https://www.faz.net/-gqz-6zcah

„Dantons Tod“ in Hamburg : Alles dreht sich

  • -Aktualisiert am

Stoppt die Welt, ich möchte aussteigen: Daniel Lommatzsch als Robespierre Bild: Armin Smailovic

Büchners Drama von 1835 ist ein Akt der Verzweiflung. Und so verzweifelt, wild und grimmig inszeniert es auch die Regisseurin Jette Steckel am Hamburger Thalia Theater. Unter großem Jubel.

          Manchmal gelingt es im Theater tatsächlich, Hand an die Welt zu legen. Dann stemmen sich die da oben auf der Bühne gegen sie, bringen sie in Bewegung, mit Atempausen, aber so unermüdlich und verzweifelt und lustvoll und intensiv, als kenne das Theater und das Spiel, das Denken und die Welt kein Ende.

          In der Finsternis des Hamburger Thalia Theaters, anfangs lediglich beleuchtet von einer Fackel am Boden, beginnt ein solcher Weltendreh als das, was er ist: als Kraftakt. Drei kreisrunde Scheiben, schwarz, zwei horizontal, eine waagerecht, sind dort mitten auf der Drehbühne so ineinandergesteckt, dass sie eine Kugel ergeben. Eine Kugel, die von den Schauspielern in Bewegung gesetzt wird, unter Schnaufen, Lachen, Grölen, Knutschen, Gewalt, und später wie eine Tafel mit Parolen bekritzelt.

          Gedankenverloren am Äquator

          Mehr als die Kugel braucht es hier für Georg Büchners „Dantons Tod“ nicht, mehr als dieses ewige Kreisen der Spielflächen, es sind immer vier zu sehen, zwei oben und zwei unten; nicht mehr als die Kanten, über die etwa Mirco Kreibich als Dantons Anhänger Camille - wie alle immer gut gesichert - einmal gedankenverloren wandelt wie über den Äquator und auf denen Jörg Pohl als Danton am Abgrund balanciert. Eine Kugel, an der sich aber auch Dantons Geliebte Julie gut erhängen kann. Dazu noch die Rampe als Spielfläche und eben: Musik. Gespielt wird sie von einem an der E-Gitarre (links vorn) und einem am Keyboard (rechts vorn), die unaufdringlich, aber bestimmt, den Rhythmus für Jette Steckels Inszenierung vorgeben und sich dabei der auch musikalischen Unterstützung des hellwachen Ensembles sicher sein können.

          Charisma, Hybris, Mitleid: Jörg Pohl als Danton

          Büchners Drama von 1835, er war damals 21 und als Revolutionär schon ernüchtert, ist ein Akt der Verzweiflung, am Menschen, am Dasein, an der Ungerechtigkeit der Welt. Und genau als solchen - düster, grimmig, verzweifelt - inszeniert das auch Jette Steckel, eine Regisseurin, selbst erst 30, die in allen Stücken, die sie bisher wählte, Antworten auf die Frage sucht: „Warum ist die Welt nicht besser, als sie sein sollte (und könnte)?“

          Die Welt ist das Chaos

          Büchners Antworten, die er in „Dantons Tod“ aussprechen lässt, lauten unter anderem: Weil „die Welt das Chaos“ ist, „das Leben eine Hure“ und die Menschen schwach, „nur Marionetten“ eines Weltgeistes namens „Nichts“ sind. Denn fünf Jahre nach der Französischen Revolution ist von den guten Absichten real nichts mehr übrig, fordert ihr „Strom“ immer mehr Leichen, stehen sich Robespierre und Danton, der Tugendterrorfürst und der abgewrackte Volkstribun der Gemäßigten, so ratlos wie unversöhnlich gegenüber.

          „Das Leben eine Hure“: Karin Neuhäuser als St.Just zusammen mit Jörg Pohl als Danton

          So, wie Daniel Lommatzsch und Jörg Pohl sie anlegen, sind die beiden vor allem Brüder im Geiste, lediglich getrennt durch ein paar Grad mehr an Charisma, Hybris, Zweifel, Mitleid und Verzweiflung auf Dantons Seite, die ihn letztlich auch das Leben kosten. Steckel hat dafür wie generell für das Rauhe, Aufwühlende, Verführerische an Revolutionszeiten, ein zentrales großartiges Bild gefunden: Zum Showdown, dem Prozess gegen Danton, schieben die beiden Männer je ein schwarzes Schlagzeug an die Rampe, setzen sich und beginnen ihr Rede- und Ideenduell. Zwei Gladiatoren unter Trommelfeuer. Sie treiben sich an mit Worten und Rhythmen, provozieren, kommentieren, intervenieren und kitzeln ganz nebenbei ihre Egos.

          Die Inszenierung bleibt in diesen Momenten, wie überhaupt an diesem wunderbar konzentrierten Abend, ganz nah bei Büchner und der Frage, warum Revolutionen so ablaufen müssen, warum der Mensch ist, wie er ist. Auch in den wenigen Szenen, in denen Steckel Büchner offensiv in die Gegenwart verlängert: In einer Szene wendet sich der Camille des Mirco Kreibich vom Rednerpult frontal ans Publikum, fragt, warum alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren verhungere, warum eine Milliarde Menschen hungert, obwohl die moderne Landwirtschaft locker das Doppelte der Weltbevölkerung ernähren könnte.

          Ein Gruß von „Occupy“

          Die Fragen stammen aus einem Text des Soziologen Jean Ziegler, den eine „Occupy“-Aktionsgruppe in Frankfurt namens „Georg Büchner“ für sich als Grußwort reklamiert. Kreibich fragt weiter - Licht an im Saal -, warum wir in der Kunst, im Film oder im Theater die Konfrontation mit der Realität so schätzen, sie sogar suchen, während wir in der realen Welt von all der Ungerechtigkeit nichts wissen wollen? Fragt, schaut, wird von seiner Frau Lucile (Lisa Hagmeister) sanft erinnert, dass er selbst eine Theaterfigur ist.

          Am Ende hängen Danton und seine drahtigen Männer an Ketten, schweben langsam gen Bühnenhimmel, bewegt sich der eiserne Vorhang bimmelnd nach unten. Davor sitzt Lucile, nun Witwe Camilles und erste Schmerzensfrau des Stücks. In der Hand das Messer. Sie wird sich richten. Und ihr Kind. Obwohl es nichts ändert. Weil die Welt sich immer weiter dreht da draußen. Und in den besten Momenten auch im Theater. Dies ist einer. Jubel!

          Weitere Themen

          Gut erfunden ist anders wahr

          Filmfestival von Locarno : Gut erfunden ist anders wahr

          Zwischen Spiel und Dokumentation, Hollywood, Lissabon und Nordafrika: Das Filmfestival von Locarno hat gezeigt, was ein breites Kunstspektrum im Kino heute bedeutet.

          Echte Kommissarinnen stehen zusammen

          „Tatort“ aus Dresden : Echte Kommissarinnen stehen zusammen

          Ein spektakuläres Verbrechen, ein Chef, dem die Nerven durchgehen, und zwei Ermittlerinnen mit Durchblick: Das neue Team des „Tatorts“ aus Dresden wird sich so rasant einig, dass man nur staunen kann.

          Topmeldungen

          Proteste in Hongkong : „Wenn sie kommen, gehen wir einfach nach Hause“

          Hunderttausende protestieren in Hongkong gegen die chinesische Regierung. Von Einschüchterungen aus Peking und der Drohung, die Proteste mit Gewalt niederzuschlagen, lassen sie sich nicht einschüchtern.
          Roboter und Algorithmen übernehmen immer mehr unserer Arbeit, deswegen muss sich auch die Art der Altersversorgung ändern.

          Die DigiRente : Neue Altersvorsorge für die digitale Ära

          Wie die Menschen beim Einkaufen zu Anteilseignern digitaler Maschinen und Algorithmen werden und damit sinnvoll Altersvorsorge betreiben und Vermögen bilden können. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.