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Daniel Cohn-Bendit und Slavoj Žižek : Wir Europäer haben die Ressource der Aufklärung

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Žižek: Genau! Nachdem das also gelungen ist, wirtschaftlich und moralisch, wäre es da nicht an der Zeit, China mit den gleichen Maßstäben zu messen? Was machen die Chinesen denn in Burma oder in Afrika? Das ist doch auch Postkolonialismus.

Cohn-Bendit: China ist mit Russland das letzte wichtige Land, das Syrien verteidigt.

Žižek: Oder Zimbabwe und Sudan. Griechische Freunde haben mir erzählt, dass chinesische Investoren den Hafen von Piräus gekauft haben - in bester kapitalistischer Art.

Dath: Das ist eine andere Form der Occupy-Bewegung.

Žižek: Das sieht man auch daran, dass nicht nur China, sondern auch andere reiche asiatische Staaten im großen Stil Ackerland in Afrika aufkaufen. Und was die echte Occupy-Bewegung angeht: Das meiste daran scheint mir nicht durchdacht. Denkanstöße können nie schaden, aber das hier führt nur ins Negative. So wenig ich mit Alain Badiou übereinstimme, in einem Punkt hat er recht: Das zwanzigste Jahrhundert ist vorbei, also hat der Rückweg zu Dogmen wie dem Stalinismus oder dem Kommunismus keinen Zweck. Die ganze Fokussierung auf den Finanzkapitalismus als Wurzel des Bösen scheint mir falsch. Es steckt auch etwas potentiell Antisemitisches darin: Auf der einen Seite hat man einen gesunden Kapitalismus und auf der anderen einen degenerierten, den die Banker bestimmen. Das Problem sind aber nicht Banker, die sich schlecht benehmen, es ist das System, das sie dazu zwingt, sich schlecht zu benehmen. Was wir wirklich brauchen, ist ein vereinigtes Europa, das sein geistiges Erbe hochhält. Sonst bekommen wir solche Idioten wie Anders Breivik, den norwegischen Attentäter. Er ist wirklich ein „neuer Mensch“: Ihm gelingt es, zur selben Zeit antisemitisch und prozionistisch zu sein. Das gibt es auch auf der extremen Rechten in Amerika, zum Beispiel bei Glenn Beck von FoxNews.

„Was ich aus meiner realsozialistischen Vergangenheit gelernt habe: Pseudoradikalismus ist die schlimmste Form von Konformismus.“ Slavoj Žižek, geboren 1949
„Was ich aus meiner realsozialistischen Vergangenheit gelernt habe: Pseudoradikalismus ist die schlimmste Form von Konformismus.“ Slavoj Žižek, geboren 1949 : Bild: Röth, Frank

Dath: Da heißt es, wir müssen die Juden vor den Arabern retten, um sie dann zu taufen.

Žižek: Und einige meiner israelischen Freunde schätzen das, weil solche Fürsprecher ihnen freie Hand beim Umgang mit den Palästinensern gewähren. Dagegen wird das liberale Westeuropa gern als antisemitisch bezeichnet, während im postkommunistischen Osteuropa, wo die Nationalstaaten fröhliche Urständ feiern, der Antisemitismus wirklich wiederkehrt - und zwar stärker.

Cohn-Bendit: Das ist jetzt eine wilde Mischung von Fakten. Sie haben aber recht mit Ihrer Beobachtung, dass in manchen Staaten Osteuropas wie etwa Ungarn der Antisemitismus wieder aufkommt.

Žižek: Und in Polen! Denken Sie an Radio Maria, den katholischen Sender, den Ihre Institution, das Europäische Parlament, mitfinanziert hat.

Dath: Rein populistischer Antisemitismus geht immer, die Eliten sind meist noch etwas vorsichtiger.

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