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Einer Erfolgsautorin zum 70. : Ehrloser Ruhm

Eine Bestsellerautorin weiß, was sie zu schreiben hat. Bild: Picture-Alliance

Bestseller versucht man, mit nackten Zahlen oder mit Soziologie zu erfassen. Wirklich knacken kann man ihr Erfolgsgeheimnis nicht. Eine der zuverlässigsten Produzentinnen wird heute 70. Gesamtauflage: unfassbar.

          2 Min.

          Reden wir über Bestseller. Sie werden am Fließband produziert (Paulo Coelho), in der Schreibmanufaktur in Teamarbeit geschrieben (James Patterson), am Reißbrett entworfen (Donna Leon), auf der Chaiselongue diktiert (Barbara Cartland). Ihr Geltungsbereich kann lokal begrenzt sein (Frank Schätzings frühe Köln-Krimis) oder nahezu die gesamte lesende Welt umfassen (Hermann Hesse). Man kann sie nicht planen - „wer aber nicht eine Million Leser erwartet, sollte nicht eine Zeile schreiben“ (Goethe an Eckermann). Das Phänomen des Bestsellers ist zwar nur unwesentlich jünger als die Erfindung der Schrift, hat sich aber bislang jeder grundlegenden theoretischen Durchdringung hartnäckig widersetzt.

          Gesprochen wird über Bestseller deshalb vor allem auf drei Ebenen. Erstens: Klatsch und Anekdote. Zweitens: nackte Zahlen, mit denen es der Literaturbetrieb allerdings nicht immer so ganz genau nimmt, weshalb die folgenden Angaben zwar nach bestem Wissen, aber ohne Gewähr gemacht werden. Drittens: die Ebene der literatursoziologischen Betrachtungsweise, die mit Siegfried Kracauer davon ausgeht, dass jeder Bucherfolg als geglücktes soziologisches Experiment zu betrachten sei. Mit anderen Worten: Jeder Bestseller verrät etwas über die Gesellschaft, die ihn dazu gemacht hat.

          Erfüllte Wünsche

          Wer die deutschsprachige Bestseller-Landschaft durchstöbert, wird rasch bemerken, dass hier seit Hedwig Courths-Mahler (Gesamtauflage mehr als achtzig Millionen) auffällig viele Autorinnen anzutreffen sind: von Marie Louise Fischer und Utta Danella (beide mehr als siebzig Millionen) über Sandra Paretti (mehr als dreißig Millionen) und Hera Lind (mehr als zehn Millionen) bis zu Cornelia Funke (mehr als fünf Millionen). Das sind beachtliche Zahlen, aber sie bleiben deutlich hinter dem Erfolg des auflagenstärksten deutschen Schriftstellers zurück. Mit einer Weltauflage von mehr als zweihundert Millionen liegt Karl May noch immer vor Hermann Hesse und Günter Grass.

          Alle drei zusammen reichen jedoch nicht an die Auflage einer Autorin heran, die seit genau fünfzig Jahren zuverlässig einen Bestseller nach dem anderen schreibt, ohne dass jedoch auch nur ein einziger ihrer etwa achtzig Romane jemals berühmt geworden wäre. Ihre Bücher tragen Titel wie „Der Landsitz“, „Erfüllte Wünsche“ oder „Johnny, der Engel“ und haben sich öfter verkauft als J. K. Rowlings Harry-Potter-Bände oder Tolkiens „Herr der Ringe“. Vom Markenwert des Rowling-Imperiums, der auf etwa fünfzehn Milliarden Dollar geschätzt wird, ist sie zwar weit entfernt, aber wie ihre Kollegen Barbara Cartland und James Patterson dürfte sie zu den wenigen Menschen gehören, die mit ihren Büchern zu Milliardären wurden. Heute wird Danielle Steel, eine der auflagenstärksten Schriftstellerinnen aller Zeiten, siebzig Jahre alt. Ihre Gesamtauflage liegt bei mehr als sechshundert Millionen verkauften Büchern.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

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