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Daniel Cohn-Bendit und Slavoj Žižek : Wir Europäer haben die Ressource der Aufklärung

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Žižek: In einem Aspekt stimme ich Ihnen zu: Ich war nie einer von den vereinfachenden Kritikern. Ein Beispiel: Wir können über Obama denken, was wir wollen, aber ich habe ungeachtet aller seiner nun erkennbaren Defizite weiterhin eine Schwäche für ihn. Denn die von ihm ausgelöste Diskussion über ein allgemeines Gesundheitssystem in den Vereinigten Staaten war extrem wichtig. Sie hat ans Zentrum der amerikanischen Ideologie gerührt: an all den Unsinn über freie Wahlmöglichkeiten und so weiter.

Dath: Dass man nur für sich selbst verantwortlich ist, dass es keine Verantwortung des Staates gibt . . .

Žižek: Wenn man von einem allgemeinen Gesundheitssytem spricht, kann doch niemand sagen, dass es sich dabei um eine radikalmarxistische Dummheit handelte. Und doch hat Obama damit gleichzeitig einen rein ideologischen Nerv berührt. Solche Themen brauchen wir: einerseits pragmatisch und andererseits ideologisch herausfordernd.

Dath: Und das ist der Unterschied zwischen Ihnen und Debord.

Cohn-Bendit: Eines würde ich mir aber von Ihnen wünschen: nicht gar so viele philosophische Termini wie in Ihrem letzten Buch. Man muss bei der Lektüre so hart arbeiten.

Žižek: Es war immer meine Überzeugung, dass der Leser sich schuldig fühlen muss!

Dath: Wenn die Situationisten über historische Ereignisse reden, nicht über Probleme oder Programme, sondern über wirkliche Ereignisse wie den Mai 1968, dann hat man das Gefühl, dass diese Ereignisse verschwinden - zugunsten der Theorie, der Ästhetik oder des Punks. Mit Ihren Büchern ist das anders.

Žižek: Was ich aus meiner realsozialistischen Vergangenheit gelernt habe, und das lässt mich Daniel Cohn-Bendits Tätigkeit als Parlamentarier akzeptieren: Manchmal ist Pseudoradikalismus die schlimmste Form von Konformismus; er meint eigentlich gar nichts.

Cohn-Bendit: Pseudoradikalismus ist radikaler Konservatismus.

Žižek: In Slowenien hatten wir zu kommunistischen Zeiten Berufsdissidenten. Die wussten, dass sie leicht auf Staatskosten zu westlichen Konferenzen fahren und dort den Kommunismus kritisieren konnten, solange ihre Kritik nur nicht zu konkret wurde. In Jugoslawien war es in den siebziger Jahren viel radikaler, die Änderung eines Gesetzes zu verlangen, als zu sagen, dass der Kommunismus die schlimmste Form des Totalitarismus ist.

Cohn-Bendit: Ich möchte noch mal zu Obama zurück. Sein Einsatz für ein Gesundheitssystem ist das eine, aber was mich wirklich beeindruckt hat, war seine Rede zur Rassenfrage. Ich war in Amerika, als er sie hielt, und ich habe geweint.

Žižek: Ich auch. Aber was ich wirklich nicht verstehe, sind diese Linken, die sich von ihm einen neuen Sozialismus erhofft haben und dann enttäuscht worden sind. Was haben sie erwartet - bei den ideologischen Bedingungen in Amerika, unter denen Obama arbeitet?

Cohn-Bendit: Wenn man den bible belt und die Realität dessen, was man das „wahre Amerika“ nennt, sieht, sind die Unterschiede zwischen Weißen und Farbigen immer noch unglaublich. Das macht Amerika so schwer regierbar. Obama kann aber mit mehr Berechtigung als andere darüber sprechen, weil er als Sozialarbeiter in Chicago gearbeitet hat.

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