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Gina Thomas (G.T.)

Die Rettung des Dackels : Qualzucht fürs Selfie

  • -Aktualisiert am

Mark Twain hätte ihm am liebsten ein paar weitere Beine angeschraubt. Doch der Dackel muss mit seiner seltsamen Anatomie leben. Bild: dpa

Dackel sind dank der sozialen Netzwerke beliebter denn je – und werden, um möglichst viele Klicks zu erhalten, mit immer extremeren Proportionen gezüchtet. Doch damit soll jetzt Schluss sein.

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          Schwer gebeutelt von einer Fehlinvestition, brach Mark Twain 1895 zu einer einjährigen Tournee durch die Länder des britischen Empire auf, um seine Finanzen durch Vorlesungen zu sanieren. Bei eine Zugreise in Indien begegnete er einem Herrn mit einem „ganz bemerkenswerten Hund“, der „überaus lang“ war. Die Beine waren „dafür erschreckend kurz und dabei nach innen gewölbt wie falsch herum gesetzte Klammern“. Twain mutmaßte, der Vierbeiner sei nach einem Plan gemacht worden, „der Länge und Tiefe zum Ziel hatte“. Obwohl er behauptete, als Katzenfreund nichts von Hunden zu wissen, meinte er, „doch ein paar grundlegende Schwächen“ zu erkennen, „insbesondere was die Distanz zwischen den vorderen und hinteren Tragestützen betraf“. Twain dachte sich, dass der Rücken dieses Hundes im Laufe der Jahre unweigerlich einsinken werde. Nach seinem Dafürhalten wäre er „ein besserer und stärkerer Hund, hätte man ihn mit ein paar Beinen mehr versehen“.

          Er wollte sich erkundigen, wie das Tier zu dieser „merkwürdigen Deformation“ gekommen sei, wollte seinen Besitzer jedoch nicht kränken. Denn dieser sei offenkundig in den preisgekrönten Wunderhund vernarrt, nach dem sich die Leute in London auf der Straße umgedreht hätten. Twain verkniff sich die Bemerkung, dass „so ein langes, niedriges, dahinwatschelndes Wesen“ auf der ganzen Welt Blicke auf sich gezogen hätte. Er traute sich auch nicht, nach der Rasse zu fragen. Dass es sich um einen Dackel handelte, verrät die Illustration in der Erstausgabe von Twains Reisenotizen. Mehr als hundert Jahre später finden Hundebesitzer derart Gefallen an der sich einer Genmutation verdankenden Deformation des Dackels, dass Züchter wie auch bei anderen Rassen die extremen Merkmale planmäßig übertypisieren. Mit immer länger gestreckten und kurzbeinigeren Wursthunden reagiert die Zucht auf den stetig steigenden Bedarf an süßen Instagram-Dackelbildern, der durch die Beliebtheit des Hundes bei Promi-Trendsettern wie Kim Kardashian noch befeuert wird.

          Der Preis der Niedlichkeit sind schmerzliche Fehlbildungen, die, wie Twain schon vermutete, unter anderem vermehrte Bandscheibenvorfälle verursachen. Gegen diese Form der Qualzucht will der britische Kennel Club jetzt mit neuen Bestimmungen für die Körperlänge und den Bodenabstand vorgehen. Dabei werfen viele dem ältesten Dachverband der Hundezüchtervereine vor, mit seinen Vorgaben für die idealen Rassenmerkmale der Überzüchtung Vorschub geleistet zu haben, die alle Jahre bei Crufts, der größten Hundeschau der Welt, zu beobachten ist. Im vergangenen Jahr hat ein Rauhaardackel den ersten Preis gewonnen. Er zeigte, was er von alledem hielt, indem er beim Siegeslauf in die Arena kotete.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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