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Unliebsame Bauwerke : Das Modernde und das Moderne

Wofür steht der Turm, wenn er wieder steht?

Wie im Fall des Berliner Schlosses formierten sich nach 1989 Gruppen, die den Sieg über die DDR unter anderem dadurch feiern wollten, dass sie das, was die DDR aus ideologischen Gründen wegsprengte, wiederaufbauen und das, was sie baute – zum Beispiel den Palast der Republik –, wegsprengen lassen wollten. Deutschland sollte möglichst wieder aussehen wie vor 1933. Leider trafen in Potsdam auch ein paar vergiftete Geschenke ein. Die „Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel“ ließ einen Nachbau des alten Glockenspiels anfertigen, 1991 stellte es die Stadt Potsdam es auf einer Wiese auf. Hinter der Traditionsgemeinschaft stand der ehemalige Bundeswehr-Offizier Max Klaar, der später vom Bundesverteidigungsministerium als Rechtsradikaler bezeichnet wurde. Die Glocken, die seit 1991 zum Wiederaufbau riefen, hatten, so der Architekturhistoriker Philipp Oswalt, „Inschriften, die das Orginal nie hatte. Es gibt Widmungen an sechs Wehrmachtsverbände, auch einen Wehrmachtstruppenteil, der die Belagerung von St. Petersburg vollzogen hat.“

Die Garnisonskirche in Potsdam auf einem Uhrbild von Carl Hasenpflug aus dem Jahr 1827
Die Garnisonskirche in Potsdam auf einem Uhrbild von Carl Hasenpflug aus dem Jahr 1827 : Bild: Picture-Alliance

Nach dieser Entdeckung sah man sich gezwungen, die Glocken abzuschalten. Wofür steht der Turm, wenn er wieder steht? Wird an der Fassade auch der historische Waffenschmuck angebracht? Oder demilitarisiert man ihn optisch ein bisschen, damit man nicht immer an die nicht wenigen Menschen denken muss, die Preußens Militär in den Tod trieb? In Potsdam krachte es jetzt. Die Bürgerinitiative „Christen brauchen keine Garnisonkirche“, hinter der Politiker wie Herta Däubler-Gmelin und Theologen wie Friedrich Schorlemmer stehen, forderten, die Stiftung Garnisonkirche Potsdam auflösen. Die Initiative „Mitteschön“ forderte, das Rechenzentrum abzureißen.

Um der Moderne mit ihren Autobahnen und Wohntürmen Platz zu machen

Eine Zeitlang sah es so aus, als ob sich die Radikalabreißer durchsetzten; eine Zeitlang hatte man das Gefühl, die neuen Machthaber in Potsdam wollten die Geschichte der Stadt zurechtschneiden auf eine heitere „Alter Fritz“-Variante, und man hätte sich nicht gewundert, wenn sie alle Autos zugunsten von Pferdefuhrwerken verboten und das verpflichtende Tragen von Perücken und Reifröcken eingeführt hätten: Der Wahlpotsdamer Hasso Plattner ließ eine Kopie des Barberini-Palasts aufstellen, gegenüber riss man trotz heftiger Proteste die moderne Fachhochschule aus den frühen Siebzigern ab, die der aus Ostfriesland stammende damalige Potsdamer Bürgermeister Jann Jakobs einen „Schandfleck“ nannte. Dass diejenigen, die hier in den siebziger und achtziger Jahren ihre Zeit verbrachten, vielleicht ein paar schöne Erinnerungen an die Bauten der DDR-Moderne haben, dass sie vor ihnen gefeiert, in der Sonne gesessen, sich in ihnen kennengelernt, unter ihren Arkaden mit ihren Kindern gespielt hatten, und dass diese Bauten und Plätze so zum Teil einer Erinnerungsgeographie, ihrer Identität geworden waren – egal! Der Ostfriese sagte dem Ossi, dass seine Buden Schandflecken sind: Weg mit eurer Geschichte, hier kommt der neue Alte Fritz mit Fassaden im Classico-Dekor aus dem Nostalgiebaumarkt!

Natürlich gab es auch gebürtige Potsdamer, die von einem Potsdam träumten, in dem alles wie Sanssouci aussieht – aber es gab ebenso viele Potsdamer, die das nicht wollten. So gesehen kann man den neuen Potsdamer Bürgermeister Mike Schubert, dem verschiedenste Initiativen jeden Tag die Tür mit einander ausschließenden Forderungen einrennen, nicht beneiden; und man kann umso mehr bewundern, dass er eine Lösung gefunden hat. Schubert schlägt vor, beides zu tun: Das Rechenzentrum wird nicht, wie bisher geplant, 2023 abgerissen; der bereits genehmigte Wiederaufbau des Turms der Kirche vollendet, beides mit einem vermittelnden Bau verbunden.

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