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Raabe-Preis für Jan Faktor : Auch ein wichtiges Thema: Ein zwei Zentimeter langes Bakterium

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Er kam aus Prag in die DDR und hat seine Lebensgeschichte in dem Roman „Trottel“ satirisch verarbeitet: Jan Faktor. Bild: Lucas Bäuml

Wenn man weiß, was man sagen will, kann man erstmal problemlos abschweifen: Im Nachhinein finde ich meinen Trottelroman viel zu frech.

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          Als höflicher, aber auch ehrlicher Mensch spreche ich lieber gleich meine Kaumbeziehung zu Wilhelm Raabe an, dessen Namen ich – wenn mich nicht alles täuscht – nur dank dieses renommierten Literaturpreises kenne. Da ich in dieser Rede auf keinen Fall halbgegartes, schnell zusammengesuchtes Wissen verwursten wollte, habe ich lieber meinen vierundneunzigjährigen Schwiegervater nach Wilhelm Raabe befragt, der – wie ich jetzt weiß – fast genau vor fünfzig Jahren ein Nachwort zu „Pfisters Mühle“ für den Union Verlag geschrieben hatte. Und Gerhard Wolf sagte (ich paraphrasiere): „Sein – also Raabes – Pech war, dass Fontane ein Tick besser war.“ Aber Vorsicht, liebe Anwesenderinnen und Mannsgenugseiende! Falls jemand im Raum zusammengezuckt sein sollte, dem muss ich zuflüstern: Gerhard Wolf kann schlecht, sogar sehr schlecht loben. So gesehen, ist bei ihm schon ein kleiner positiver Wink fast ein triumphaler Lobgesang.

          Nun zum ersten Kernthema meiner Rede: In der linken Spalte auf Seite eins der „Berliner Zeitung“ stand am 27. Juni dieses Jahres etwas über die Entdeckung eines unerhört großen Bakteriums: Dieses sei nicht nur mit dem bloßen Auge sichtbar, es könne sogar bis zu zwei Zentimeter lang werden. Bei der Lektüre über dieses Einzell-Ungeheuer war ich sofort wie elektrisiert, gleichzeitig aber auch skeptisch, ob mir diese Information im Leben oder bei meiner Arbeit weiterhelfen würde. Dieses mit mir verwandte Wesen – es gibt doch nur EIN Leben auf Erden, nicht wahr? – tummelt sich in ganz anderen Gegenden, und es ist außerdem ein konsequenter Sulfidenfresser, kein Futterkonkurrent. Nachdem ich die Kolumne in das entsprechende Hängeregister versenkt hatte, war unklar, wann ich diese wunderbare Neuigkeit wieder hervorholen werde – und zu welchem Zweck. Eine meiner Regeln beim Schreiben: Wenn man weiß, was man sagen will, kann man erst mal auch problemlos abschweifen.

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