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Daniel Cohn-Bendit und Slavoj Žižek : Wir Europäer haben die Ressource der Aufklärung

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Dath: Es ging ihnen, um mit Marx zu reden, um den Hauptwiderspruch.

Cohn-Bendit: Ja, das war die Sicht von Marx auf die bürgerliche Revolution. Aber wie bewertet man historische Entwicklungen, wenn es um ein spezifisches Ereignis geht? Das ist auch die Frage, um die es im Fall der Occupy-Bewegung geht. Wenn man mit deren Vertretern diskutiert, dann sagen die: Das Bankensystem ist von Grund auf verkehrt. Aber sie haben keine Alternative dazu parat. Und sie suchen auch keine. Die Occupy-Bewegung hat das System satt, und das wollen sie herausschreien. Und ich kann sie verstehen. Wir leben in einer Situation, wo jeder programmatische Lösungsansatz mit einer derart komplexen Wirklichkeit konfrontiert ist, dass er notwendig unterkomplex wirkt.

Žižek: Bleiben wir mal beim Unterschied zwischen pragmatischen und normativen Ansätzen. Meine Vermutung zu den sogenannten Pragmatisten ist, dass es sich heimlich doch um Normativisten handelt. Wenn ich mir ihre ökonomischen Vereinfachungen und liberalen Vorstellungen ansehe, falle ich immer in ein altes linkes Reaktionsschema zurück: Wer davon spricht, eine Sache mal ganz simpel zu betrachten, der handelt auch im Interesse einer Ideologie.

Cohn-Bendit: Das stimmt. Nehmen wir nur Angela Merkels Haltung zu Eurobonds: Ihre Ablehnung dieses Finanzinstruments ist rein ideologisch, es hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun.

Žižek: Ja, und denken Sie an all die Proteste gegen die Wall Street. Ich halte sie für naiv und hege keine Träume von totaler Revolution, aber sind das nicht auch – das mag ein Rest meiner linken Vergangenheit sein – Zeichen an der Wand? Menetekel für das ganze Paket an Krisen, das unser System erschüttert – von der Ökologie über die Finanzmärkte bis zum Urheberrecht? Jeder gute Kapitalist wird Ihnen erklären, dass die Frage des Urheberrechts unlösbar ist. Denken Sie nur an die Biogenetik und ihre unabsehbaren Möglichkeiten. Wenn ich dann zu den Protestlern in der Wall Street gehe, und Ihnen als der alte Faschist, der ich bin . . .

Cohn-Bendit: Das sind Sie doch gar nicht. Wissen Sie, woran Sie mich erinnern?

Žižek: Jetzt sagen Sie bloß nicht, an die Marx Brothers! Das sagen nämlich alle.

Cohn-Bendit: Nein, Sie erinnern mich an die Situationisten. Sie sind eine optimistische Version von Guy Debord.

Žižek: Wenn Sie so reden, sehe ich Sie schon das Messer wetzen.

Cohn-Bendit: Nein, nein, die Situationisten haben mich damals gehasst, weil ich ein Reformist war. Das Problem mit ihnen war, dass sie zu zwölft begonnen hatten, denen aber dann das Wichtigste war, erst einmal sechs von ihnen mit Stumpf und Stil auszumerzen.

Dath: Genau. Die gesamte Geschichte des Situationismus ist eine des Schismas.

Žižek: Das ist wie bei den Anarchisten. Je mehr sie für anarchistische Werte eintreten, desto weniger gelten sie in den eigenen Organisationen.

Cohn-Bendit: Und Sie sind eine Mischung aus Situationist und Punk.

Žižek: Na ja, es stimmt, dass ich gern Rammstein höre.

Cohn-Bendit: Nein, Sie sagen, dass wir keine Chance haben und deshalb die Gesellschaft provozieren müssen, um eine zu bekommen.

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