https://www.faz.net/-gqz-ytmd

Daniel Buren in Baden-Baden : Die Enthüllung

  • -Aktualisiert am

Kritiker haben ihm Banalität vorgeworfen, doch Daniel Buren gibt nicht auf. In Baden-Baden sieht man warum sein Werk unverzichtbar ist. Mit seiner bekanntesten Form ist er vorsichtiger geworden.

          Die Bedeutung des selbstbestimmten Sehens und Erkennens nimmt in unserer digitalen Gesellschaft massiv zu. Ein Künstler, der sich der Wahrnehmung verschrieben hat, ist Daniel Buren. Mit ungebrochener Aktivität vollzieht er seine Setzungen seit 1966, als er zusammen mit Olivier Mosset, Michel Parmentier und Niele Toroni die Gruppe B.M.P.T. gründete und die Kunst aus den Museen auf die Straße holte. Wer Buren sagt, meint zunächst Streifen, jeweils 8,7 Zentimeter breit, abwechselnd weiß und farbig.

          Er hat sich damals dieses visuelle Werkzeug angeeignet und es nicht mehr aufgegeben: Streifen, die er von Markisenstoffen übernahm; die er überall aufmalt, hinklebt, installiert und inszeniert auf Wänden, Zäunen, Fahnen, Fenstern, Fahrzeugen, manchmal auch auf Leinwänden oder Rolltreppen, Fassaden, Bussen, Pferden, Segelbooten. Mal drängen sie sich dem Passanten auf, dann werden sie einfach übersehen.

          So soll es sein. Denn Buren, 1938 in Boulogne-Billancourt geboren, hat in ihnen sein „Nullniveau“ gefunden, das ästhetische Minimum erfüllt für ihn einen maximalen Zweck: Seine Installationen sind visuelle Werkzeuge, die mit einer gegen Null tendierenden Aussage die Aufmerksamkeit von sich selbst weg auf den Ort ihrer Anbringung lenken. Seit den sechziger Jahren zog Daniel Buren viele Streifen. Er war bei Harald Szeemanns Documenta 5 im Jahr 1971 dabei, stellte im Guggenheim Museum 1972 aus, realisierte 1985/86 in der Pariser „Cour d'Honneur du Palais Royal“, unter dem Büro von François Mitterrands Kulturminister Jack Lang, seine gestreiften Säulen.

          Seine Werke sind heute (fast) unzählbar - Buren führt akribisch Buch. Jetzt hat er die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden okkupiert. Es ist keine Retrospektive geworden, wie man sie für einen Künstler in seinem Alter und mit seinem Ruhm erwarten dürfte: Buren arbeitet grundsätzlich „in situ“, das heißt, seine Werke werden in ihre Umgebung, den Raum eingepasst und funktionieren nur an diesem einen Ort - für die Dauer der Ausstellung. Sie sind nicht zu archivieren. Nur Fotos ermöglichen die Erinnerung; sie sind das Souvenir.

          Das Gebäude wird selbst zum Thema der Kunst

          Daniel Buren hat das vollständige Museumsgebäude in Beschlag genommen: vom Café bis in den allerletzten Winkel und darüber hinaus in die Straßen der Stadt, wo seine gestreiften Fahnen wehen. Es ist gleichzeitig die Abschiedsvorstellung von Direktorin Karola Kraus, die nach Wien ans Museum Moderner Kunst wechseln wird. Gemeinsam mit der Kuratorin Cora von Pape hat sie ihr Museum erfahrbar, begreifbar gemacht.

          Eine schöne Geste. Die Installation erinnert an Christos Verhüllung des Reichstags in Berlin. Durch die Verkleidung der Innenräume mit Streifen, Spiegeln, Glas und anderen transparenten Materialien wie Folien oder Silberpapier wird das Haus selbst zum Thema der Kunst. In Baden-Baden öffnet sich vor dem Auge eine farbige Welt, in der sich Decken und Böden und der Besucher in abstrakten Formen auflösen, er sich selbst bespiegelt.

          Zwischen Anstrengung und Erholung

          Das Ausstellungshaus hat keine eigene Sammlung und wurde 1909 nach Plänen von Hermann Billing umgesetzt: Nun kehrt es sein Inneres nach Außen, seinen Grundriss, die Türen, Oberlichter, Wandaufrisse, die architektonischen Grundstrukturen. Nach einem Besuch der Ausstellung kennt der Besucher die Geometrien, die überraschend variablen Formen des auf den ersten Blick strengen Gebäudes.

          Weitere Themen

          Goldener Bär für „Synonymes“ Video-Seite öffnen

          Israelischer Film : Goldener Bär für „Synonymes“

          Der israelische Regisseur Nadav Lapid ist von der Berlinale-Jury für seinen Film „Synonymes“ mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet worden. Deutschland wurden am Samstagabend in Berlin auch zwei deutsche Regisseurinnen ausgezeichnet.

          Abschied für Dieter Kosslick Video-Seite öffnen

          Berlinale 2019 : Abschied für Dieter Kosslick

          Nach 18 Jahren als Berlinale-Direktor lässt Dieter Kosslick die Stimmung auf dem roten Teppich noch mal so richtig auf sich wirken. Bei seinen letzten Filmfestspielen als Leiter wird „Synonymes“ mit dem goldenen Bären geehrt. Darin geht es um einen jungen Israeli, der in Paris eine neue Identität sucht.

          Topmeldungen

          Wenn Details stören : Weiß die SPD, was Hartz IV ist?

          Mit ihrem neuen Sozialstaatskonzept schielt die Partei auf Wähler. Besser wäre, sie schaute auf die Wirklichkeit. Denn die Statistiken verraten so einiges über Hartz IV – sowohl positive als auch negative Entwicklungen.

          AfD-Chef : Gauland will den Verfassungsschutz abschaffen

          Die AfD-Parteijugend zieht Konsequenzen aus der Einstufung als „Verdachtsfall“ durch den Verfassungsschutz und ändert ihre Satzung. Und AfD-Chef Gauland spricht sich für die Abschaffung der Behörde aus – wegen ihres Gutachtens über seine Partei.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.