https://www.faz.net/-gqz-6wbhg

Daniel Cohn-Bendit und Slavoj Žižek : Wir Europäer haben die Ressource der Aufklärung

  • Aktualisiert am

Cohn-Bendit: Sie nimmt Molières Stück, versetzt es in die muslimische Welt und ändert nicht ein einziges Wort. Tartuffe ist kein Katholik, sondern ein Muslim.

Žižek: Mein Traum wäre, die „Antigone“ in brechtscher Manier als dreifaches Lehrstück umzuschreiben, in drei Versionen. Wie bei Kieslowski oder in Tom Tykwers Spielfilm „Lola rennt“. Erste Version: Die Story bleibt, wie wir sie kennen. Zweite Version: Antigone überzeugt Kreon, und man beerdigt den Bruder. Danach passiert, was Kreon befürchtet hat: Rebellion, die Stadt liegt in Schutt und Asche, und Antigone geht und sagt etwas wie „Ich wurde für Liebe geschaffen, nicht für den Krieg“. Aber genau den hat sie geschaffen. Dritte Version: die stalinistische. Der Chor, normalerweise dumm, tritt vor, konstituiert sich als jakobinischer Wohlfahrtsausschuss, verhaftet Kreon und Antigone und errichtet die Diktatur.

Dath: Und der Stalinismus entfernt die Leiche des Polyneikes aus allen Fotos, es hat sie nie gegeben.

Žižek: Richtig, die Frage wird sein: welche Leiche?

Dath: Aber betrachten wir einmal den Gegensatz zwischen Totalitarismus und Demokratie, wie das im Kalten Krieg der Fall war, als man sagte: Demokratie ist etwas Deskriptives, das ich messen und beobachten kann. Dann gibt es eine Checklist, wie sie das State Department damals ja wirklich besaß, und jedes Land wird überprüft: Wählen sie so wie wir, machen sie dies, machen sie das, wenn ja, dann ist es eine Demokratie, wenn nein, dann nicht. Was dabei beiseitegelassen wurde, ist, dass Demokratie im emphatischen Sinn gar kein beschreibender Begriff ist, sondern ein normativer. Man findet sie nicht einfach irgendwo – im alten Athen oder sonst wo –, sondern Demokratie ist eine Idee, nach der man strebt, die man verwirklichen will, ein Programm. Das Interessante ist doch derzeit, dass niemand ein Programm hat. Alle sagen nur: Wenn wir dies nicht tun, kollabieren die Märkte, wenn wir jenes nicht tun, kommt ein Krieg. Gibt es irgendeinen Weg, die normative Dimension zurückzuerobern? Ist es möglich, die Leute dazu zu kriegen, darüber zu reden, was wünschenswert ist – als Gegengewicht zu technokratischen Autoritäten, die sich als Problemlöser inszenieren, die dafür dann Lösegeld wollen?

„Der permanente Ausnahmezustand wird zum permanenten Nichtzurkenntnisnahmezustand.“ Dietmar Dath, geboren 1970
„Der permanente Ausnahmezustand wird zum permanenten Nichtzurkenntnisnahmezustand.“ Dietmar Dath, geboren 1970 : Bild: Röth, Frank

Cohn-Bendit: Ihre Beschreibung der Lage trifft zu. Wir verlangen von unseren Politikern, Probleme zu lösen, und die sagen uns, sie wüssten ja gar nicht, welche. Was dahinter steht, ist die Tatsache, dass in den letzten vierzig Jahren jede programmatische Politik gegen die Wand gefahren wurde. Deshalb sind Politiker so skeptisch gegenüber Programmen: Sie haben Angst, die Realität zu vernachlässigen. Das beste Beispiel dafür war die Debatte über die Verfassung der Europäischen Union. Die Linken haben den Entwurf damals im Europäischen Parlament als neoliberal zurückgewiesen. Es ging heftig zu, und teilweise lagen die Linken ja auch nicht falsch. Aber ihre Argumente waren ahistorisch. Dann gab es aber einen anderen Teil der Linken, zum Beispiel meinen Freund Antonio Negri, der vehement für die Verfassung eintrat. Für diese Linken war sei nämlich eine einmalige Chance, um den Nationalstaat zu überwinden.

Weitere Themen

Topmeldungen

Ob er gerade spielt? Ramelow im Juli 2020 im Thüringer Landtag

PR-Profis auf Clubhouse : Besser als „Bodo“

Clubhouse gilt als Trend-App und hat in Deutschland nun das erste PR-Desaster verursacht. Wie verhält man sich richtig in den virtuellen Quasselrunden? Wie aktiv sind die PR-Agenturen schon? Und lohnt es sich, dabei zu sein?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.