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Kritik an Corona-Maßnahmen : Der Dichter ist vermessen

Gleich drei Sitze waren für die Begleiter von Daniel Kehlmann reserviert, als der Schriftsteller 2014 die Frankfurter Poetikvorlesung hielt. Für Lothar Wieler würde Kehlmann keinen Platz freihalten: Er hält den Präsidenten des Robert-Koch-Instituts für einen Kulturbanausen. Bild: Frank Röth

Schrecklich findet es Daniel Kehlmann, dass unsere Kultur jetzt in den Händen der Beamten des Robert-Koch-Instituts sei. In seinem Roman „Die Vermessung der Welt“ hatte er dem Beamtendasein noch mehr Einfühlung entgegengebracht.

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          Erstens könne das nun aber jeder sagen, lässt Daniel Kehlmann in der indirekten Rede, die den ironischen Ton seines Romans „Die Vermessung der Welt“ vorgibt, den Berliner Polizisten sagen, der eines Abends im Jahr 1828 in der Stadtmitte, im Hof des Hauses Packhof Nr. 4, eine Zusammenrottung auflösen will und sich vom Rädelsführer des ungleichen Häufleins, einem kleinen alten Herrn mit schlohweißen Haaren, sagen lassen muss, er sei Kammerherr, was einer der Begleiter des Kneckes, weil es der Schutzmann zunächst nicht begreift, diesem übersetzen muss: Angehöriger des Hofes. Zweitens, erklärt der solcherart aufgeklärte Gesetzeshüter, gelte das Versammlungsverbot für alle.

          Versammelt haben sich vor einer soeben aus Göttingen eingetroffenen Kutsche Alexander von Humboldt, sein Sekretär und Louis Daguerre, der mittels des später nach ihm benannten Verfahrens auf der Stelle ein Bild von dem Mann anfertigen soll, der gerade aus der Kutsche gestiegen ist: Carl Friedrich Gauß. Der Sekretär versucht die Situation zu retten, indem er den Spieß umdreht und dem Wachtmeister einen Platzverweis erteilt. Die dialektische List greift nicht. „So spreche man nicht mit einem Beamten, sagte der Polizist zögernd.“

          Wenn die Polizei heute Menschenansammlungen in Berliner Höfen auflöst, setzt sie die Verordnung über erforderliche Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 durch. Die Beamten vollziehen aber gleichzeitig den Willen anderer Beamter – falls man glaubt, was Daniel Kehlmann der „Süddeutschen Zeitung“ erzählt hat. Nicht das Virus ist für den Schriftsteller das „Schreckgespenst dieser Tage“, sondern der Mitarbeiterstab des kraft Gesetzes für dessen Bekämpfung zuständigen Robert-Koch-Instituts. „Diese grauen Hüter über die Zahlen sind Beamte, sie müssen die Folgen einer stillgelegten Gesellschaft nicht fürchten.“ Schrecklich nennt es Kehlmann, „dass das Schicksal der Kultur nun in den Händen von Menschen liegt, denen Kultur nicht fremder sein könnte“. Zu diesen zählt er „auch die Herren vom Robert-Koch-Institut“.

          Unter den historischen Puppenspielfiguren seines Erfolgsromans vermenschlichte Kehlmann mit einem winzigen Detail ausgerechnet den namenlosen Staatsdiener, indem er den Polizisten zögern ließ, bevor er die flagrante Beamtenbeleidigung rügte. Lothar Wieler, dem Präsidenten des RKI, unterstellt Kehlmann, dass er ohne Zögern eine Versammlung von Opernbesuchern auseinandertreiben würde, und er bringt diese Unterstellung ohne Zögern vor, obwohl er doch gar nicht wissen kann, ob bei diesem höchstqualifizierten Naturwissenschaftler im Ministerialdienst nicht sein Schmöker über Gauß und Humboldt im Regal steht.

          Nach den Wirkungen der Amtshandlungen im gesellschaftlichen Leben fragt ein treuer Beamter nicht? Einen Schriftsteller, der dieses phantasielose Bild vom allgemeinen Stand in jedem Einzelfall für wahr hält, muss man einen Literaturbeamten schimpfen: Das kann nun aber wirklich jeder sagen.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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