https://www.faz.net/-gqz-6wbhg

Daniel Cohn-Bendit und Slavoj Žižek : Wir Europäer haben die Ressource der Aufklärung

  • Aktualisiert am

Cohn-Bendit: Sehen wir uns dazu die Tea Party in den Vereinigten Staaten an, die sich dezidiert pro Israel äußert, aber im Kern antisemitisch ist. Auf der anderen Seite haben wir aber das Problem mit Israel als einer Gesellschaft, die immer blinder wird. Man erlebt das selbst: Wenn ich in Israel bin und von Ramallah nach Tel Aviv fahre, könnte man glauben, dazwischen lägen zweieinhalbtausend Kilometer. Es ist aber kaum eine Stunde Fahrtzeit. Zwei Welten liegen so nahe beieinander. Tel Aviv ist wie San Francisco: eine Hippie-Stadt mit Strand und Sonne und Lässigkeit und reizenden Menschen. Aber die scheren sich nicht um das, was in Ramallah passiert.

Dath: Wir haben dort immerhin gerade soziale Unruhen erlebt. Aber wie soll man über solch ein Thema mit einer Regierung wie der von Netanjahu sprechen, die als ihre Rechtfertigung die Behauptung sieht, dass sie allein Israel vor der Auslöschung bewahrt? Wie kann man da mit sozialer Gerechtigkeit kommen?

Cohn-Bendit: Ich war vor ein paar Monaten in Israel, um mit den jungen Protestlern dort zu sprechen, den Vertretern der „israelischen Intifada“.

Dath: Die sich aber weniger für den Friedensprozess interessieren.

Cohn-Bendit: Nein, es geht ihnen allein um soziale Fragen. Aus Spanien hatte ich gehört, dass die dortigen Demonstranten Leute ausgeschlossen hätten, die sich nicht auch für die Rechte der Palästinenser einsetzen wollten. Also habe ich die Israelis gefragt, wie sie sich für soziale Fragen interessieren könnten, ohne über die Lage der Palästinenser zu sprechen. Und ihre Antwort war: Wenn wir damit anfangen, spalten wir die Bewegung und zerstören sie. Das ist kollektive Schizophrenie. Denn die Zerstörung des israelischen Sozialsystems erfolgt ja deshalb, weil der Krieg und die Besatzung so viel kosten. Hinzu kommt die Unterstützung der Siedler. Die bekommen alles umsonst: Kindergärten, Schulen und so weiter. Die haben das israelische Sozialsystem gekapert. Aber das darf öffentlich nicht gesagt werden, obwohl es sich um ein demokratisches Land handelt.

Dath: Irgendwer ist verrückt genug, sich die Bundeswehr hinzuwünschen.

Cohn-Bendit: Ja, sicher, aber wenn es um Fragen israelischer Politik geht, sollten sich die Deutschen raushalten. Europa als Ganzes hat eine Schlüsselfunktion in dieser Frage. Dafür muss es sich aber seines Selbstverständnisses bewusst sein und den Anspruch haben, mehr zu sein als eine bloße Wirtschaftsgemeinschaft.

Žižek: Europa muss sich politisch verstehen. Alles Gerede davon, dass die gegenwärtige Krise eine rein wirtschaftliche wäre, fällt wieder ins alte Schema des kommunistischen Denkens vom Primat der Ökonomie zurück. Und was hätten wir dann für eine Alternative? Entweder das angelsächsische neoliberale Modell oder der neue Kapitalismus mit asiatischen Werten. Würden Sie gern in einer Welt leben, in der das die einzige Wahl ist? Ohne ein selbstbewusstes Europa wäre das der Fall. Unsere Unzufriedenheit über die europäische Entwicklung ist deshalb ein gutes Zeichen: Wir wissen, was auf dem Spiel steht.

Weitere Themen

Topmeldungen

Biden-Präsidentschaft, Tag 1 : Er hat sich viel vorgenommen

An seinem ersten Tag im Amt nimmt Joe Biden zahlreiche Regelungen von Donald Trump zurück. Der neue Präsident will den Klimaschutz voranbringen und den Kampf gegen Corona besser koordinieren – Hindernisse sind allerdings schon programmiert.

Party für den Präsidenten : Eine große Werbeveranstaltung für Joe Biden

Anstelle des traditionellen Balls wird für Joe Biden eine virtuelle Party mit vielen Stars veranstaltet. Doch das als gutgelaunte Feier getarnte Event entpuppt sich als PR-Video. Gerade im Fahrwasser der Trump-Regierung wirkt diese Lobhudelei befremdlich.
Infektion der anderen Art: Hacker erpressten die Funke-Mediengruppe durch sogenannte Ransomware.

Funke nach dem Cyberangriff : Wir haben ihre Daten!

Nachdem die Funke-Mediengruppe Ende Dezember Opfer eines Cyberangriffs geworden war, musste sie ihre gesamte IT-Struktur binnen weniger Wochen wieder aufbauen. Nun will man den Notfallmodus wieder verlassen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.