https://www.faz.net/-gqz-16fde

Dankesrede zur Verleihung des Hebelpreises : No wishes, so isches

  • -Aktualisiert am

Hebelpreisträger im Jubiläumsjahr 2010: Arnold Stadler Bild: Hubert Spiegel

Arnold Stadler ist ein würdiger, geradezu idealer Hebelpreisträger im Jubiläumsjahr. Hebel, so meint er, sei ein Geheimnis, kein Rätsel. Denn Rätsel ließen sich lösen.

          Sehr verehrte Damen aus nah und fern, liebe Herrn, Wiesentäler Weltbürger und Freunde von Johann Peter Hebel an seinem 250.Geburtstag!

          Me moss bim Boue ou as Abreisse dengke, man muß beim Bauen auch ans Abreißen denken! sagte jener sonderbare Mann bei uns zu Hause. Dort lebte dieser Baumeister, der also von der Vergänglichkeit eines solchen Hauses wusste, und selbstverständlich auch von unserer eigenen, und von unserem Gast-auf-Erden-Status, als hätte er Hebels Gedicht „Die Vergänglichkeit“ gelesen.
          Unser schlampiger Baumeister wollte mit diesem Satz wohl all seine Schlamperei entschuldigen, seinen ganzen Pfusch, ja nicht zu solide! Und wir dachten, daß er so baute, weil er so dachte, und lachten. Dabei spielte er auch noch mit dem Klang des Wortes Abreisen-Abreißen, das sich beinahe wie eines anhört. Die Bauherren wollten einen solchen Satz schon gar nicht hören, denn wer baut, lebt, und will nichts von so etwas wissen.
          Aber vielleicht war der Baumeister auch einfach nur ein Dichter und weise wie Hebel, und wir verstanden das nur nicht. Der Mann hatte vielleicht sogar Hebel gelesen, kannte seine Verse über die Ruine von Rötteln, und hatte von da seine Lehre über die Vergänglichkeit aus der „Vergänglichkeit gezogen.
          Gerade als Baumeister hatte er vielleicht daran gedacht, dass er ja nur an zukünftigen Ruinen arbeitet. Vielleicht war er fast so weise und heiter wie eine gute Figur aus einer von Hebels Kalendergeschichten oder wie Hebel selbst, unser Hausfreund.
          Doch wir lachten und schüttelten den Kopf über diesen Satz: Me moss bim Boue au as Abreisse denchke! - als wäre der Mann nicht ganz bei Trost, wie man früher noch sagte. Aber das war nicht sein einziger Satz.
          Die meisten konnten ja gar nicht sprechen, aber einzelne gab es immer, denen etwas zu sagen glückte. Solche Menschen galten bei uns bestenfalls als Originale. Denn das Unverwechselbare hatte schon damals keinen Marktwert mehr und fast alle wollten sein wie die anderen, und ja nicht mit ihrem Leben und den dazugehörenden Sätzen auffallen und nicht ihr Leben führen, sondern ein anderes, jenes, das von ihnen erwartet wurde.




          „Allemannnische Gedichte“

          Ein Schriftsteller hat es ja nicht mit der Mehrheit zu tun, das ist die Aufgabe der Soziologen, Politiker und Meinungsforscher, sondern mit der Sprache, und dem einzelnen Menschen, und ist sein und ihr Anwalt, möglicherweise über seinen und ihren Tod hinaus.
          Auch hier, in Alemannien, sprechen nun jene, die nicht auffallen wollen, wie im Traumschiff-Fernsehen, und wollen nicht unverwechselbar sein, sondern - anscheinend, sage ich - verwechselbar. Angefangen mit der eigenen Sprache, die man den Kindern schon im Kindergarten austreiben will. Alle sollen gleich sprechen!
          Die Muttersprache, das Alemannische, zum Beispiel, ist doch für solche Zeitgenossen nur ein Nachteil im schon mit der Geburt beginnenden Konkurrenzkampf, als wäre das Leben nichts anderes,- und als wären diese Mütter Darwinistinnen.
          Manche fürsorgliche Mutter spricht nun schon mit ihrem Kind nicht mehr die Muttersprache, sondern versucht es auf hochdeutsch, um den sogenannten Anschluß nicht zu verlieren. Als wäre die Muttersprache keine Sprache, sondern ein Hindernis. So dachten und denken aber Leute wie mein Baumeister nicht.
          Und Hebel dachte auch nicht so, und die Dichter in aller Welt und ihre Leserinnen und Leser, die Hebel und seine und ihre Muttersprache lieben, dachten und denken auch nicht so. Aber das, nicht so zu denken, hilft ja in unserer globalisierten Welt nicht viel. Oder? Hebel hat es einmal versucht, das Gehörte aufzuschreiben, und es ist ihm geglückt, und wie! Das sind seine „Allemannnischen Gedichte“. Aber - es braucht doch den richtigen Leser oder Sprecher, damit das Eigentliche der Sprache des Dichters, welches jenseits der Information liegt, vernehmbar wird. Goethe, der selbst die wunderbarsten Gedichte schrieb, war jedenfalls nicht der Richtige dafür. Er konnte das allenfalls beurteilen, so wie er das Persische von Hafis und andere schöne Übersetzungen beurteilen konnte. Denn es kommt doch auf den Klang an bei einem Gedicht und bei einem poetischen Satz. Und dafür gibt es bis zum heutigen Tag keine Schrift und keine Zeichen, die den Klang genauso wiedergäben, wie wenn wir eine alemannische Stimme Hebel vortragen hörten. Man muß es schon wissen.



          Weitere Themen

          Russischer Ort streitet über Stalin-Statue Video-Seite öffnen

          Aufstellen oder nicht? : Russischer Ort streitet über Stalin-Statue

          Seitdem in der russischen Ortschaft Kusa eine alte Stalin-Statue in einem Teich entdeckt wurde, spaltet sie das Städtchen. Soll sie am alten Ort wieder aufgestellt werden, wie das der kommunistische Aktivist Stanislaw Stafejew fordert? Oder sollte sie lieber ins Museum?

          Topmeldungen

          Donald Trump am 12. Juli in Milwaukee

          Provokation auf Twitter : Trumps Spiel mit dem Feuer

          Auf Twitter beleidigt Amerikas Präsident vier Parlamentarierinnen rassistisch. Mit der Provokation will er Konflikte unter den Demokraten schüren – und scheitert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.