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Damien Jalets „Thr(o)ugh“ : Taugt Tanz als Traumatherapie?

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Als wäre es ein Bild von Hieronymus Bosch – Szene aus Damien Jalets Tanztheaterstück „Thr(o)ugh“. Bild: ©Bettina Stöß

Angelehnt an die Anschläge vom 13. November 2015 in Paris begeistert der Choreograph Damien Jalet in Darmstadt mit seinem Stück „Thr(o)ugh“ bildintensiv und bedrohlich – ohne eine Spur von Selbstmitleid.

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          Aus künstlerischen, nicht etwa aus finanziellen Gründen proklamierten 2013 die hessische Kunstministerin Eva Kühne-Hörmann sowie die designierten Intendanten der Staatstheater Darmstadt und Wiesbaden, Karsten Wiegand und Uwe Eric Laufenberg, solle aus den bis dahin bestehenden zwei Tanzensembles eines werden. Zuständig für dieses neu gegründete „Hessische Staatsballett“ sind seit der Spielzeit 2014/2015 der choreographierende Ballettdirektor Tim Plegge und Bruno Heynderickx als Kurator. Die Bilanz bisher: durchwachsen. Tim Plegges Kreationen schwanken zwischen dem inspirierten, vielversprechenden und mit leichter Hand choreographierten Stück „Vom Anfang“ und einem zäh erzählten Handlungsballett, wie man es zuletzt bei „Kaspar Hauser“ erlebte.

          Die Gastchoreographen des Hessischen Staatsballetts allerdings, die – wie etwa Richard Siegal, mit der Uraufführung von „Liedgut“ zu Musik von Atom, oder Alexander Ekman mit der Deutschen Erstaufführung von „Left Right Left Right“, oder auch Hofesh Shechter mit seinem Erfolgsstück „Barbarians“ – den Spielplan schmücken, beweisen die Vielseitigkeit der Tänzer. Dass der Tanz bei den traditionellen Maifestspielen in Wiesbaden in diesem Jahr nur noch mit drei Gastspielen vertreten ist, macht dennoch nachdenklich.

          Selbstverliebte Choreographie bleibt hinter sich zurück

          Der neue Ballettabend „Grenzgänger“ aber, der in Darmstadt zur Uraufführung kam, ist zumindest im zweiten Teil aufsehenerregend. Verpflichtet wurden zeitgenössische Choreographen der jungen Generation. Da ist der in Brüssel geborene franko-belgische Choreograph Damien Jalet (Jahrgang 1976), der zuletzt mit Sidi Larbi Cherkaoui sowie der Performance-Künstlerin Marina Abramović und dem Modeschöpfer Riccardo Tisci an der Opéra Garnier in Paris einen atemberaubenden „Boléro“ mit tanzenden Knochenmännern rockte. Und da ist Marcos Morau (Jahrgang 1982), der vor zwei Jahren eine Entdeckung beim sonst eher behäbig programmierten Festival „Tanz im August“ in Berlin war.

          Morau widmet sein Stück „Ariadna“, der Tochter des kretischen Königs Minos, die Theseus half, den Minotaurus zu besiegen. Sie liegt als riesige Skulptur auf einem rotierenden Sockel. Ein inhaltlicher Zusammenhang zur griechischen Sage ist freilich kaum nachvollziehbar. Zwar klopfen und rufen Tänzer an einer Tür, dass sie hinauswollen. Ja, auch dem Helden Theseus ging es so in dem Labyrinth, und er durfte Ariadnes rotem Faden folgen. Hier aber ist kein Irrgang, und es erschließt sich nicht, wo hinaus die Tänzer eigentlich wollen. Ariadne sei die Visualisierung seiner Gedanken und Ideen in Bezug auf den großen Diskurs über Gegenstand und Zweck der Kunst, verrät Morau im Programmheft. Na dann. Was wir sehen, sind lediglich eine imposante Plastik und Tänzer, die mit merkwürdigen Pilzkopfperücken zu orientalisch angehauchter Musik nervös um die schlafende Ariadne herumzappeln, an ihr kratzen oder einigermaßen untätig in der Ecke stehen. So versandet die griechische Mythologie im uneingelösten hohen Anspruch einer selbstverliebten Choreographie.

          Gefahr als Katharsis

          Damien Jalets „Thr(o)ugh“ bildet den zweiten Teil des Abends. Der New Yorker Künstler Jim Hodges schuf das Bühnenbild und der österreichische Komponist Christian Fennesz die Musik. Das Stück ist unter den Eindrücken des Attentats in Paris am 13. November 2015 entstanden. Dem ist Damien Jalet selbst nur knapp entkommen, als er vor einem der attackierten Restaurants stand und weglief als er einen der Attentäter neben sich stehen sah. Kurz darauf folgten die Bombenanschläge in seiner Heimatstadt Brüssel.

          Tanz also als Traumatherapie? Nein. Jalets Werk ist völlig frei von Selbstmitleid oder ausgestellter Symbolik. Ein riesiges zylinderfömiges Objekt liegt durchlöchert in der Mitte des Bühnenraums. Grelles Licht blendet, markante minimalistisch technoide Beats pulsieren aus den Boxen. Durch das zylindrische Gebilde flüchten panisch Menschen, der Tunnel, ein vermeintlicher Weg nach draußen, ist eng. Es sind viele, sie drängeln, rudern mit den Armen, um schneller zu werden, stürzen und fallen. Die tarnfarbenen weiten Jacken und Hosen, die der belgische Modesigner Jean-Paul Lespagnard entworfen hat, suggerieren eine kriegerische Situation. Das Rohr auf der Drehbühne scheint die Tänzer zu verfolgen, zu fokussieren. Es interagiert mit dem Tanzensemble.

          Ursprünglich wollte Damien Jalet „Onbashira“, ein japanisches Ritual in den Vordergrund stellen. Bei diesem Ritual reiten Männer alle sechs Jahre auf gewaltigen Baumstämmen steile Bergabhänge hinunter und begeben sich dabei in Todesgefahr. Gefahr als Katharsis. „Thr(o)ugh“ mit seinen bildintensiven Szenen und der bedrohlich flirrenden Musik ist ebenfalls kathartisch angelegt, aber nicht durchgehend düster. Aus dem tanzenden Rohr erscheint plötzlich, wie aus der Welt gefallen, ein kleiner Geist in einem aluminiumfarbenen Gewand. Ein Wesen, das alles um sich herum in das Gebäude einzusaugen scheint. Der Tunnel wird mit seinem gleißenden Licht schließlich zum tröstenden Zufluchtsort. Damien Jalet kreiert ein Bild, das deutlich an Hieronymus Boschs „Aufstieg in das himmlische Paradies“ erinnert.

          Die Tänzer des Hessischen Staatsballetts hängen kopfüber von außen in den Einschlaglöchern des Rohres, andere stehen im Innern und rollen das Rohr langsam vor und zurück. Minutenlange Millimeterarbeit. Fehltritte sind lebensbedrohlich. Am Ende dieser knapp vierzigminütigen, aufsehenerregenden Performance formiert sich das Ensemble hintereinander in dem Zylinder. Arme und Beine der Tänzer, ihre ganzen Körper überlagern sich, schwingen bald in die eine, bald in die andere Richtung – als wäre der „Vitruvianische Mensch“ von Leonardo da Vinci plötzlich zum Leben erweckt worden. Apotheose des Humanen in einer großartigen Choreographie.

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