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Unliebsame Bauwerke : Das Modernde und das Moderne

Der „Mäusebunker“ in Berlin
Der „Mäusebunker“ in Berlin : Bild: akg-images / Jürgen Raible

Damit würde der eliminatorische Teufelkreis – ich spreng weg, was die vor mir gemacht haben – durchbrochen und ein Bild entstehen, in dem alle Seiten der Stadtgesellschaft, auch ihre Brüche und Widersprüche sichtbar werden, und Potsdam, das auf dem besten Weg war, wie eine Computeranimation des alten Preußens auszusehen, könnte zu einem Modell für eine Stadt werden, in der alle Spuren der Geschichte sichtbar bleiben dürfen. Dass Rom so ist, wie es ist, dass Touristen aus aller Welt kommen, um die offenliegende Geschichte in all ihren Facetten zu erleben, liegt auch daran, dass nicht jede Generation alles wegriss, was die davor gebaut hatte – sondern so viel stehenließ, dass sich die eigenen, neuen Bauten umso effektvoller abhoben. Schon jetzt ist zu erkennen, dass man in den kommenden Jahrzehnten auf den aktuellen Breitband-Abriss der Meisterwerke der Betonmoderne so fassungslos schauen wird wie auf die Hemdsärmeligkeit, mit der nach dem Zweiten Weltkrieg Altbauviertel kleingemacht wurden, um der Moderne mit ihren Autobahnen und Wohntürmen Platz zu machen.

Pläne für den „Mäusebunker“

Dass sich die öffentliche Wahrnehmung der „Betonmonster“ gerade ändert, zeigen auch die Tausenden von Unterschriften, die binnen kurzer Zeit für die Erhaltung und Umnutzung zweier Beton-Brut-Werke in Berlin zusammengekommen sind. Dort will die Charité ihre Tierversuchslabors und das Hygieneinstitut abreißen – zwei Bauwerke, die, wie auch das Rechenzentrum von Potsdam, für den Technik- und Fortschrittsoptimismus der frühen siebziger Jahre stehen; allerdings auch für den problematischen Umgang mit Tieren in der Forschung. Renommierte Experten wie die Leiterin der Architekturgalerie Aedes, Kristin Feireiss, und der Kunsthistoriker Adrian von Buttlar feiern in einem offenen Brief an den Senat vor allem das Hygiene-Institut mit seinen hellen, scharounhaft schwingenden Räumen als „einen Höhepunkt der Betonbaukunst, der bis heute eine optimistische Vision der positiven Rolle von Wissenschaft ausstrahlt“. Gegenüber strahlt das nach Plänen des Architekten Gerd Hänska erbaute pyramidenstumpfförmige Tierlaboratorium auch etwas Dunkles aus; es steht mit seinen blauen Frischluft-Kanonen da wie ein Kriegsschiff oder irgendwas, das aus Galaxien gelandet ist, in denen Menschen nicht das Maß aller Dinge sind. Gleichzeitig ist auch dieser Bau das Monument eines Staats, der sich Gesundheit und Forschung viel kosten ließ.

Beide Institute zeigen, was der Staat in den Siebzigern in die öffentliche Gesundheit investierte, bevor ein verheerender Sparkurs Krankenhäuser und Forschungslabore in ganz Europa zu profitablen Assets machte und so mit zur katastrophischen Situation etwa in Italien beitrug.

Mittlerweile gibt es Pläne, den „Mäusebunker“ in einen Ausstellungsort zu verwandeln; vielleicht wäre es aber gerade nach den Erfahrungen mit dem Corona-virus, dessen Geschichte ja auch vom Verhältnis von Mensch und Tier, von Laboren und dem Kampf gegen unbekannte Erreger handelt, auch möglich, aus dem Bau das zu machen, was er auf eine Weise schon jetzt ist: ein Ort, an dem man sieht, wie gefährdet auch eine moderne Gesellschaft ist, und diskutieren kann, woher diese Gefahren kommen und wie man mit ihnen umgeht.

Auf ihre Weise gehören Forschungslabore und Rechenzentren, die Orte von Daten und Viren, zu den wichtigsten Bauten der Gegenwart; beide sind Orte, an denen sich entscheidet, wie es mit der Gesellschaft weitergeht. Was allein schon ein guter Grund wäre, beide Bauten, die die Geschichte von beidem erzählen, nicht abzureißen.

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