, „Inschriften, die das Orginal nie hatte. Es gibt Widmungen an sechs Wehrmachtsverbände, auch einen Wehrmachtstruppenteil, der die Belagerung von St. Petersburg vollzogen hat.“

          Die Garnisonskirche in Potsdam auf einem Uhrbild von Carl Hasenpflug aus dem Jahr 1827
          Die Garnisonskirche in Potsdam auf einem Uhrbild von Carl Hasenpflug aus dem Jahr 1827 : Bild: Picture-Alliance

          Nach dieser Entdeckung sah man sich gezwungen, die Glocken abzuschalten. Wofür steht der Turm, wenn er wieder steht? Wird an der Fassade auch der historische Waffenschmuck angebracht? Oder demilitarisiert man ihn optisch ein bisschen, damit man nicht immer an die nicht wenigen Menschen denken muss, die Preußens Militär in den Tod trieb? In Potsdam krachte es jetzt. Die Bürgerinitiative „Christen brauchen keine Garnisonkirche“, hinter der Politiker wie Herta Däubler-Gmelin und Theologen wie Friedrich Schorlemmer stehen, forderten, die Stiftung Garnisonkirche Potsdam auflösen. Die Initiative „Mitteschön“ forderte, das Rechenzentrum abzureißen.

          Um der Moderne mit ihren Autobahnen und Wohntürmen Platz zu machen

          Eine Zeitlang sah es so aus, als ob sich die Radikalabreißer durchsetzten; eine Zeitlang hatte man das Gefühl, die neuen Machthaber in Potsdam wollten die Geschichte der Stadt zurechtschneiden auf eine heitere „Alter Fritz“-Variante, und man hätte sich nicht gewundert, wenn sie alle Autos zugunsten von Pferdefuhrwerken verboten und das verpflichtende Tragen von Perücken und Reifröcken eingeführt hätten: Der Wahlpotsdamer Hasso Plattner ließ eine Kopie des Barberini-Palasts aufstellen, gegenüber riss man trotz heftiger Proteste die moderne Fachhochschule aus den frühen Siebzigern ab, die der aus Ostfriesland stammende damalige Potsdamer Bürgermeister Jann Jakobs einen „Schandfleck“ nannte. Dass diejenigen, die hier in den siebziger und achtziger Jahren ihre Zeit verbrachten, vielleicht ein paar schöne Erinnerungen an die Bauten der DDR-Moderne haben, dass sie vor ihnen gefeiert, in der Sonne gesessen, sich in ihnen kennengelernt, unter ihren Arkaden mit ihren Kindern gespielt hatten, und dass diese Bauten und Plätze so zum Teil einer Erinnerungsgeographie, ihrer Identität geworden waren – egal! Der Ostfriese sagte dem Ossi, dass seine Buden Schandflecken sind: Weg mit eurer Geschichte, hier kommt der neue Alte Fritz mit Fassaden im Classico-Dekor aus dem Nostalgiebaumarkt!

          Natürlich gab es auch gebürtige Potsdamer, die von einem Potsdam träumten, in dem alles wie Sanssouci aussieht – aber es gab ebenso viele Potsdamer, die das nicht wollten. So gesehen kann man den neuen Potsdamer Bürgermeister Mike Schubert, dem verschiedenste Initiativen jeden Tag die Tür mit einander ausschließenden Forderungen einrennen, nicht beneiden; und man kann umso mehr bewundern, dass er eine Lösung gefunden hat. Schubert schlägt vor, beides zu tun: Das Rechenzentrum wird nicht, wie bisher geplant, 2023 abgerissen; der bereits genehmigte Wiederaufbau des Turms der Kirche vollendet, beides mit einem vermittelnden Bau verbunden.

          Der „Mäusebunker“ in Berlin
          Der „Mäusebunker“ in Berlin : Bild: akg-images / Jürgen Raible

          Damit würde der eliminatorische Teufelkreis – ich spreng weg, was die vor mir gemacht haben – durchbrochen und ein Bild entstehen, in dem alle Seiten der Stadtgesellschaft, auch ihre Brüche und Widersprüche sichtbar werden, und Potsdam, das auf dem besten Weg war, wie eine Computeranimation des alten Preußens auszusehen, könnte zu einem Modell für eine Stadt werden, in der alle Spuren der Geschichte sichtbar bleiben dürfen. Dass Rom so ist, wie es ist, dass Touristen aus aller Welt kommen, um die offenliegende Geschichte in all ihren Facetten zu erleben, liegt auch daran, dass nicht jede Generation alles wegriss, was die davor gebaut hatte – sondern so viel stehenließ, dass sich die eigenen, neuen Bauten umso effektvoller abhoben. Schon jetzt ist zu erkennen, dass man in den kommenden Jahrzehnten auf den aktuellen Breitband-Abriss der Meisterwerke der Betonmoderne so fassungslos schauen wird wie auf die Hemdsärmeligkeit, mit der nach dem Zweiten Weltkrieg Altbauviertel kleingemacht wurden, um der Moderne mit ihren Autobahnen und Wohntürmen Platz zu machen.

          Pläne für den „Mäusebunker“

          Dass sich die öffentliche Wahrnehmung der „Betonmonster“ gerade ändert, zeigen auch die Tausenden von Unterschriften, die binnen kurzer Zeit für die Erhaltung und Umnutzung zweier Beton-Brut-Werke in Berlin zusammengekommen sind. Dort will die Charité ihre Tierversuchslabors und das Hygieneinstitut abreißen – zwei Bauwerke, die, wie auch das Rechenzentrum von Potsdam, für den Technik- und Fortschrittsoptimismus der frühen siebziger Jahre stehen; allerdings auch für den problematischen Umgang mit Tieren in der Forschung. Renommierte Experten wie die Leiterin der Architekturgalerie Aedes, Kristin Feireiss, und der Kunsthistoriker Adrian von Buttlar feiern in einem offenen Brief an den Senat vor allem das Hygiene-Institut mit seinen hellen, scharounhaft schwingenden Räumen als „einen Höhepunkt der Betonbaukunst, der bis heute eine optimistische Vision der positiven Rolle von Wissenschaft ausstrahlt“. Gegenüber strahlt das nach Plänen des Architekten Gerd Hänska erbaute pyramidenstumpfförmige Tierlaboratorium auch etwas Dunkles aus; es steht mit seinen blauen Frischluft-Kanonen da wie ein Kriegsschiff oder irgendwas, das aus Galaxien gelandet ist, in denen Menschen nicht das Maß aller Dinge sind. Gleichzeitig ist auch dieser Bau das Monument eines Staats, der sich Gesundheit und Forschung viel kosten ließ.

          Beide Institute zeigen, was der Staat in den Siebzigern in die öffentliche Gesundheit investierte, bevor ein verheerender Sparkurs Krankenhäuser und Forschungslabore in ganz Europa zu profitablen Assets machte und so mit zur katastrophischen Situation etwa in Italien beitrug.

          Mittlerweile gibt es Pläne, den „Mäusebunker“ in einen Ausstellungsort zu verwandeln; vielleicht wäre es aber gerade nach den Erfahrungen mit dem Corona-virus, dessen Geschichte ja auch vom Verhältnis von Mensch und Tier, von Laboren und dem Kampf gegen unbekannte Erreger handelt, auch möglich, aus dem Bau das zu machen, was er auf eine Weise schon jetzt ist: ein Ort, an dem man sieht, wie gefährdet auch eine moderne Gesellschaft ist, und diskutieren kann, woher diese Gefahren kommen und wie man mit ihnen umgeht.

          Auf ihre Weise gehören Forschungslabore und Rechenzentren, die Orte von Daten und Viren, zu den wichtigsten Bauten der Gegenwart; beide sind Orte, an denen sich entscheidet, wie es mit der Gesellschaft weitergeht. Was allein schon ein guter Grund wäre, beide Bauten, die die Geschichte von beidem erzählen, nicht abzureißen.

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