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Fußball-EM im Fernsehen : Schweigen

Fußball-Kommentator Béla Réthy Bild: dpa

Als der Spieler Christian Eriksen während der EM-Partie Dänemark gegen Finnland zusammenbrach, schien die Fußballwelt stillzustehen. Doch dauerte es nicht lange, da kam das ZDF in die Kritik. Berechtigterweise?

          2 Min.

          Für sein Schweigen ist der ZDF-Sportkommentator Béla Réthy gemeinhin nicht bekannt. Bei dem EM-Spiel zwischen Dänemark und Finnland am vergangenen Samstag aber schwieg er. Denn was sich auf dem Platz ereignete, bedurfte keiner Worte.

          Der dänische Spieler Christian Eriksen war zusammengebrochen und musste wiederbelebt werden. Es ging um Leben und Tod. Es ging nicht darum, wer dieses Spiel gewinnt. Es ging um Hoffen und Bangen, um Anteilnahme, die Spieler, Zuschauer und Reporter zeigten, nicht um Voyeurismus.

          Den aber hielt der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands, Frank Überall, der zu oft und zu schnell einstimmt, wenn Empörung über vermeintlich Anstößiges laut wird, dem ZDF sogleich vor. Dessen Sportchef Thomas Fuhrmann führte an, man habe „immer die richtige Tonlage gefunden“. Auch der für die über den europäischen Fußballverband UEFA zentral an die Sender gelieferten Bilder verantwortliche Regisseur nahm für sich in Anspruch, mit den Kameraeinstellungen angemessen umgegangen zu sein.

          Das fand der Medienwissenschaftler Christoph Bertling von der Sporthochschule Köln im Großen und Ganzen auch, kritisierte aber eine bestimmte Nahaufnahme. Die Kommunikationswissenschaftlerin Jana Wiske von der Hochschule Ansbach hob sowohl Béla Réthys Schweigen wie die Arbeit des übrigen ZDF-Teams positiv hervor: „Es ging um das Leben eines Menschen, nicht mehr um Fußball.“ Manche sahen also offenbar genauer hin.

          Unter besondere Beobachtung und in die Pflicht genommen werden Sender und Journalisten bei einem solchen tragischen Vorfall nicht nur um ihrer selbst willen, sondern auch gewissermaßen als Stellvertreter des europäischen Fußballverbands UEFA. Also der Organisation, die für die Austragung der Spiele verantwortlich ist und die EM trotz Pandemie mit Zuschauern im Stadion, über ganz Europa verteilt, durchgedrückt hat. Die nicht verhindern konnte, dass die russische Regierung dem Sportexperten der ARD, Robert Kempe, die Akkreditierung verweigert hat und ihn erst nach Protesten ins Land lässt.

          Die den Mannschaften von Dänemark und Finnland die Entscheidung überlassen hat, ob die Partie fortgesetzt werden sollte, und eben nicht selbst entschied, einen neuen Termin anzusetzen. Das hätte nicht nur den geschockten Spielern gutgetan.

          Wie hieß es noch gleich? „Es ging nicht mehr um Fußball.“ Um Fußball geht es, das wissen selbst die eingefleischtesten Fans, bei der Europameisterschaft und mehr noch bei der bevorstehenden Weltmeisterschaft in Qatar bestenfalls auch. In erster Linie geht es um Macht, Geld und Geltungsbedürfnis, um die Durchsetzung von Interessen gegen jede Vernunft und bar jeder moralischen Verantwortung.

          Wäre es anders, würde nicht jetzt vor Tausenden in den Stadien gespielt und würde nicht in Qatar gekickt. Wird es aber. Weil die Freude an diesem Sport die Bedenken überwiegt, spätestens, wenn der Schiedsrichter das Spiel der „eigenen“ Mannschaft anpfeift. Wer damit brechen will, darf nicht einschalten. Das Schweigen eines Reporters hingegen ist nur angemessen.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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