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Dänemark nach den Anschlägen : Unser Land hat sich selbst radikalisiert

  • -Aktualisiert am

Spuren des Hasses: Einschusslöcher in einem Fenster des Krudttønden-Cafés in Kopenhagen. Bild: Reuters

Das politische Klima Dänemarks ist vergiftet: Nach dem Attentat von Kopenhagen stehen die Muslime unter Generalverdacht. Aber sie sind gar nicht das Problem. Ein Gastbeitrag

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          Nun kam der Buhmann doch noch. Zehn Jahre lang haben wir von unseren Verteidigungsministern gehört, dass er aus Afghanistan kommen würde. Ein analphabetischer Taliban, der Europa nicht auf der Weltkarte finden könnte, würde eines Tages an der Station Nørreport mit einem Rucksack voller Sprengstoff stehen und, vom Feuereifer des Islam erfüllt Dutzende Unschuldige mit sich in den Tod reißen. Aber er kam nie, obwohl wir für zwanzig Milliarden dänische Kronen in seinem Land Krieg geführt haben - um zu verhindern, dass er kommt. Stattdessen war es ein anonymer Täter, der eine Diskussionsveranstaltung zur Meinungsfreiheit und eine Synagoge angegriffen hat, bevor ihn die Kugeln der Polizei trafen. Er hatte eine Postadresse im Kopenhagener Stadtteil Nørrebro.

          Mit wem sollen wir jetzt Krieg führen? Mit dem Islam? Mit der Viertelmillion muslimischer Mitbürger, die sich bereits über die Landesgrenze eingeschlichen haben? Mit den jungen Nachkommen der Einwanderer, von denen es heißt, sie seien unangepasst? Mit all denen, die nicht mit der Hand auf der Bibel zu schwören bereit sind, dass sie für die dänische Kultur mit brauner Soße und Kartoffeln einstehen? Heute wird Dänemark durchgezählt. Und dabei muss eine Viertelmillion Muslime vortreten und sich distanzieren. Sonst stehen sie unter Verdacht. Sie alle werden beschuldigt, bis sie das Gegenteil bewiesen haben.

          Noch drei Stunden nach dem ersten Attentat hat niemand etwas von Dänemarks Ministerpräsidentin gehört. Frankreichs Staatspräsident François Hollande hat sich geäußert. Helle Thorning-Schmidt nicht. Dann endlich wird eine Pressemitteilung veröffentlicht, die klingt, als wäre sie vom wachhabenden Polizeiinspektor verfasst worden. „Vieles deutet auf ein politisches Attentat und damit auf eine Terrorhandlung hin“, erklärt die Ministerpräsidentin als Echo auf die Spekulationen der Medien. Zu keinem Zeitpunkt tritt sie am Samstagabend im Fernsehen auf, um zum dänischen Volk zu sprechen. Den Bürgern der Nation teilt sie halbherzig mit, dass „sie leben sollen wie bisher“.

          Drei Stunden später eine Pressemitteilung: Wo war Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt, als Dänemark Führung nötig hatte?
          Drei Stunden später eine Pressemitteilung: Wo war Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt, als Dänemark Führung nötig hatte? : Bild: AFP

          Eine moralische Leerstelle

          Nach dem 11. September 2001 forderte der damalige Präsident der Vereinigten Staaten, George W. Bush, die Amerikaner auf, unangefochten weiter einkaufen zu gehen. Will uns Helle Thorning-Schmidt das Gleiche sagen? Steht dem wirtschaftlichen Aufschwung nicht im Weg. Macht weiter, als wäre nichts geschehen. „Das Dänemark, das du kennst, will ich bewahren“, heißt es auf Plakaten mit ihrem Porträt, die in diesen Wochen überall im Land hängen.

          Nach Anschlägen : Trauerfeier in Kopenhagen

          Was auch immer sie uns mit ihrer sauerstoffarmen Mitteilung sagen will, eines ist klar: Am Samstagabend, als in Kopenhagen die Schüsse fielen, war Dänemark ohne Führung. Wo sich die Ministerpräsidentin hätte befinden sollen, war eine moralische Leerstelle. Es ist wichtig, alles über den Täter und seine Motive zu erfahren. Ist er ein zurückgekehrter Syrien-Krieger? Liegt der Infektionsherd im Ausland? Aber es gibt auch eine Frage, die ebenso wichtig ist: Wer sind wir als Nation?

          Als selbstradikalisiert werden wir den Täter möglicherweise bezeichnen. Aber kein Mensch ist eine Insel, so dass seine Motive und seine Inspiration von vielen Seiten kommen könnten. Könnten wir selbst einer der Infektionsherde sein? Ist Dänemark eine selbstradikalisierte Nation? Dänemark und Großbritannien sind die einzigen europäischen Länder, die in den vergangenen zwölf Jahren an den vier Kriegen im Irak, in Afghanistan, in Libyen und nun gegen den „Islamischen Staat“ teilgenommen haben. Dänemark ist neben mit Belgien und Großbritannien das europäische Land, von dem aus, relativ gesehen, die meisten Krieger nach Syrien gegangen sind.

          Das tolerante Dänemark verstummt

          Dänemark ist unbestritten das Land in Europa, das in seinem Parlament die stärkste fremdenfeindliche Rechtspartei hat, die Danske Folkeparti. Es zeichnet sich ab, dass die Danske Folkeparti bei der nächsten Wahl zur stärksten Kraft wird, und ihre Sicht auf Fremde wird von einer Mehrzahl der Parteien im Folketing geteilt, darunter der Sozialdemokratie. Ist es Zufall, dass der Terrorfunke von Paris nach Kopenhagen übersprang?

          Das Problem der Meinungsfreiheit in Dänemark war nie, dass sie missbraucht worden ist. Das Problem besteht darin, dass sie nicht ausreichend genutzt wird. Dass nicht genügend Dänen Einspruch erheben. Wenn Politiker des rechten dänischen Flügels zu den schlimmsten Demagogen Europas zählen, ist das kein Problem der Meinungsfreiheit. Es ist vielmehr ein Problem für die Würde und die Verantwortung, die immer mit einem demokratisch gewählten Amt einhergehen sollte. Aber Begriffe wie Würde und Verantwortungsgefühl lassen sich heutzutage unmöglich mit der Mehrzahl der dänischen Politiker in Verbindung bringen.

          Es gibt noch immer ein offenes und aufnahmebereites Dänemark, eine Zivilgesellschaft, die versucht, die Mauer zu durchbrechen, die von Medien und Christiansborg gezogen wird. Aber dieses tolerante Dänemark wird von keinem Politiker angesprochen. Es wird von keiner Partei ermuntert. Es wird nicht aufgefordert, vor den Mikrofonen zu sprechen. Dieses tolerante Dänemark ist dabei, zu verstummen, und von morgen an wird der Abstand zu den Mikrofonen größer sein als je zuvor.

          Kälte in den Herzen

          Als am Samstagnachmittag das Terrorattentat stattfand, war die fehlende Überraschung das Bemerkenswerteste an den Reaktionen in den sozialen Medien. Alle hatten so etwas erwartet. Wir sind ein Land, das in zwei Jahrzehnten zielgerichtet auf die Konfrontation zugesteuert ist. Nun haben wir sie. Unsere Politiker haben uns darauf vorbereitet. Und wir haben die Einwanderer, Flüchtlinge und ihre Nachkommen in einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung darauf vorbereitet: Hinter dem Schleier, hinter dem Vollbart, innerhalb der Mauern der Moscheen seid ihr doch so. Die Gewalt liegt auf der Lauer - in eurer Religion, in eurer Kultur, in eurer Geschichte, in eurem Zorn, in eurem Geist.

          In den Diskussionen, die auf den Terrorangriff auf „Charlie Hebdo“ folgten, wurde in Dänemark niemals zwischen Satire und Hetze unterschieden. Ich habe die Zeitschrift nicht gelesen, aber ich glaubte dem Chefredakteur Stéphane Charbonnier, als er erklärte, „Charlie Hebdos“ Satire sei warmherzig und komisch. Doch das meiste, was heutzutage über Muslime und ihre Religion gesagt wird, ist weder warmherzig noch komisch. Es ist bösartige, das Menschliche reduzierende Demagogie.

          Ich schätze an der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, dass sie die Hintermänner der rechtsradikalen Protestbewegung Pegida als Menschen mit Hass und Kälte in ihren Herzen bezeichnet hat - eine Äußerung, für die sie sich in Dänemark hätte entschuldigen müssen, wenn sie noch irgendeine Zukunft als Politikerin hätte haben wollen. Es sind die kalten Herzen, die auf beiden Seiten der Frontlinie nun die Tagesordnung im selbstradikalisierten Dänemark festsetzen.

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