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Daniel Cohn-Bendit und Slavoj Žižek : Wir Europäer haben die Ressource der Aufklärung

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Dath: Die Trennung verläuft da, wo man Ideen wichtiger nimmt als Ereignisse.

Žižek: Was haben Sie gegen Ideen? Mein Lieblingszitat von Hegel lautet sinngemäß: Der Peloponnesische Krieg hat deshalb stattgefunden, damit Thukydides sein Buch darüber schreiben konnte. Analog sage ich: Königin Elisabeth bestieg den Thron, um Shakespeare das Schreiben zu ermöglichen.

Dath: Dazu gibt es eine Anekdote darüber, wie James Joyce den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erlebte. Er schrieb damals an „Finnegans Wake“. Als er hörte, dass wieder ein Weltkrieg ausgebrochen sei, soll er gesagt haben: „Ach, wie schade. Dann wird niemand mein Buch lesen.“

Žižek: Dafür habe ich Sympathie. Mein Lieblingssatz von Marx stammt aus dem Jahr 1870. Als er wieder mal in der typisch linken Illusion gefangen war, die Revolution stünde unmittelbar bevor, schrieb er an Bebel: „Ich habe ,Das Kapital‘ noch nicht beendet. Können Sie diese Idioten nicht ein wenig bremsen?“

Cohn-Bendit: Wir leben doch heute in einer geradezu unglaublich utopischen Situation. Seit 1945 halten wir den Krieg für überwunden - unter Missachtung der Lehren aus der Geschichte. Und nun stecken wir in dieser Wirtschaftskrise und in der Mitte einer grundlegenden Transformation. Interessant daran ist, dass zwar Ulrich Beck oder Jürgen Habermas sich damit beschäftigen, aber noch keine umfassende Theorie zu diesem unglaublichen historischen Ereignis existiert.

Dath: Das ist, als hätte die Französische Revolution ohne Aufklärung stattgefunden.

Cohn-Bendit: Genau. Oder wie der Zusammenbruch des Sozialismus. Hunderttausende Seiten sind über den Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus geschrieben worden, aber wie viele Bücher haben wir, die die Transformation vom real existierenden Sozialismus zum Kapitalismus behandelt hätten? Nennen Sie mir nur eines. Ich kenne keins.

Žižek: Lassen Sie uns zu Europa zurückkommen. Ich glaube nicht an dieses europäische Selbstmitleid, wie schlecht hier alles sei. Europa bloß als Urheber des Kolonialismus? Nein, ich sehe Europa als Zentrum der Emanzipation. Dieser Kontinent hat die großartigste Tradition von allen.

Dath: Wir haben die Ressource Aufklärung, samt deren nötiger Selbstkritik.

Žižek: Ja! Und daran glaube ich. Derzeit schließen sich extreme Rechte und Linke, Vertreter postkommunistischer Staaten aus Osteuropa und solche aus dem lateinischen und griechischen Teil des Kontinents zusammen in ihrer Verachtung der Bürokratie in Brüssel. Ein Kritiker des Postkolonialismus wie Shahid Amin ruft uns zu: „Europa ruiniert euch, tretet aus!“ Aber wohin denn? Ich habe zurückgefragt, ob er meine, wir sollten uns einem solchen Musterdemokraten wie Lukaschenka anschließen? Da fing er an, auf China zu verweisen. Ich habe nichts gegen China. Aber nachdem George Bush der Jüngere es geschafft hat - und dafür verdient er ein Denkmal -, die einzige Weltmacht in einer ansonsten multizentrischen Welt herabzuwirtschaften...

Dath: George W. Bush bedeutete für die Vereinigten Staaten das, was der Erste Weltkrieg fürs Britische Empire war.

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